ZuriCrit: 15'000 Fans feiern Radsport-Spektakel in Zürich (B+)

Die Luft ist warm, schwül gar. Sie riecht nach Schweiss, Pommes, Bier. Und nach Kettenöl. Mit 60 km/h rast Rad-Ass Noemi Rüegg (25) Minute für Minute an den Absperrgittern vorbei. Dahinter: Kinder, Eltern, Radsportfans und Zufallsgäste. «Velorennen fürs Volk. Genau das wollen wir», sagt Adi Merkt, Gründer des VIVI ZuriCrit (ausgesprochen: Züri Crit). Ein Rad-Kriterium für Amateure und Profis, Kinder und Jugendliche, mitten im Zürcher Kreis 4. Während zehn Stunden wird auf der 1,04 Kilometer kurzen Strecke gerast: die Kleinsten am Nachmittag, die Profis am Abend, die Fixie-Cracks unter Flutlicht in der Nacht.

«Es ist wie in einem Wespennest», kündigt mir Rüegg am Tag davor an. Sie kennt die Atmosphäre aus den letzten Jahren. Und sie hat recht. Als ich mich am Samstagnachmittag dem Rundkurs zwischen Lochergut und Bullingerplatz nähere, höre ich den Speaker von weitem. Dazu wabernde Bässe, an die Banden klatschende Hände und das Surren der Velos. Wie ein Sog zieht mich das Rennen an. Ich bin nicht der Einzige. «So eine Stimmung gibt es sonst nur auf der Alpe d’Huez. Es ist elektrisierend», sagt Merkt.

Irgendwann taucht Mauro Schmid (26) auf. Und zieht viele Blicke auf sich. Der Tour-de-France-Held geniesst das Bad in der Menge, es wird geplaudert und gelacht. «Ich bin wenn immer möglich bei diesem Rennen dabei. Eine tolle Sache», sagt er. Es ist noch keinen Monat her, seit er in Belfort die sechsjährige Schweizer Sieglos-Serie in Frankreich beendete. Schmid wuchs in Sünikon im Zürcher Unterland auf, nur 20 Kilometer Anreise entfernt. Schmid: «Die Stimmung ist richtig krass. Es hat extrem viele Leute. Das kennen wir nur von der Tour de France.»

Was anders ist: Die Athleten verschwinden nach den Rennen nicht gleich. «Stimmt. Wir trinken auch mal noch ein Bier. So kommt man den Fans näher, können plaudern», sagt Tudor-Profi Fabian Lienhard (32). Ein Becher Gerstensaft schadet nun wirklich nicht.

Aus 1000 wurden 15’000 Zuschauer

Doch wie entstand das ZuriCrit überhaupt? Merkt fuhr früher selber Rennen. Draussen auf dem Land. «Wald-Wiesen-Rennen. Drei Kühe und eine Grossmutter schauten zu. Oder eigentlich niemand.» Das wollte er ändern. Merkt war nebenbei Velokurier, so wie einige seiner Freunde. Sie fuhren Fixie-Rennen – mit Rädern ohne Freilauf und Gangschaltung. Sie rasten durch New York, London und Barcelona. Und verliebten sich: kurze Rennen, harte Kurven, spektakuläre Stimmung. Die Fahrer mitten in der Stadt, das Publikum unmittelbar daneben. «Du fühlst dich wie ein Superstar», sagt der Software-Ingenieur.

Merkt und seine Kumpels dachten: Das braucht Zürich. Los ging es 2018. Vier Wochen vor dem ersten Rennen kam die Absage für die Bewilligung. Es fehlten wichtige Unterlagen. «Wir waren naiv», gibt er zu. Also wich er nach Schlieren ins Industriequartier aus. Doch auch dort funktionierte es. 1000 Zuschauer kamen.

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Schmid am Quartierrennen:«Die Stimmung hier ist richtig krass!»

