"Ohne Frühstück. Ohne Diskussion" – Filmmuseum zeigt DDR-Alltag im Spielfilm

80 Jahre Defa

“Ohne Frühstück. Ohne Diskussion” – Filmmuseum zeigt DDR-Alltag im Spielfilm

Ausstellung "OHNE FRÜHSTÜCK. OHNE DISKUSSION. 80 Jahre Defa-Filme" im Filmmuseum Potsdam. (Quelle: rbb)
Ausstellung "OHNE FRÜHSTÜCK. OHNE DISKUSSION. 80 Jahre Defa-Filme" im Filmmuseum Potsdam. (Quelle: rbb)

Icon Kommentar

Von

Felix Moniac

Der Defa-Film "Karla" über eine junge Lehrerin, die im System aneckt, war der SED-Führung zu unbequem – er wurde verboten und kam erst 1990 in die Kinos. Nun ist er einer von vielen Produktionen aus vier Jahrzehnten, die die neue Sonderausstellung im Filmmuseum Potsdam präsentiert: Dabei geht es vor allem um die Geschichten aus dem DDR-Alltag.

Am Donnerstagabend wird die Schau "Ohne Frühstück. Ohne Diskussion" anlässlich des 80. Defa-Jubiläums eröffnet. Die Deutsche Film-Aktiengesellschaft, kurz Defa, war das staatliche Filmstudio der DDR mit Sitz in Potsdam-Babelsberg. Zwischen 1946 und 1992 entstanden dort zahlreiche Dokumentar- und Animationsfilme – und rund 750 Spielfilme.

Ernst Wilhelm Borchert als Doktor Hans Mertens und Hildegard Knef als Susanne Wallner in einer Szene des Films "Die Mörder sind unter uns" (1946). (Quelle: DEFA-Stiftung/Icestorm/Eugen Klagemann)

1 | 13

Vor 80 Jahren wurde die Deutsche Film Aktiengesellschaft (Defa) gegründet. Den Auftakt bildete 1946 Wolfgang Staudtes Kriegsfilm "Die Mörder sind unter uns" mit Hildegard Knef (r.). Gedreht wurde in den Trümmern Berlins, sowie in den Althoff-Ateliers in Potsdam-Babelsberg, wo am 17. Mai die offizielle Gründung der Defa stattfand.
DEFA-Stiftung/Icestorm/Eugen Klagemann
Bild zum Film: Nackt unter Wölfen, Quelle: rbb/MDR/Progress

2 | 13

Politische, gesellschaftliche und vor allem kontroverse Themen waren nicht nur prägend für die Entwicklung der Defa, sondern wurden zu einer Art Markenzeichen der Produktionen. Als politisch korrekt galt das Genre des antifaschistischen Films. Zu ihnen zählen Produktionen wie etwa Frank Beyers "Nackt unter Wölfen"(1963) (Szene mit Armin Mueller-Stahl, r.).
rbb/MDR/Progress
DEFA Studios Babelsberg (Quelle: imago/Detlev Konnerth Fotostory)

3 | 13

Rund 700 Spielfilme wurden bis 1992 in den Defa-Studios realisiert. Zwischen Kunst und Politik waren jedoch nicht alle Produktionen stets nach dem Geschmack des SED-Regimes. So wurde etwa die Gangsterkomödie "Hände hoch oder ich schieße" (1965) von Hans-Joachim Kasprzik als zu regimekritisch bewertet und auf den Index gesetzt. Erst über 40 Jahre später, 2009, feierte der Film seine Kinopremiere.
imago/Detlev Konnerth Fotostory
Das kalte Herz

4 | 13

"Das kalte Herz" aus dem Jahr 1950 war der erste Defa-Farbfilm. Die düstere Handlung beruht auf dem gleichnamigen Märchen des schwäbischen Dichters Wilhelm Hauff um einen armen Köhler, der sein Herz verliert.
rbb/WDR/DEFA
Archivbild: Die Schauspieler Lutz Moik (l) in der Figur des Köhlers Peter Munk und Hanna Rucker als Lisbeth in der Märchen-Verfilmung «Das kalte Herz» (1950) von Paul Verhoeven. (Quelle: dpa/Klawikowski)

5 | 13

Für den damals 19 Jahre alten Schauspieler Lutz Moik - in der Figur des Köhlers Peter Munk - und seine Filmpartnerin Hanna Rucker als Lisbeth brachte der Märchenfilm den großen Durchbruch.
dpa/Klawikowski
Die Geschichte vom kleinen Muck (Quelle: ©DEFA Stiftung/Eduard Neufeld)

