1.642 Tage Krieg in der Ukraine: Ein ukrainisches Kriegsbegräbnis
Iwan ist mit 23 Jahren an der Front gefallen. Er hinterlässt seine Frau und die zweijährige Tochter. Nun wird er in der Bukowina beigesetzt.
Foto: Juri Konkewitsch
D ie meisten Toten im Krieg mit Russland bestatten wir in geschlossenen Särgen. Der Krieg mit Drohnen und Raketen zerstört die Körper oft bis zur Unkenntlichkeit. Oft dauert es auch lange, Gefallene von der Front zu bergen. Darum können Angehören ihre Toten kein letztes Mal ansehen, ihre kalten und doch so vertrauten Hände noch einmal berühren.
So war es bislang auch in diesem Dorf in der Bukowina, im Südwesten der Ukraine. Doch die Verwandten des 23-jährigen Freiwilligen Iwan hatten Glück: Sein Leichnam konnte bereits drei Tage nach seinem Tod vom Schlachtfeld geborgen werden. Auch ein zusätzlicher DNA-Abgleich war nicht nötig, da Mutter und Ehefrau Iwan anhand seines Tattoos und eines Armbandes identifizieren konnten.
Bild: privat
Wir treffen die Mutter des Gefallenen in Tscherniwzi an der Leichenhalle. Es ist ein ruhiger Morgen in der Stadt, die 1.000 Kilometer von der Front entfernt liegt. Vögel zwitschern, Passanten eilen mit Coffee-to-go-Bechern vorbei.
Auf einer Bank im Hof wartet die Mutter auf die Leiche ihres Sohnes. Als alle Papiere unterschrieben sind, tragen die Kämpfer der Nationalgarde den Sarg zum Leichenwagen. Gerade, als der Fahrer die Tür schließen will, beugt sie sich herunter und umarmt den Sarg. Sie möchte in diesem Auto neben der Leiche ihres Sohnes zum Friedhof fahren.
über leben
Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne
Im Konvoi zur Bestattung
Dann geht es los: Ein Polizeifahrzeug, der Leichenwagen, unser Auto mit den Flaggen der Brigade, in der Iwan gedient hat – und hinter uns ein Bus mit dem Orchester sowie die Autos der Angehörigen.
In der Stadt ist viel los, die Straßen sind voller Autos. Als sie unseren Autokonvoi näherkommen hören, treten die Menschen an die Ränder der Gehwege, Fahrer steigen aus ihren Autos aus. Manche beten oder sinken auf ein Knie, andere legen eine Hand aufs Herz. Ich bemerke, wie eine Frau ihren beiden Söhnen zeigt, wie man einem Soldaten den letzten Gruß erweist: die rechte Hand am Ellbogen angewinkelt und die Faust nahe am Herzen.
Auf den Straßen sehe ich viele Männer. Bei ihrem Anblick denke ich, dass der 23-jährige Iwan sein Leben auch für sie geopfert hat. An einer Kreuzung versucht ein Radfahrer mit Kopfhörern, vor der Fahrzeugkolonne einzuscheren. Passanten packen ihn am T-Shirt und reden lautstark auf ihn ein.
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Menschen an der Straße knien nieder
Wir fahren fast 30 Kilometer aus der Stadt Tscherniwzi heraus nach Süden in ein Dorf, das schon fast an der rumänischen Grenze liegt. Unterwegs werfen Menschen Blumen auf die Autos und knien neben brennenden Grabkerzen nieder.
Im Dorf angekommen wartet schon die Witwe des Verstorbenen am Hoftor. Die junge Frau mit den verweinten Augen hat keine Kraft zum Sprechen. Seit Iwan von der Front zurückgebracht wurde, hat sie schon mehrfach das Bewusstsein verloren, weshalb immer jemand seiner Kameraden aus dem Bataillon bei ihr bleibt. Ihre zweijährige Tochter hat sie für die Zeit der Beerdigung bei ihren Eltern untergebracht.
Auf dem Hof hört man jetzt ein Gebet in rumänischer Sprache. Hunderte Menschen sind zusammengekommen. Vom Elternhaus des Gefallenen bringen wir den Sarg zur einige Kilometer entfernten Kirche. Zu Fuß gehen wir hinter dem Leichenwagen her. Der Weg führt durch ein Tal, von den Bergen hallen die Klänge des Orchesters wider. Nach der Totenmesse in der Kirche zieht die Prozession den Berg hinauf zum Friedhof. Die Sonne steht jetzt im Zenit, wir sind von grünen Hügeln umgeben. In einem der Kränze, den ein Freund Iwans mitgebracht hat, summt eine Biene. Es ist ein strahlender Sommertag.
Dann schallt die ukrainische Nationalhymne über die Berge. Die Ehrenwache salutiert dem Helden und wir sprechen gemeinsam das „Gebet des ukrainischen Kriegers“, der Text, mit dem die Kämpfer in den Dienst treten. Als alles vorbei ist, kommt Iwans jüngerer Bruder auf uns zu. „Würdet ihr mir das Rangabzeichen meines Bruders schenken? Er war so stolz darauf, der Ukraine zu dienen.“
Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey
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