ABI 26 – verdächtig gut

Das werfe doch einige Fragen auf.

„Sind wir wirklich alle zu blöd gewesen? Haben wir nicht gelernt? Oder liegt es vielleicht an anderen Dingen?“ Eine rhetorische Frage. Bockentin schimpfte über „inkompetente“ und „überhebliche“ Lehrer, die seit 20 Jahren die gleichen Arbeitsblätter verteilten, obwohl sich der Prüfungsstoff verändert habe. Zwei Jahre lang hätten sie „keinen vernünftigen Matheunterricht“ gehabt. Die Wutrede gipfelte in dem Satz: „An die, die unserem Jahrgang die Durchfallquote gönnen – ganz ehrlich: Fickt euch einfach nur alle!“

Applaus im Publikum.

Videomitschnitte der Rede gingen viral, zahlreiche Medien berichteten. Der Fall bekommt wohl auch deshalb so viel Aufmerksamkeit, weil er auf den ersten Blick nicht ins Bild passt: Eigentlich wird in Deutschland jeden Sommer über eine „Noteninflation“ beim Abitur diskutiert. Den Abiturientinnen und Abiturienten werde es zu leicht gemacht, heißt es da. Die Einsen würden ihnen, überspitzt gesagt, nur so hinterhergeworfen.

Den Aufschlag machte auch in diesem Jahr Heinz-Peter Meidinger, 71 Jahre alt und Ehrenpräsident des Deutschen Lehrerverbands. Es werde immer schwieriger, „in dieser Bestnotenflut die wirklichen Spitzenschüler zu erkennen“, warnte er.

Der SPIEGEL hat die Abiturnoten der vergangenen rund 20 Jahre analysiert, hat ausgewertet, wie viele Schülerinnen und Schüler mit einem Einserschnitt abschließen und wie viele durchfallen. Die wichtigsten Erkenntnisse.

Von einer „Flut“ an Bestnoten kann nicht die Rede sein, ein Einser-Abitur schafft nach wie vor nur ein kleiner Teil der Abiturientinnen und Abiturienten im Land. Was stimmt: Ihr Anteil ist deutlich höher als noch vor 20 Jahren. 2006 schafften nur 5,6 Prozent der Abiturientinnen und Abiturienten einen Schnitt von 1,4 oder besser, 2025 waren es 11,8 Prozent.

Insbesondere die Coronajahre 2021 und 2022 sorgten für einen sprunghaften Anstieg, anschließend war der Anteil der Einser-Abis in den meisten Bundesländern rückläufig – bis er 2025 insgesamt wieder leicht anstieg. Die aktuellen Ergebnisse für den Abiturjahrgang 2026 liegen zwar noch nicht aus allen Bundesländern vor, große Abweichungen zum Vorjahr sind bislang aber nicht zu erkennen.

Auch was die Durchschnittsnote betrifft, zeigt sich auf lange Sicht eine Veränderung: Sie verbesserte sich von 2,53 im Jahr 2006 auf 2,35 im Jahr 2025.

Wo sind die Abi-Noten am besten?

Betrachtet man die einzelnen Bundesländer, zeigen sich auffällige Unterschiede. Die Durchschnittsnoten, die bisher für 2026 aus den Ministerien vorliegen, bewegen sich zwischen 2,11 (Thüringen), 2,13 (Bayern), 2,34 (Hamburg), 2,43 (Saarland) und 2,45 (Niedersachsen).

Schon seit Jahren variieren die Noten deutlich, wie auch eine Analyse des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie  aus dem Jahr 2025 belegt. Demnach haben Länder wie Hessen und Thüringen „kontinuierlich den höchsten Anteil an Einser-Abiturientinnen und -Abiturienten“, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz kontinuierlich den niedrigsten. Im vergangenen Jahr vergab auch Bayern vergleichsweise wenige Einsen.

Große Unterschiede gibt es auch beim Anteil derjenigen, die ihre Schulzeit mit einer glatten Eins beenden. In Niedersachsen schafften dies in diesem Jahr 2,1 Prozent der Schülerinnen und Schüler, in Thüringen fast 4 Prozent, in Hessen 4,6 Prozent. Das passt zum langfristigen Trend: Seit 2006 ist der Anteil der Abiturientinnen und Abiturienten mit einem 1,0-Schnitt deutlich gestiegen; damals lag er in vielen Bundesländern noch bei unter einem Prozent.

Bleibt die Frage, wie sich die Unterschiede erklären lassen. Sind die Schüler in Hessen oder Thüringen intelligenter als anderswo? Werden sie besser aufs Abitur vorbereitet? Sind die Prüfungen leichter?

Es gibt einige Vermutungen, valide Antworten aber sind kaum möglich. Fest steht, dass die Kultusminister seit Jahren darum ringen, die Abiturprüfungen einheitlicher zu gestalten, um die Ergebnisse vergleichbarer zu machen. Seit 2017 gibt es einen gemeinsamen Aufgabenpool für Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch, seit 2025 auch für Biologie, Chemie und Physik.

