Radikaler Plan gegen die Pflege-Krise: Müssen Beamte und Reiche bald zahlen?

3200 Euro im Monat für Pflege: Fast jeder Dritte benötigt Sozialamt – Linke fordert radikale Reform

Stand: 10.10.2026, 13:16 Uhr

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Eine Pflegerin geht mit einer Bewohnerin des Pflegeheims und einem Rollator über den Flur.

Eine Pflegerin geht mit einer Bewohnerin des Pflegeheims und einem Rollator über den Flur. (Symbolfoto) © Tom Weller/dpa

Ein Heimplatz in Bayern kostet fast 3200 Euro – im Monat. Immer mehr Heimbewohner landen beim Sozialamt. Nun gibt es neuen Streit um eine Bürgerkasse.

Berlin/München – Ein Pflegeplatz im Alter wird für immer mehr Familien in Bayern zum unbezahlbaren Kraftakt: Wer im Freistaat vollstationär im Heim betreut wird, zahlt im ersten Aufenthaltsjahr durchschnittlich 3196 Euro monatlich aus eigener Tasche – Mitte 2024 waren es noch 2814 Euro. Das hatte kürzlich der Verband der Ersatzkassen (vdek) errechnet.

Angesichts explodierender Eigenanteile und Tausender Senioren, die nach einem langen Arbeitsleben auf Sozialhilfe angewiesen sind, fordert die Linkspartei nun eine radikale Kehrtwende: eine einheitliche Pflege-Bürgerversicherung, in die auch Beamte, Selbstständige und Vermögende einzahlen.

Explodierende Kosten bei der Pflege: Linke fordert Bürgerversicherung

In einem Antragsentwurf für den Parteivorstand, der der Nachrichtenagentur AFP vorliegt, warnt die Partei vor „amerikanischen Verhältnissen“. Ko-Parteichefin Ines Schwerdtner forderte Union und SPD auf, ihren „Kürzungskurs“ bei Rentnern, Pflegebedürftigen und Familien zu stoppen, während Superreiche geschützt blieben. Ko-Chef Luigi Pantisano ergänzte: „Wer den Menschen die Kaufkraft und soziale Sicherheit nimmt, kann nicht gleichzeitig einen wirtschaftlichen Aufschwung im Land erwarten.“

Konkret verlangt die Linke, die Beitragsbemessungsgrenzen deutlich anzuheben und künftig auch Abgaben auf Dividenden und Zinsen zu erheben. „Dass gerade diese Einkommen bisher von Beiträgen befreit sind, ist ungerecht und nicht mehr zu erklären“, heißt es im Entwurf.

Was würde es bringen, wenn Beamte und Selbstständige einzahlen?

Ökonomen und Forschungsinstitute haben die finanziellen Effekte einer solchen Bürgerversicherung mehrfach durchgerechnet:

Beitragssatz-Entlastung bei der Rente: Nach Modellrechnungen des DIW Berlin und der Hans-Böckler-Stiftung würde die Einbeziehung aller Erwerbstätigen den Rentenbeitrag über 20 bis 30 Jahre um 1,0 bis 1,7 Prozentpunkte senken, da neue Einzahler sofort Geld in die Kasse bringen, Rentenansprüche aber erst Jahrzehnte später fällig werden.

Milliarden-Ersparnis beim Staat: Eine Studie der Bertelsmann Stiftung (IGES Institut) beziffert die möglichen Einsparungen der öffentlichen Hand bei Beihilfe-Zahlungen für Beamte in Gesundheit und Pflege auf bis zu 60 Milliarden Euro.

Höhere Beitragsgrenzen: Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) errechnete, dass eine Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze sofortige Mehreinnahmen von rund 5,8 Milliarden Euro brächte.

Der Haken (Kritik): Experten des IW Köln warnen vor einem „Bumerang-Effekt“: Weil Beamte und Gutverdiener im Schnitt höhere Einkommen haben, erwerben sie auch deutlich höhere Rentenansprüche. Das Problem würde vor allem in die Zukunft verschoben.

Die Bundesregierung hat eine Pflege- und Rentenreform bereits angekündigt, Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) geht jedoch selbst nicht mehr davon aus, dass die Umsetzungen noch bis Jahresende gelingen. Dass der Reformdruck enorm ist, belegen die Zahlen: Das Rentenniveau sinkt seit Mitte der 2000er-Jahre, während sich die Altersarmut verdoppelt hat. In der sozialen Pflegeversicherung zeichnet sich für 2026 ein reales Defizit von 4,2 bis 4,4 Milliarden Euro ab – ein Bundesdarlehen von 3,2 Milliarden Euro verdeckt die Schieflage nur notdürftig. Weil sich die Zahl der Pflegebedürftigen seit 2017 auf mehr als sechs Millionen verdoppelt hat, explodieren die Jahresausgaben auf rund 70 Milliarden Euro. Für 2027 warnt die GKV bereits vor einer Finanzierungslücke von zehn Milliarden Euro.

In der Rentenkasse ist die Lage kaum besser: Der Bund stützt sie 2026 mit Steuerzuschüssen von 127,8 Milliarden Euro – fast ein Viertel des gesamten Bundeshaushalts. Sind die Rücklagen Ende 2027 aufgebraucht, droht Beitragszahlern ab 2028 ein Beitragssprung von derzeit 18,6 auf 19,9 Prozent.

Extreme Unterschiede: München und Starnberg an der Kostenspitze

Besonders im Großraum München und im Oberland droht Pflegebedürftigen laut einer Erhebung des Instituts der deutschen Wirtschaft der finanzielle Ruin. Nach aktuellen Erhebungen liegt der monatliche Eigenanteil in der Landeshauptstadt München bei 3259 Euro, im Kreis Starnberg bei 3236 Euro und im Kreis Landsberg am Lech bei 3235 Euro. Deutlich günstiger ist es in Teilen Frankens oder der Oberpfalz:

Region / LandkreisEigenanteil pro Monat
München (Stadt)3259 €
Landkreis Starnberg3236 €
Landkreis Landsberg am Lech3235 €
Bayern-Durchschnitt3196 €
Landkreis Aschaffenburg2557 €

Zwar federt die gesetzliche Entlastungsstaffel die reinen Pflegekosten ab (von 15 Prozent im ersten bis zu 75 Prozent ab dem vierten Jahr). Doch selbst bei maximaler Förderstufe liegt die Zuzahlung für Unterkunft, Verpflegung und Investitionen in Bayern im Schnitt noch immer bei 1876 Euro im Monat.

Hilfe zur Pflege: Jeder Dritte im Heim landet beim Sozialamt

Das bayerische Landespflegegeld von 1000 Euro jährlich kann die Kostenexplosion kaum bremsen. Immer mehr Betroffene rutschen in die „Hilfe zur Pflege“: Allein in Oberbayern stieg die Zahl der Sozialhilfe-Empfänger in der Pflege zuletzt von 14.600 auf 17.600 Personen. In vielen Caritas-Heimen ist mittlerweile fast jeder dritte Bewohner (rund 30 Prozent) auf staatliche Unterstützung angewiesen.

Die Dimension des Problems wächst weiter: Aktuell leben über 600.000 Pflegebedürftige im Freistaat. Bis 2040 wird diese Zahl laut Pflegereport auf 870.000 klettern, bis 2060 sogar die Millionengrenze überschreiten. (Quellen: AFP, Welt, eigene Recherche) (jenko)