28 Meter Carrera-Rennstrecke im Kreis Pinneberg: „Boennering“ weckt Kinderträume in Erwachsenen
Die Rennbahn liegt etwas versteckt in einem ehemaligen Industriegebäude in Bönningstedt. Wo bis Mitte der 90er-Jahre die Rugenbergener Mühle 22 verschiedene Brotsorten gebacken hatte, bricht jetzt jede Woche das Rennfieber aus. 40 Enthusiasten lassen hier voller Begeisterung ihre kleinen Flitzer über die Carrera-Bahn jagen. 28 Meter lang ist ihre Rennstrecke mit zahlreichen Kurven, Schikanen und Weichen zum Überholen, die sie liebevoll ihren Boennering nennen.

Angefangen hatte der Spaß vor etwa 20 Jahren mit einer Männerrunde, die zusammen ihren Urlaub in Dänemark verbrachte, erzählt Martin Redel. Zur Unterhaltung besorgten sie sich eine Carrera-Bahn, die dann der Hit an der Nordsee war. „Als wir die damals in der Europa-Passage gekauft haben und dann mit den großen Paketen durch die Stadt liefen, drehten sich immer wieder andere Typen anerkennend zu uns um“, erinnert sich Redel. „Da wussten wir, dass wir genau das Richtige gemacht haben.“
Carrera-Bahn: Erwachsene erfüllen sich am Boennering Kindheitsträume
Für ihn war das ohnehin ein Kindheitstraum, den er sich erst im Erwachsenenalter erfüllen konnte. „Mein Vater liebte die Eisenbahn.“ So blieb der Wunsch, einmal mit der Carrera-Bahn zu spielen, für den Bönningstedter viele Jahre eine Sehnsucht, ein kleines Trauma. Bis er auf den Boennering stieß. „Dann war diese multiple Enttäuschung endlich geheilt.“

Sie leben hier ihre Kindheitsräume noch mal an der Carrera-Bahn aus: Martin Redel (von vorn nach hinten), Andreas Stein-Grübner, Stefan Brosius und Frank Lobers.© Burkhard Fuchs | Burkhard Fuchs
Stefan Brosius aus Ellerau hat dagegen dieses „Rennfieber“ mit den schnellen Modellautos im Maßstab von 1:24 oder 1:32 nie losgelassen. Als Kind schon spielte er damit, später mit seinen Söhnen, jetzt mit seinen Freunden am Boennering. „Ich finde, es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit nachzuholen oder diese weiter auszuleben.“
Spannung an der Bahn: Rennfahrer liefern sich hitziges Duell
Er liebe es, mit seinen Flitzern die Kollegen bei den vereinsinternen Rennen abzuhängen, sagt Brosius begeistert. „Alle sind wie losgelöst“, beschreibt er diese knisternde Spannung und aufgeheizte Stimmung an der Bahn. Jeder möchte gewinnen und als erster ins Ziel rasen. „Das macht mich unheimlich froh“, sagt Brosius. Wobei Martin Redel einschränkt: „Ich lasse mich gerne mal überholen.“