Seit 2019 findet das ZuriCrit im Kreis 4 statt. Mittlerweile schauen 15'000 zu. Die Idee ist dieselbe geblieben. Nur das Rennen ist mitgewachsen. «Vielleicht», sagt Lienhard, «begeistert das jemanden für den Radsport, der bisher nichts damit zu tun hatte.» 

Sie rasen an Koblets Bäckerei vorbei

Auch Silvan Dillier (36), einer der besten Helfer der Welt, ist gekommen. «Kürzere Runden haben einen entscheidenden Vorteil: Das Publikum sieht mehr.» Die Zuschauer können sich wie in einem Stadion rund um die Strecke verteilen. Dillier verweist auf die Flandern-Rundfahrt, wo Zuschauerbereiche und VIP-Sektoren rund um den Kwaremont längst zur Inszenierung gehören. Das ZuriCrit ist erstmals UCI-zertifiziert, Vertreter des Rad-Weltverbands schauen in Zürich genau hin.

Die Idee ist überhaupt nicht neu. Kriterien haben in Europa Tradition. Früher waren sie wichtiger. Die Fahrer kamen direkt nach grossen Profi-Rennen in die Stadt, zu den Leuten. Das ZuriCrit holt sie zurück. In Zürich haben die wenigen Kurven sogar Namen. Eine heisst Koblet-Z. Der Grund: Hugo Koblet (1925-1964), wohnte einst direkt an der Strecke. An der Hildastrasse 4 stand sein Elternhaus, unten war eine Bäckerei. Dort begann seine Geschichte auf dem Velo: Koblet verteilte als Kind mit dem Fahrrad die Brote. 1951 gewann er die Tour de France – als bislang letzter Schweizer.

Jetzt rasen hier die Profis an Koblets Elternhaus vorbei. Das ZuriCrit sperrt dafür Strassen ab, einige hundert Parkplätze verschwinden, Restaurants schliessen. Doch Einsprachen gab es bisher nie. In Zürich erstaunt dies. Die Organisatoren setzen auf Kommunikation. «Wir reden mit jedem und jeder, hören zu und passen Dinge an, wo es möglich ist», so Merkt. Planung braucht es trotzdem: Rund 250 bis 300 Menschen sind im Einsatz – Helfer, Verkehrskadetten, Sanität, Polizei, Livestream-Crew und weitere.

Schmid schafft Zürich-Hattrick

Das Rennen wirkt wild – schnell, immer wieder wird überholt. Ab und zu knallt es auch – Schweizer Meister Jan Christen (23) zerfetzt sich unverschuldet Haut und Trikot. Er blutet am Knie, lächelt und fährt weiter. Dabei ist die Strecke flach, es gibt keine Abfahrten und keine überraschenden Hindernisse. An neuralgischen Punkten liegen rund 60 Prallschutzmatten, das Feld ist auf einige Dutzend Fahrer begrenzt, ein Töff begleitet das Rennen.

Nach einer kurzen Pause wird das Rennen fortgesetzt. Und beendet. Schmid spielt seine super Form aus, holt bei den Sprints am meisten Punkte und gewinnt bei seinem dritten ZuriCrit-Start zum dritten Mal. Schmid, der Rad-König von Zürich! «Es war unglaublich hart, aber auch schön. Mit diesen Zuschauern im Rücken haben die Beine dann doch gut gedreht.»

«Wollen keine Street Parade werden»

Das Budget des ZuriCrit beträgt mittlerweile 500'000 Franken – rund das 20-Fache von 2018. Das Sportamt unterstützt das Rennen mit fünf bis zehn Prozent. Bei gutem Wetter schaut meistens ein kleines Plus heraus. «Wir wollen keine Street Parade werden», sagt Merkt. Wachsen um jeden Preis wollen sie nicht. «Wir sind mehr oder weniger am Ziel unserer Träume.»

Und irgendwann, tief in der Nacht, löst sich das Wespennest auf. Die Absperrgitter verschwinden, die Musik verstummt, die letzten Velos werden verladen. Zurück bleibt ein ganz normaler Zürcher Kreis 4. Bis zum nächsten ZuriCrit.

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