100.000 Euro für den Dorf-Friseur? So rettete Kerspleben seinen Salon

Friseurmeisterin Natalie Meisel und Kersplebens Ortsteilbürgermeister Ehrhardt Henkel

AUDIO: Gemeinde rettet Friseursalon (2 Min)

Waschen, schneiden, legen, bitte!

Stand: 17.07.2026 06:51 Uhr

Nach dem plötzlichen Tod der Inhaberin bangten die Menschen in Kerspleben um ihren einzigen Friseursalon. Jetzt ist der Treffpunkt im Ort zurück - dank einer ungewöhnlichen Rettungsaktion.

von Sarah Rose

Für viele gehört der Friseurbesuch zum Alltag. In Kerspleben bei Erfurt war er plötzlich nicht mehr selbstverständlich: Nach dem überraschenden Tod der langjährigen Salon-Inhaberin drohte der einzige Friseursalon im Ort zu verschwinden. Für die Kersplebener wäre damit mehr verloren gegangen als nur ein Ort zum Haareschneiden.

Friseurmeisterin Natalie Meisel und Kersplebens Ortsteilbürgermeister Ehrhardt Henkel

Zwei, die sich aufmachten, den Salon zu retten: Friseurmeisterin Natalie Meisel und Ortsteilbürgermeister Ehrhardt Henkel

Der Salon ist ein fester Bestandteil des Dorflebens, eine wichtige Anlaufstelle, vor allem für ältere Dorfbewohner, die sonst länger mit Bus oder Bahn unterwegs wären, um in der Stadt zum Friseur zu gehen.

Eine Nachfolgerin war das kleinste Problem

Eine Lösung musste her. Ortsteilbürgermeister Ehrhardt Henkel (CDU) dachte dabei schnell an Natalie Meisel. Die gebürtige Hamburgerin war vor Jahren bereits der Liebe wegen in das rund 1.800-Seelen-Örtchen gezogen und konnten sich als mobile Friseurin im Ort und in der Umgebung bereits einen Kundenstamm aufbauen.

Frau wird frisiert

Die Gemeinde schrieb die Stelle aus, Natalie Meisel bewarb sich und bekam den Zuschlag. Doch damit war der Salon noch nicht gerettet.

100.000 Euro später

Nach fast 20 Jahren waren die Räume im Bürgerhaus stark renovierungsbedürftig. Nach der ersten Bestandsaufnahme war klar: Soll hier wieder ein moderner und funktionaler Friseursalon entstehen, muss umfassend saniert werden.

Wir mussten die Wände isolieren. Die Elektroleitung musste neu gemacht werden. Die Nachtspeicheröfen waren hinüber. Also haben wir vom Grund her alles hier drin neu gemacht. Ehrhardt Henkel, Ortsteilbürgermeister

Rund 100.000 Euro waren nötig. "Angefangen vom Fußboden, von der Decke, von den Wänden: Wir mussten die Wände isolieren. Die Elektroleitung musste neu gemacht werden. Die Nachtspeicheröfen waren hinüber. Also haben wir vom Grund her alles hier drin neu gemacht“, sagt Ortsteilbürgermeister Ehrhardt Henkel.

Renovierung des Friseursalons in Kerspleben

Zusammen geht alles: Örtliche Handwerker halfen bei der Sanierung.

Mit dem Sanierungsplan stieß die Gemeinde bei der Stadt Erfurt als Eigentümerin des Bürgerhauses allerdings auf wenig Unterstützung. "Dabei hat die Stadt über 20 Jahre Miete für die Räume bekommen", sagt Henkel. Also finanzierte die Gemeinde die Sanierung selbst, unter anderem mit Einnahmen aus einem Windpark. Hinzu kam die Unterstützung zahlreicher örtlicher Handwerksbetriebe.

Ein Lächeln unterm Alu-Hut

Mittwochmorgen, 8 Uhr: Im Salon im Kersplebener Bürgerhaus herrscht wieder Betrieb. Vor dem Spiegel sitzt Gerti Lungmusz. Sie kommt alle zwei Wochen zu Natalie Meisel. Das sei bei ihren kurzen Haaren wichtig. "Föhnen, Schneiden, Strähnchen - nee, das muss schon sein. Man gönnt sich ja sonst nichts", meint die 81-Jährige. Heute bekommt sie Strähnchen. "Damit sie später beim Kaffeeklatsch auch die Schönste ist", ergänzt Natalie Meisel, während sie ihrer Kundin einen "Hut" aus Aluminiumfolie für die Blondierung auf den Kopf faltet.

Nagelstudio im Kersplebener Friseursalon

Zum Beauty-Angebot des Friseursalons gehört nun sogar ein Nagelstudio.

Seit Anfang Mai ist der frisch sanierte Salon wieder geöffnet. Inzwischen gibt es sogar ein zusätzliches Angebot: Nageldesignerin Stephanie Herbst hat dort ihren Platz gefunden. Feste Öffnungszeiten gibt es nicht, gearbeitet wird ausschließlich nach Terminvereinbarung. Gerade vor ihrem Sommerurlaub sind die Tage im Friseursalon lang. Dann brennt auch mal bis 20 Uhr das Licht. Zu tun gibt es genug. Natalie Meisel nimmt es mit Humor - so, wie die Kersplebener sie kennen und schätzen: "Ich sage immer zu meinen Kundinnen: Ich lasse mich noch klonen und noch zwei Arme wachsen, dann passt das."

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MDR (ask)