„Liste erschreckenden Behördenversagens“ : 12.000 Straftaten von 6.800 Ausreisepflichtigen – „Skandal, der immer größer wird“
Stand: 03.09.2026, 13:16 Uhr
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Die Coesfelder Liste weitet sich aus. Das LKA NRW fand bei 6.800 Ausreisepflichtigen 12.000 Ermittlungsverfahren. Worum es bei der Kontroverse geht.
Köln/Düsseldorf – Seit Wochen steht die Kölner Stadtverwaltung unter Druck. Nun gibt es neue Zahlen zur Coesfelder-Liste. Das zunächst lokale Problem der Stadt Köln, hat sich unterdessen auf ganz Nordrhein-Westfalen ausgeweitet. Das Landeskriminalamt (LKA) Nordrhein-Westfalen hatte bei der Überprüfung von rund 6.800 ausreisepflichtigen Migranten aus Westbalkanstaaten und dem Irak mindestens 12.000 Ermittlungsverfahren im Polizeisystem VIVA gefunden. Rund 2.100 der gelisteten Personen tauchen in Ermittlungsakten auf, berichtet der Kölner Stadt-Anzeiger unter Berufung auf Sicherheitskreise.

Unter den erfassten Ermittlungsverfahren befinden sich elf Straftaten gegen das Leben sowie zahlreiche Drogendelikte, Betrügereien, Einbrüche, bandenmäßige sowie Laden- und Taschendiebstähle, Raubüberfälle und Fälle gefährlicher Körperverletzung. Unklar ist noch, wie viele der Verfahren letztlich zu einem Schuldspruch führten. Eine genaue Aufschlüsselung der Fälle wird erst für die kommenden Tage erwartet.
Worum geht es bei der Kontroverse um die Coesfelder Liste?
Die „Coesfelder Liste“ ist eine Aufstellung von 471 ausreisepflichtigen Migranten aus Westbalkan-Staaten, die die Zentrale Ausländerbehörde (ZAB) des Landes Nordrhein-Westfalen mit Sitz in Coesfeld im November 2024 der Stadt Köln übermittelte. Ziel war es, für diese Personen Passersatzpapiere zu beschaffen, die eine wichtige Voraussetzung für Rückführungen in ihre Herkunftsländer sind. Die Stadt Köln lehnte das Angebot jedoch ab, obwohl auf der Liste auch einschlägig verurteilte Straftäter geführt wurden.
Nach einer größeren Kontroverse um die Coesfelder Liste wertete das Landeskriminalamt NRW nun im Auftrag der Landesregierung weitere Abschiebelisten aus: Von rund 6.800 erfassten ausreisepflichtigen Personen aus den Westbalkan-Staaten und dem Irak sollen gegen etwa 2.100 Ermittlungen laufen oder gelaufen sein.
Ausgelöst durch die Coesfelder Liste: Überprüfung von 6.800 Migranten in NRW
Außerdem stellte NRW-Integrationsministerin Verena Schäffer (Grüne) weitere Erkenntnisse zum Kölner Bleiberechtsprojekt am Mittwoch in einer Sondersitzung des Integrationsausschusses vor. Von 218 Personen aus den Westbalkanländern, die 2024 in dem Projekt betreut wurden, waren 119 bereits strafrechtlich in Erscheinung getreten, wie der WDR berichtet. Die Delikte reichten von Bagatellen wie Schwarzfahren bis hin zu schwerer Körperverletzung. Im laufenden Jahr 2026 sind 76 von 153 Westbalkan-Teilnehmern im Bleiberechtsprogramm strafrechtlich auffällig geworden.
Ministerin Schäffer hatte Innenminister Herbert Reul (CDU) um die landesweite strafrechtliche Überprüfung der rund 6.800 Personen gebeten. Der Schritt war eine Reaktion auf Berichte des Kölner Stadt-Anzeiger über die sogenannte Liste Coesfeld und den Umgang der Stadt Köln damit. „Ich will Transparenz und Klarheit“, sagte Schäffer gegenüber der Zeitung. Zugleich mahnte sie zur Verhältnismäßigkeit: „Jede Straftat ist eine Straftat zu viel. Wer Straftaten begeht, hat sein Bleiberecht in Deutschland verwirkt.“ Einen Generalverdacht gegen Geflüchtete dürfe es jedoch nicht geben.
Skandal um Coesfelder Liste weitet sich auf NRW aus – schlechte Kommunikation unter den Behörden
Die Coesfelder Liste war als Hilfsangebot des Landes NRW gedacht, das die Stadt Köln offenbar ignoriert hatte. Im November 2024 übermittelte die Zentrale Ausländerbehörde (ZAB) in Coesfeld den kommunalen Ausländerbehörden landesweit die Namen von 1.247 vollziehbar ausreisepflichtigen Personen. An Köln gingen 471 Namen – verbunden mit dem Angebot, für diese Menschen Passersatzpapiere und EU-Ausweise zu beschaffen. Die Rückführungsabteilung der Kölner Ausländerbehörde reagierte nicht, berichtet der WDR. Das Kölner Bleiberechtsprogramm antwortete, man benötige keine Passersatzpapiere, da die Personen durch Sozialberater integriert werden sollten.
Die Stadt Köln verweist zur Erklärung darauf, dass die Liste ungewöhnlicherweise direkt bei ihr einging und nicht wie üblich, über Ministerium und Bezirksregierung. Man habe daher nicht gewusst, wie damit umzugehen sei, und im November 2024 bei der Bezirksregierung nachgefragt. Eine Antwort sei nie gekommen. Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) beauftragte Stadtdirektorin Dörte Diemert mit der Aufarbeitung. Ihr Zwischenfazit vom 19. August: Es sei „denkbar unglücklich“ gelaufen, die Kommunikation „missverständlich und unglücklich“, wie der WDR schreibt.
CDU-Vizefraktionschef Gregor Golland übte scharfe Kritik, gegenüber dem Kölner Stadtanzeiger. Er bezeichnete die Ergebnisse als „Liste erschreckenden Behördenversagens“ und sprach von einem „Skandal, der immer größer wird“. Er sieht „ein strukturelles Problem“ der Kölner Stadtverwaltung und forderte das Einschalten der Bezirksregierung als Kommunalaufsicht. (Quellen: Kölner Stadtanzeiger/WDR/eigene Recherche) (sischr)