Das Geheimnis von ABBAS "Dancing Queen"

Er dauerte zu lange. Also mussten sie kürzen. Deswegen fängt der Song mit seinem Refrain an. Es ist ein Indiz für besonders verführerische Songs, wenn sie nicht mit einer Strophe beginnen, sondern direkt zur Sache kommen. „Last Christmas“ von Wham! ist noch so ein Beispiel dafür. In der Erzähltheorie nennt man das in medias res, man könnte auch einfach wham! dazu sagen, weil es besser beschreibt, was passiert, wenn man das hört. Und nicht anders kann, als loszutanzen. Und mitzusingen.

You can dance

You can jive

Having the time of your life

See that girl

Watch that scene

Digging the Dancing Queen.

Im März 1976 hatten Björn Ulvaeus und Benny Andersson auf der Schären-Insel Viggsö mit einem neuen Song begonnen. So hatten sie das bei ABBA immer gemacht: Sie hatten in ihrem Ferienhäuschen mit Gitarre und Klavier schon einige ihrer größten Hits geschrieben, auch „Waterloo“, mit dem ABBA 1974 auf einen Schlag, wham!, beim Eurovision Song Contest berühmt geworden waren.

Was alles unter dem Oberflächenglanz der Songs steckte

Sie hatten also erst Melodien komponiert, ihre Partnerinnen, die Sängerinnen Agnetha Fältskog und Frida Lyngstad, dann dazugeholt, und so war, nach und nach, auch dieser neue Song entstanden. Er war also erst zu lang, wie die vier dann im Studio feststellten, als noch Schlagzeug und Bass und Streicher und Synthesizer dazukamen. Daher kürzten sie „Dancing Queen“ ein. Am 16. August 1976 ist der Song erschienen. Der Rest ist Geschichte.

Sagt man dann ja immer so. Fast neun Millionen Tonträger wurden von „Dancing Queen“ verkauft. Zwei Milliarden Streams sind es inzwischen auf Spotify. In 16 Ländern stand „Dancing Queen“ an der Spitze der Charts. Aber dieser Rest von der Geschichte ist dann doch nicht ganz so einfach. Denn zwischen dem Erfolg, den ABBA schon vor „Dancing Queen“ erlebt hatten und der – auch dank einer hysterischen und verfilmten Australien-Tour im selben Jahr 1976 – danach nur noch irrer wurde, zwischen diesem Welterfolg und der Legende, zu der die vier aus Schweden dann wurden, lagen entscheidende Jahre in der Popmusik. In denen sich vieles veränderte. Vor allem was die Frage angeht, ob unter Oberflächenglanz ästhetische und intellektuelle Substanz stecken kann. Wenn dieser Oberflächenglanz dann auch noch so viele Menschen wie im Fall von ABBA anzieht, wächst die Skepsis umso mehr.

DSGVO Platzhalter

ABBA aus Schweden hatten entscheidenden Einfluss darauf, die internationale Popmusik zu europäisieren, Mitte der 1970er-Jahre war sie noch immer und seit Langem geprägt und beherrscht von dem, was in England oder den USA passierte. Man könnte das, was ABBA damals auslösten, vorsichtig mit dem vergleichen, was die südkoreanische Boyband BTS gerade weltweit erlebt. Aber ABBA waren eben nicht nur etwas für junge Fans, waren nicht nur eine Familie, anfangs jedenfalls, weil hier ja zwei Paare zusammenarbeiteten: Sie waren auch familientauglich. (Der blonde Björn Ulvaeus und der bärtige Benny Andersson, hat der Pophistoriker und -Musiker Bob Stanley einmal geschrieben, sahen aus wie die „typischen 70er-Jahre-Onkel“). Ihre Melodien waren geprägt von skandinavischer Volksmusik, überhaupt von Folklore, gemischt mit den Sensibilitäten der europäischen Klassik, dem Melodram des Musicals – und mit Disco, dem neuen Sound aus den amerikanischen Großstädten, den man in „Dancing Queen“ spürt. Der Song erzählt ja nicht nur von einer Nacht in der Disco, er klingt auch so. Der Einfluss des sexy schleichenden Beats von „Rock you Baby“ von George McCrae, ein Jahr früher erschienen, ist unüberhörbar. Björn Ulvaeus liebte den Song.