6 | 13

Erfolg versprach auch "Die Geschichte vom kleinen Muck" aus dem Jahr 1953. Der Film um den aufgeweckten Jungen Muck gilt mit mehr als elf Millionen Kinobesuchern in 60 Ländern als die erfolgreichste Kinderfilm- und auch Defa-Produktion - und ist zum Klassiker avanciert.
©DEFA Stiftung/Manfred Damm/Eduard Neufeld
Archivbild: Der Prinz (Pavel Travnicek) passt Aschenbrödel (Libuse Safrankova) im Film "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" den verlorenen Schuh an. (Quelle: dpa/WDR/Degeto)

7 | 13

Noch heute flimmert diese Szene alljährlich zu Weihnachten weltweit über die Fernsehbildschirme: Seit 53 Jahren zieht der Prinz (Pavel Travnicek) Aschenbrödel (Libuse Safrankova) im Film "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" den verlorenen Schuh an . Die tschechisch-ostdeutsche Co-Produktion "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" (1973) mit seinem zauberhaften Ende gehört nicht nur für Kinder zum weihnachtlichen Pflichtprogramm.
dpa/WDR/Degeto
Regisseur Konrad Wolf 1977. Bild: picture alliance

8 | 13

Einer der wichtigsten Regisseure der Defa war Konrad Wolf, hier im Jahr 1977. 1959 feierte sein Film "Sterne" Premiere. Die deutsch-bulgarische Produktion befasst sich mit der Verantwortung der Deutschen im Holocaust.
picture alliance
Vlastimil Brodsky als Jakob und Erwin Geschonneck als Kowalski im Film "Jakob der Lügner" (Bild: RBB/DRA/Herbert Kroiß)

9 | 13

"Jakob der Lügner" gibt im Ghetto vor, ein Radio zu besitzen, um seinen Nachbarn Mut zu machen. Der Film mit Vlastimil Brodský feierte 1974 im DDR-Fernsehen Premiere. Er war als erster Defa-Film im offiziellen Programm der Berlinale vertreten. Brodský bekam als bester Schauspieler den Silbernen Bären. Der Film, der auf dem Roman von Jurek Becker basiert, wurde 1977 für den Oscar nominiert.
rbb/DRA/Herbert Kroiß
Paul (Winfried Glatzeder) und Paula (Angelica Domröse) in Paulas geschmücktem Bett; Szene aus dem Film "Die Legende von Paul und Paula"; Quelle: bb/PROGRESS Film-Verleih/Norbert Kuhröber

10 | 13

Rund 750 Trick- und Animationsfilme, wie "Krawall im Stall" (1960) von Walter Später, sowie über 2.200 Dokumentar- und Kurzfilme brachte die Defa in über 40 Jahren hervor. Unvergessen bleiben die zahlreichen Spielfilme, wie "Die Legende von Paul und Paula" (1973) von Heiner Carow ...
rbb Presse & Information
Rolf Losansky bei den Dreharbeiten zu "Zirri - Das Wolkenschaf" 1992 (Quelle: dpa)

11 | 13

... oder Rolf Losanskys Kinderfilm "Zirri - Das Wolkenschaf" (1993), der als eine der letzten Defa-Produktionen realisiert wurde. 1992 erwarb der französische Konzern CGE das Potsdamer Filmunternehmen. Den Nachlass der Deutschen Film AG verwaltet seit 1998 die Defa-Stiftung.
Zentralbild
Blick in den Filmbunker der DEFA-Filmstudios für Dokumentarfilme GmbH in Berlin-Johannisthal im Jahr 1991. (Quelle: dpa)

12 | 13

1955 wurde das staatliche Filmarchiv (SFA) der DDR gegründet, dessen Aufgabe vor allem darin bestand, die nationale Produktion zu sammeln, zu erhalten, zu erschließen und für eine weitere Nutzung zugänglich zu machen. Die Bestände beliefen sich im März 1989 auf etwa 15.000 Spielfilme und 45.000 Nichtspielfilme (nationale und internationale Produktionen von 1895 bis zur Gegenwart). 1990 übernahm das Bundesarchiv die Sammlung und setzt seitdem die Bemühungen fort, auch das Defa-Material zu erhalten.
dpa
Eingang zur ostdeutschen Filmstadt Babelsberg bei Potsdam, dem Sitz der DEFA und weniger neuer Medien, wie dem Brandenburger ZDF-Korrespondentenbüro.

