160 Jahre alte Familienbrauerei meldet Insolvenz an – 60 Beschäftigte bangen um ihre Zukunft

Stand: 30.07.2026, 12:51 Uhr

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Lange Tradition, jetzt Insolvenz: Eine bekannte NRW-Privatbrauerei kämpft ums Überleben – was hinter dem Schritt steckt.

Marsberg-Westheim – Der Bierkonsum in Deutschland nimmt von Jahr zu Jahr immer weiter ab. Gute Nachrichten für die Gesundheit, schlechte für die Brauereien, auch in NRW. So auch für die Gräflich zu Stolberg’sche Brauerei in Marsberg-Westheim, die nun Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt hat. Damit steht die Zukunft der seit über 160 Jahren familiengeführten Privatbrauerei auf der Kippe.

Den sinkenden Bierkonsum spürt auch eine Familienbrauerei aus NRW, die Insolvenz angemeldet hat.

Den sinkenden Bierkonsum spürt auch eine Familienbrauerei aus NRW, die Insolvenz angemeldet hat. © IMAGO / INSADCO / Markus Grummt / Montage: wa.de

Das Unternehmen hat am 27. Juli beim Amtsgericht Bielefeld die Eröffnung des Verfahrens beantragt. Das Gericht habe dem Antrag bereits entsprochen und die vorläufige Eigenverwaltung angeordnet, wie die Brauerei auf Nachfrage von wa.de bestätigte. Damit bleibt die Geschäftsführung handlungsfähig, die Restrukturierung soll unter gerichtlicher Aufsicht erfolgen. Von der Insolvenz betroffen seien 58 Mitarbeitende sowie zwei Auszubildende. Auf den laufenden Betrieb soll die Insolvenz keine Auswirkungen haben, Produktion, Abfüllung und Auslieferung gehen planmäßig weiter.

Familienbrauerei Westheim in sechster Generation

Seit ihrer Gründung 1862 befindet sich die Brauerei durchgehend in Familienhand und wird heute in sechster Generation geführt. Zum Markenportfolio gehörten neben der Hauptmarke Westheimer auch Arolser, Allersheimer, Caluna sowie die Limonaden limoNAHde und Nah2O. Für ihre Braukunst sei die Brauerei mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Meister.Werk.NRW, mehreren DLG-Goldmedaillen und dem Landesehrenpreis, wie das Unternehmen mitteilt

Josef von Twickel (links) hat die Geschäftsführung der Brauerei Westheim im August 2020 an seinen Sohn Moritz von Twickel abgegeben.

Der geschäftsführende Gesellschafter Moritz von Twickel (rechts) hat das Zepter der Brauerei Westheim im Jahr 2020 von seinem Vater Josef übernommen. © RalfxRottmann/IMAGO/Funke Foto Services

„Unsere Branche befindet sich mitten in einem tiefgreifenden Wandel. Diesem Wandel begegnen wir nicht mit Stillstand, sondern mit einer klaren Entscheidung für die Zukunft unseres Unternehmens“, erklärte Geschäftsführer Dirk Brüninghaus den Schritt in die eigenverwaltete Insolvenz. Die Eigenverwaltung verschaffe dem Unternehmen den notwendigen Rahmen, die wirtschaftliche Basis nachhaltig zu stärken und die Brauerei langfristig erfolgreich weiterzuentwickeln.

160 Jahre alte Familienbrauerei meldet Insolvenz an

Auch der geschäftsführende Gesellschafter Moritz von Twickel gibt sich kämpferisch: „Unsere Brauerei steht seit über 160 Jahren für Regionalität, Verlässlichkeit und handwerkliche Braukunst. Diese Werte bleiben unverändert bestehen. Als Familienunternehmen denken wir nicht in Quartalen, sondern in Generationen.“ Er danke zudem den Mitarbeitenden, Kundinnen und Kunden, Lieferanten sowie allen Partnern für ihr Vertrauen.

Als Ursachen nennt das Unternehmen mehrere Faktoren: Die gesamte deutsche Brauwirtschaft stecke seit Jahren in einem tiefgreifenden Wandel, der Bierkonsum gehe kontinuierlich zurück, während gleichzeitig die Anforderungen an Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit stiegen. Hinzu kämen stark gestiegene Kosten für Energie, Rohstoffe, Verpackung, Logistik und Personal sowie die wirtschaftlichen Nachwirkungen der Corona-Pandemie, die vor allem mittelständische Brauereien wie Westheim unter Druck gesetzt hätten. Trotz eigener Anpassungsmaßnahmen hätten sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zuletzt weiter verschärft.

Bierbranche in Deutschland steht unter Druck

Eine Statistik des Deutschen Brauer-Bunds bestätigt die Aussagen der Brauerei, dass die gesamte Bierbranche unter Druck steht. Der Bierabsatz ist zwischen 2018 und 2025 um mehr als 15 Prozent gesunken, der Pro-Kopf-Verbrauch im selben Zeitraum von 99 auf 84,3 Liter zurückgegangen.

Ein weiteres Familienunternehmen aus NRW mit rund 100 Beschäftigten musste unlängst ebenfalls Insolvenz anmelden. In Hamm sorgt aktuell ein Versicherungsmakler-Fall mit möglicher Insolvenzverschleppung für Aufsehen.