30 Jungen, 4 Workshops, eine Frage: Was macht einen Mann aus?
Stand: 03.10.2026, 18:00 Uhr
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Der Landkreis Waldeck-Frankenberg lud Jungen zwischen 11 und 15 Jahren auf Burg Hessenstein ein. Statt eines fertigen Männerbildes erwarteten sie Jonglage, Metallguss und Brotbacken.
Vöhl – „Wann ist ein Mann ein Mann?“ Diese Frage stellte Herbert Grönemeyer bereits 1984 in seinem Lied „Männer“. Mehr als 40 Jahre später bleibt sie aktuell. Denn alte Vorstellungen halten sich: Ein Mann muss stark sein, darf keine Angst zeigen und kommt allein zurecht.
Geschlechtersensible Jugendarbeit
Jungen- und Mädchenarbeit hat sich zu einem anerkannten Arbeitsansatz in der Jugendhilfe entwickelt. Im Mittelpunkt stehen die Erfahrungen der Jungen und die Frage, welche Rolle ihr Geschlecht in ihrem Alltag spielt. Begleitet werden die Angebote von männlichen pädagogischen Fachkräften. Diese setzen sich auch mit ihrem eigenen Rollenbild auseinander. Gemeinsam mit den Jungen hinterfragen sie klassische Vorstellungen – etwa, dass Jungen immer stark sein und ihre Probleme allein lösen müssten. Solche Angebote sind allerdings noch nicht überall selbstverständlich. Deshalb arbeiten Fachkräfte in regionalen und landesweiten Arbeitskreisen zusammen.
Der Volkmarser Jugendpfleger Marcos Koutelas und der Korbacher Ergotherapeut Christof Nolte zeigten den 30 Teilnehmern des Jungencamps, wie wenig diese Klischees mit der Wirklichkeit zu tun haben.
Das dreitägige Camp richtete sich an Jungen im Alter von elf bis 15 Jahren aus dem Landkreis. Unter dem Motto „Mission machbar“ nahmen sie neue Herausforderungen an und entdeckten ihre Fähigkeiten.
Der Fachdienst Sport und Jugendarbeit des Landkreises Waldeck-Frankenberg veranstaltete das Camp gemeinsam mit kommunalen und kirchlichen Jugendarbeitern aus dem Landkreis, sowie ehrenamtlichen Betreuern.
Klischeekiste der Männlichkeit
Zum Auftakt des Wochenendes spielten Koutelas und Nolte ein Improvisationstheater. Sie übertrieben typische Rollenbilder und stellten sie auf den Kopf. Muss ein Junge jede Aufgabe sofort schaffen? Darf er Unsicherheit zeigen? Muss er immer körperlich stark sein?
„Ich bin ja jetzt schon alt“, sagte Koutelas in einer Szene. „Früher habe ich geglaubt, ein Mann müsse alles allein können, immer stark sein und dürfe sich nichts anmerken lassen. Heute brauche ich das alles nicht mehr.“
„Es geht nicht darum, dass alle Jungen dasselbe können oder mögen“, ergänzte Nolte. „Jeder soll herausfinden, was zu ihm passt und wo seine eigenen Stärken liegen.“
Grönemeyer lieferte damals keine endgültige Antwort. Auch das Jungencamp gab den Teilnehmern kein fertiges Männerbild vor. Es ermutigte sie, ihre eigene Antwort zu suchen.
Stärken entdecken, Gemeinschaft erleben
Am Samstag stellten vier Workshops die Jungen vor unterschiedliche Herausforderungen.
„Ich weiß noch gar nicht, was ich ausprobieren will“, sagte ein Junge zu Beginn des Workshops „Koordination für Fortgeschrittene“. Im Burghof lagen Jonglierbälle, Diabolos, Keulen und Drehteller bereit.
Marvin Fischer und Manuel Schmidt, Jugendkoordinator der Stadt Bad Wildungen, erklärten die Geräte und gaben Tipps. Bälle fielen zu Boden, Diabolos rutschten von den Schnüren und Teller kippten von ihren Stäben. Doch die Jungen griffen immer wieder danach.
Bald drehten sich die ersten Teller und die Unsicherheit wich dem Ehrgeiz. Jede Gruppe entwickelte einen eigenen Auftritt und zeigte ihn anschließend vor allen Teilnehmern.
Beim Waldworkout „Stark wie ein Baum“ testeten die Jungen ihre Kraft und Ausdauer. Der ehrenamtliche Betreuer Jan Appel und Marius Hamel vom Fachdienst Sport und Jugendarbeit begleiteten sie.
Im Workshop „Schwer wie Blei“ gestalteten die Jungen mit Christof Nolte und Maurice Müller eigene Figuren aus Metall. Dabei brauchten sie Fantasie, Geduld und handwerkliches Geschick. Aber sie achteten auch gegenseitig aufeinander. „Achtung, die Flamme ist heiß. Pass auf, dass du dir das Metall nicht über die Hand gießt“, warnte ein Junge einen anderen.
Marcos Koutelas und Mattis Jahncke begleiteten eine weitere Gruppe in der Backstube. Die Jungen mahlten ihr Mehl, kneteten den Teig, formten Brötchen und behielten den Ofen im Blick.
Nicht jedem lag dieselbe Aufgabe. Genau das gehörte zum Konzept: Jeder Junge sollte etwas finden, das ihm Freude bereitete, und eine positive Erfahrung über sich selbst mitnehmen.
Stärke zeige sich nicht nur in der Körperkraft. Sie zeigte sich auch in Geduld, Kreativität, Verantwortung und der Fähigkeit, Hilfe anzubieten und anzunehmen.
Christof Nolte begleitet das Jungencamp seit seinen Anfängen. „Ich bin von Anfang an dabei und fahre immer wieder mit, weil ich es einfach gerne mache“, sagt er mit breitem Grinsen.
Vom Teilnehmer zum Betreuer
Mattis Jahncke half zum ersten Mal als ehrenamtlicher Betreuer mit. „Früher war ich selbst als Kind dabei. Deshalb wollte ich unbedingt auch Betreuer sein. Die Atmosphäre ist richtig toll.“
Niklas Wagener nahm erstmals als Jugendreferent der Evangelischen Jugend Eder teil. „Ich bin begeistert, wie gut das Team zusammenarbeitet“, sagt er. Auch die Jungen seien schnell zu einer Gemeinschaft geworden. „Viele haben sich erst am Freitag kennengelernt. Trotzdem wirkt es, als würden sie sich schon viel länger kennen.“
Am Samstagabend saßen alle gemeinsam am Lagerfeuer im Burghof. Sie erzählten, lachten, backten Waffeln und griffen sogar zur Stricknadel. Am Sonntag entwickelten die Jungen eigene Spiele, darunter ein Versteckspiel in der gesamten Burg und eine besondere Form der „Reise nach Jerusalem“. Sie erklärten die Regeln, leiteten die anderen Jungen an und bezogen jeden ein.
Einige Jungen kannten das Camp bereits, andere nahmen zum ersten Mal teil. „Ich habe hier viele neue Freunde gefunden“, sagt einer von ihnen in der Abschlussrunde.
Am Ende kehrt Grönemeyers Frage zurück: „Wann ist ein Mann ein Mann?“ Im Camp gab es keine klare Definition, sondern 30 verschiedene Antworten. Sie zeigten: Es gibt nicht die eine richtige Art, ein Junge oder ein Mann zu sein.