13 | 13

Im Juni 1990 wurde die VEB Defa zunächst umgewandelt und dann von der Treuhandanstalt im August 1992 an den (heutigen) französischen Konzern Vivendi Universal verkauft. 2004 erwarb die Beteiligungsgesellschaft FBB - Filmbetriebe Berlin Brandenburg GmbH die Studios. Im Frühjahr 2005 erfolgte die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft.

  | Zum Artikel

  | Weitere Bildergalerien

dpa/Hubert Link

"Was hatten die Leute auf dem Tisch?"

Gerade sie sollen in der Ausstellung den Zeitgeist erfahrbar machen. "In den Spielfilmen sieht man: Was hatten die Leute an? Was hatten sie auf dem Tisch? Wie sind sie miteinander umgegangen? Welchen Spaß und welche Probleme hatten sie?", sagt Kurator Guido Altendorf. "Es ist ein bisschen größerer Fokus auf dem, was in der DDR zu dem Zeitpunkt des Films passiert ist."

Nach Altendorfs Beobachtung zieht sich eins durch alle DDR-Jahrzehnte: der zwischenmenschliche Ton. Sehr direkt, sehr konkret – so beschreibt der Kurator den Umgang in der DDR.

Ein Kimono gibt der Ausstellung ihren Titel

Aus dieser Beobachtung ist auch der Titel der Schau geboren – ein Zitat aus Konrad Wolfs Meisterwerk "Solo Sunny" (1980). Dessen Titelheldin sucht ihren eigenen Weg, in einem System, das Individualität ablehnt. "In diesem Kimono – und darauf bezieht sich der Titel unserer Ausstellung – schmeißt sie in der Früh ihren Liebhaber raus und sagt ihm: 'Ohne Frühstück. Ohne Diskussion.'", erzählt Altendorf. Eine direkte Ansage. Sehr konkret.

Von Wohnen bis Rebellion – Diskutieren erwünscht

In der Ausstellung selbst darf dagegen ausdrücklich diskutiert werden – auch über Themen, die bis heute aktuell sind: "Zum Beispiel Wohnen, Rebellion, Essen und Trinken, Kirche und Religion. Jeder Station sind drei, vier Defa-Filme zugeordnet", sagt Altendorf. "Auf die Art und Weise, ist unsere Hoffnung, dass man auch ein bisschen was über die DDR erfährt."

Bewusst verzichtet haben die Ausstellungsmacher auf Märchen, historische Stoffe und "utopische Filme" – so hieß Science-Fiction in der DDR. Der Fokus liegt stattdessen auf Gegenwartsfilmen.

"Die Defa ist ein unglaublicher Schatz"

Denn genau darin liege der Wert des Defa-Erbes, sagt Altendorf: "Die Defa ist ein unglaublicher Schatz – einmal, um zu sehen, welche Themen die Menschen zu bestimmten Zeiten in der DDR bewegt haben und wie damit umgegangen wurde. Und: Wie war der Umgang der Menschen miteinander? Das, was da geredet wird, ist in den wenigsten Fällen ausgedacht."

Und gerade deswegen gibt es in der Ausstellung viel zu entdecken: Kostüme, Requisiten, Fotos – und natürlich jede Menge Filmausschnitte. Vor allem aber: Eindrücke von einem Land, das es einmal gab – und das es nicht mehr gibt.

Sendung: Antenne Brandenburg vom rbb, 22.07.2026, 19:10 Uhr

Audio: Antenne Brandenburg vom rbb, 22.07.2026, Johann Frederik Paul

Mehr bei rbb|24

Archivbild: Pianist Igor Levit spielt mit dem Sänger Danger Dan (r) bei einer Probe vor einem Benefizkonzert. (Quelle: dpa/Koall)
Auftritt der Sängerin Björk. (Quelle: Santiago Felipe)
Dee Dee Bridgewater bei einem Live-Auftritt. (Quelle: dpa/Radin)
La Delio Valdez - Bandmitglieder Ivonne Guzman und Santiago Maldovan. (Quelle: imago images)
Igor Levit und Danger Dan bei der Verleihung des OPUS Klassik Award 2022 im Konzerthaus Berlin am Gendarmenmarkt. (Quelle: picture alliance / Rainer Keuenhof)
Besucherinnen und Besucher entspannen sich auf der Wiese vor dem Berliner Olympiastadion während des Musikfestivals Lollapalooza Berlin. (Quelle: dpa/Lakomski)