Vereinschef Andreas Stein-Grübner an der elektronischen Startaufstellung am Boennering.© Burkhard Fuchs | Burkhard Fuchs
Der Carrera-Superfreak ist Frank Lobers, der im Verein für die Technik zuständig ist. Er sammelt diese Rennwagen. 2000 Stück hat er inzwischen zusammen, auf Online-Börsen erworben oder anderen Liebhabern abgerungen. Sein bestes Pferd im Stall sei ein Porsche 911 GT1 der seltenen SCX-Serie, von denen es nur ganz wenige auf dem Markt gebe. 400 Euro sei das Auto wert, sagt er stolz und fügt hinzu: „Ich fahre meine Autos hier aber nicht. Zum Fahren sind sie zu schön.“
Digitale Rennbahn: 700 Meter Kabel steuern 28 Meter lange Strecke
Die 28 Meter lange Bahn ist voll digitalisiert. 700 Meter Kabel sind verbaut. Auf einem Bildschirm ist für die jeweilige Anzahl der Fahrer ein genauer Rennplan elektronisch erstellt, wann welche Autos an den Start gehen können oder pausieren sollen. Es gibt sogar simulierte Tankstopps, die genau eingehalten werden müssen, sonst zählt die nächste Runde nicht. An einer kleinen Maschine können die Reifen der kleinen Flitzer zu Slicks nachgeschliffen werden, was mit feinstem 400er-Schmirgelpapier passiert.
Sieben bis acht Sekunden brauchen die meisten Rennwagen für eine Runde, erzählt Andreas Stein-Grübner, der für seine Carrera-Bahn-Leidenschaft immer aus Barmbek nach Bönningstedt kommt und der Vereinsvorsitzende ist. Der Rundenrekord liege bei 3,4 Sekunden. Das entspricht einer Geschwindigkeit von fast 30 km/h. Bei der kleinen Größe der Fahrzeuge ist das ein atemberaubendes Tempo.
Boennering qualifiziert sich für Deutsche Meisterschaften im Rennsport
Die Bönningstedter Carrera-Fans nehmen sogar an Deutschen Meisterschaften teil. Am 10. April nächsten Jahres trifft sich die bundesweite Elite hier am Boennering. Mehr als 30 Rennen werden landesweit ausgetragen. Und sie laden Firmen und Gesellschaften zu sich ein, ihre Feiern, Jubiläen oder Geburtstage am Boennering zu begehen. Dann werde der zum „Rock am Ring“ mit Musik, Catering und professioneller Rennleitung, sagt Redel.
Mehr als 100 solcher Veranstaltungen hätten sie schon ausgetragen. Ihren Gästen gehe es dann genauso wie ihnen. Das Rennfieber packt sie. Da krempelten sich die seriösen Banker oder Juristen rasch die Ärmel hoch und zogen sich die Krawatten aus. Besseres Networking geht kaum. Am Ende sagen dann alle mit funkelnden Augen: „Hoffentlich bis bald!“, sagt Redel. „Wir schaffen hier mit unserer Bahn kleine Alltagsfluchten, indem wir ihnen ein Stück ihrer Kindheit zurückbringen. Das ist wie eine Insel der Glückseligkeit“, schwärmt der Vereinschef Andreas Stein-Grübner.
Benefiz-Rennen: Firmen und Vereine fahren für den guten Zweck
Und ein-, zweimal im Jahr laden sie auch zu Benefiz-Rennen ein, die 2000 bis 4000 Euro für den guten Zweck einbrächten. So unterstützten kranke Kinder mit dem Rett-Syndrom. Dieser Gen-Defekt treffe vor allem Mädchen, die dann nicht mehr sprechen oder laufen könnten und schwerstbehindert seien, erklärt Nicole Schreiner von der Elternhilfe-Nord, die 70 Familien betreut. „Der Verein Boennering unterstützt uns sehr mit Spaß und guter Laune und hat das Herz am richtigen Fleck“, sagt sie. Damit auch diese Kinder Carrera-Bahn fahren können, haben die Tüftler im Verein sogar „die weltweit einzigartige Augensteuerung“ für sie entwickelt, erklärt Martin Redel stolz.
Auch die Grundschüler aus Bönningstedt dürfen hier regelmäßig kleine Rennen fahren. Der Kurs sei immer ausgebucht und die Kinder seien begeistert bei der Sache. „Das sehen wir immer an ihren strahlenden Gesichtern“, erklärt Redel. „Und sie lernen auch noch etwas über Technik, Strom und Spannung.“
Gemeinsames Hobby schweißt Männerfreundschaften am Boennering zusammen
Im Laufe der Jahre hätten sich hier wahre Freundschaften entwickelt. „Im älteren Erwachsenenalter ist es ja nicht mehr so einfach, neue Freundeskreise zu finden“, erklärt Frank Lobers. Hier in Bönningstedt einmal in der Woche donnerstags mit Gleichgesinnten Rennen zu fahren, Spaß zu haben, an den Autos zu schrauben oder an der Carrera-Bahn zu tüfteln, schweißt zusammen. „Wir tauschen uns hier aus, hören zusammen Musik und gehen auch gelegentlich ins Kino oder zu anderen Veranstaltungen“, sagt Stein-Grübner.
Nur an Frauen mangelt es noch. Dafür soll jetzt demnächst ein „Ladies-Cup“ am Boennering starten, kündigen sie an. Bislang seien es vor allem ihre Ehefrauen, die sich hierher verliefen, sagt Martin Redel. „Die sind froh, dass sie wissen, wo ihre Männer sind. Dabei können sie alle hervorragend fahren.“
Info: www.boennering.de