Künftig soll das Abitur weiter vereinheitlicht werden, eine größere Reform greift ab 2027. Für die Prüfungen gilt: Die Länder können sich komplett aus den Pools bedienen, sie müssen nicht. So kann eine Abi-Prüfung überall anders aussehen. Auch der Unterricht variiert. Dass die Noten unterschiedlich ausfallen, scheint eine geradezu logische Konsequenz zu sein.

Wie relevant ist die Debatte?

Auf den Abi-Schnitt kommt es für junge Erwachsene in erster Linie dann an, wenn sie sich auf einen Studienplatz mit Numerus clausus (NC) bewerben. Je besser die Noten der Bewerberinnen und Bewerber sind, desto höher schraubt sich der NC. Die gute Nachricht: Absolventen mit einem mittelmäßigen Abi-Schnitt haben mittlerweile deutlich größere Chancen, einen Studienplatz zu bekommen, als noch vor einigen Jahren.

Denn die Zahl der zulassungsfreien Bachelorstudiengänge ist deutlich gestiegen, wie eine Auswertung des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) zeigt. Im kommenden Wintersemester liegt ihr Anteil bei rund 70 Prozent. „Selbst bei den zulassungsbeschränkten Fächern war der NC oft nicht so hoch, dass nur Einser-Kandidaten eine Chance gehabt hätten“, sagt Cort-Denis Hachmeister, Datenexperte beim CHE.

In beliebten Unistädten wie Berlin, Hamburg, Köln oder München übersteige die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber die Zahl der Studienplätze allerdings nach wie vor oft bei Weitem, räumt Hachmeister ein. „Da geht es dann doch um die Wurst.“ Einser-Abiturienten haben in dem Gerangel die Nase vorn.

Gleiches gilt für stark nachgefragte Studiengänge wie Medizin, Zahnmedizin, Pharmazie oder Psychologie. „Hier hat die Noteninflation absurde Folgen“, sagt Hachmeister. „Selbst ein 1,0-Abi ist keine Garantie mehr für einen Studienplatz in Medizin an jeder Hochschule.“

Hochschulen wiederum stünden angesichts der Vielzahl an Einser-Kandidaten vor einer Herausforderung, sagt Hachmeister: Sie müssten neben der Note weitere Kriterien entwickeln, um ihre Studierenden auszuwählen. Viele hätten das bereits getan. „Das ist eine klare Reaktion auf die Noteninflation, die man übrigens nicht nur negativ bewerten muss. Gute Noten allein bedeuten schließlich nicht, dass jemand später etwa ein guter Therapeut wird.“ Weitere Faktoren einzubeziehen, sei also durchaus sinnvoll.

Wie viele Schüler scheitern am Abitur?

Eine Entwicklung fällt in der Debatte über die Noteninflation meist unter den Tisch: Auch die bundesweite Quote der Durchfaller hat sich in den vergangenen 20 Jahren tendenziell erhöht. Scheiterten 2006 noch 3,3 Prozent der Prüflinge am Abitur, waren es 2025 bereits 4,6 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern lag die Durchfallquote im vergangenen Jahr bei 8,3 Prozent, im bundesweiten Vergleich ein negativer Spitzenwert.

Dass rund ein Drittel der Schüler das Abitur nicht besteht, wie in diesem Jahr am Robert Stock Gymnasium in Hagenow, ist aber wohl eher die Ausnahme. Das Staatliche Schulamt Schwerin prüft den Fall inzwischen: „Die in der Rede erhobenen Behauptungen sind Bestandteil der laufenden schulaufsichtlichen Analyse“, schrieb ein Sprecher des Bildungsministeriums auf SPIEGEL-Anfrage. Die Rednerin habe „Beschimpfungen und Verunglimpfungen“ geäußert. „Dies war sicherlich auch dem Umstand geschuldet, dass sie die Abiturprüfung nicht bestanden hatte“, unterstellt das Amt.

Ellenor Bockentin erklärte derweil im „Nordkurier“: „Ich würde die Rede inhaltlich immer noch so halten, aber ich würde sie anders formulieren.“ Sie habe nicht die ganze Schule schlechtmachen, wohl aber auf strukturelle Probleme aufmerksam machen wollen. Besonders auffällig sei die Matheprüfung in den beiden Grundkursen ausgefallen: „Ungefähr die Hälfte aller Schüler hat null Punkte geschrieben“, sagte Bockentin. Ihre Erklärung: Der Unterricht habe sie nicht ausreichend auf die Anforderungen im Zentralabitur vorbereitet.

Einen Abschluss haben sie und die anderen trotzdem, wie das Schulamt betont: Auch diejenigen Schülerinnen und Schüler, die das Abitur nicht bestanden haben, hätten den schulischen Teil der Fachhochschulreife erreicht und ein entsprechendes Zeugnis erhalten.