Das s von „Music“ sangen sie scharf, nicht weich

Auf „Arrival“, dem Album, das im Oktober 1976 veröffentlicht wurde, findet sich dieses „Dancing Queen“, aber auch „Knowing Me, Knowing You“, „Money, Money, Money“, und „Fernando“ und erstaunlich daran ist nicht nur, dass man all diese Songs sofort im Kopf mitsingt, sobald man ihre Titel liest: Sie sind so unterschiedlich, dass sie auch von vier unterschiedlichen Bands stammen könnten. Aber sie kamen von ABBA aus Schweden, und man hörte das auch heraus, wann immer sie zum Beispiel „Music“ sangen: Dann war das s scharf, nicht weich. Und apropos scharf: Reflexhaft waren die beiden Sängerinnen sexualisiert worden, da konnten sie noch so perfekt singen. Auch das war eine Art, ihre Kunst nicht ernst zu nehmen. (Auf der Australien-Tour wurde Agnetha Fältskog gefragt, wie sie ihren Hintern findet, „keine Ahnung“, hat sie geantwortet, „ich kann ihn ja nicht sehen“.)

Sie wussten, was sie hatten, als „Dancing Queen“ dann fertig war, und es wurde, was es ist, auch dank des Schlagzeugers Roger Palm und des Bassisten Rutger Gunnarsson. Es gibt einen Arte-Film über die Produktion, der die Geschichte von ihren Nebenfiguren her erzählt. Und der auch zeigt, wie die Opulenz des Songs auf minimalistischen Entscheidungen basierte: Vier Töne, kaum mehr, hat der Refrain, sagt der ABBA-Biograph Christopher Patrick. Und dass die Stimmen der beiden Frauen zusammen wie ein Synthesizer klangen. So genau die vier von ABBA auch arbeiteten, sie waren zusammen natürlich immer mehr als ihre Teile. Und ohne diese Magie, die aus dem Zufall entsteht, geht es dann doch nie. Die Magie des Fehlers. Oder einer pragmatischen Kürzung.

In all den Jahren seit dem 16. August 1976 hat für ABBA und ihren Song gearbeitet, wie sich das Verständnis für die inauthentischen Elemente der Popmusik gewandelt hat: für Glamour. Kostümierung. Akzente. Sample. Für die respektvolle Aneignung von Einflüssen anderer. Diese Aneignung hat heute keinen guten Ruf, aber dort, wo sie fair und ihrer selbst bewusst geschah, hat sie die Sache immer vorangebracht. ABBA haben es geschafft, bei jedem Stilwechsel aber immer unverwechselbar zu bleiben, man hört einem ABBA-Song immer an, dass er von ABBA ist. Und ihre Liebe zum Pomp, für die sie in der Ära des authentischen Rocks noch verlacht wurden, ist heute Standard.

„Dancing Queen“ erzählt vom Ausgehen, Freitag Nacht, die richtige Musik, sie ist die Königin, only seventeen: Aber der Trick ist, wie bei aller Euphorie für den Moment das Drama seines unvermeidlichen Endes immer auch präsent ist – weil die Melodie wieder und wieder sanft ins Moll sinkt.

Große andere Songs haben von diesem Moment erzählt, „Get Lucky“ von Daft Punk, „How Soon Is Now“ von den Smiths, „Dancing on My Own“ von Robyn, aber sie haben sich entweder für das eine („She’s up all night for good fun“) oder das andere („I’m in the corner, watching you kiss her“, „and you stand on your own and you leave on your own“) entschieden.

ABBA entschieden sich für beides. Die Kraft ihres größten Hits liegt darin, von sich selbst zu handeln, davon, was Popmusik ist und für die Menschen tun kann, die sie hören. Und vielleicht ist „Dancing Queen“ deswegen auch der größte Popsong, der je geschrieben wurde, weil er von allen anderen weiß, die auch geschrieben wurden und werden. Egal, wenn es wieder vorbei ist, du kannst es immer wiederholen, weil es mich gibt. Seit 50 Jahren.