Adania Shibli versucht im Roman "Täuschung" einer Minderheit eine Stimme zu geben

Buchneuerscheinung

Adania Shibli versucht im Roman "Täuschung" einer Minderheit eine Stimme zu geben

Adania Shibli ist eine Palästinenserin mit israelischem Pass. In ihrem neuen Roman versucht sie, Lebenskonstellationen einzufangen, die mit Worten schwer zu fassen sind

Bert Rebhandl

Israel ist ein jüdischer Staat mit einer arabischen Minderheit. Die Minderheit ist nicht klein, sie macht mehr als ein Fünftel der Bevölkerung aus. Trotzdem bildet sie häufig so etwas wie einen blinden Fleck in Berichten oder Erzählungen aus Israel. Medien berichten über die Verhältnisse im Westjordanland, und seit dem 7. Oktober 2023 wieder verstärkt über Gaza. Was es aber heißt, auf dem Gebiet des Staates Israel Palästinenserin oder Palästinenser zu sein, entzieht sich oft der Repräsentation.

Der neue Roman von Adania Shibli stellt einen Versuch dar, der Minderheit in Israel eine Stimme zu geben. Allerdings hat es mit dieser Stimme eine merkwürdige Bewandtnis. Denn in Täuschung geht es zwar um eine junge Frau, die in Israel lebt, und um einen jungen Mann, auch er lebt in Israel, beide sind Palästinenser. Doch wer erzählt von ihnen? Darauf gibt es eine einfache Antwort: Es ist Adania Shibli, die bedeutende Schriftstellerin, geboren in Galiläa, eine Palästinenserin mit einem israelischen Pass. Doch die literarische Antwort ist komplexer: In Täuschung spricht eine Stimme, die auf eine merkwürdige Weise sachlich zu sein versucht, beinahe schon unbeteiligt, manchmal klingt sie ein wenig bürokratisch: "Hier zur Klärung: Ein Antrag auf Verlängerung der Abgabefrist ist nichts Außergewöhnliches. Nicht wenige Studenten mit Schwerpunkt Soziologie haben es nicht eilig, ihr Studium abzuschließen." Spricht man so über seine Heldin, wenn man sie in den Mittelpunkt einer Geschichte stellen will?

Befangen in Diskursmustern

Adania Shibli gibt der Figur, von der sie in Täuschung erzählt, nicht einmal einen Namen. Nur ganz allmählich werden nähere Umstände um eine Frau erkennbar, die an einer Universität zu studieren beginnt, an der Hebräisch die Unterrichtssprache ist – eine Sprache, die sie nur unzulänglich spricht. Mit dem Umstand, dass sie jederzeit wegen ihres Akzents und wegen der Fehler, die sie beim Sprechen begeht, als nicht zugehörig erkannt werden kann, beginnt eine Abkapselung, die unter anderem dazu führt, dass "die Studentin" (die Funktionsbezeichnung ersetzt den Eigennamen) sich in den Pausen in der Tiefgarage versteckt, um mit niemandem reden zu müssen.

Auch die männliche Hauptfigur ist ein Einzelgänger: ein früherer Mitschüler, der wegen Graffitis ins Gefängnis musste, und von damals unter anderem einen Hang zur Verstopfung mitbekommen hat. Er wird im Lauf der Geschichte als Schulabgänger, als Reinigungskraft, als Lohnarbeiter, als Handwerker bezeichnet – einen Namen bekommt auch er nicht. Mehrfach berühren sich die beiden palästinensischen Leben in Israel, auch die Frau ist einmal Reinigungskraft. Unwillkürlich beginnt man, nach sprachlichen Signalen zu suchen, die Näheres über die Beziehung der beiden Figuren verraten könnten.

Bei dieser Lektüre wird es einen großen Unterschied ausmachen, ob man das Buch Eine Nebensache kennt, das Adania Shibli 2017 auf Arabisch veröffentlicht hat, und das 2022 auf Deutsch herauskam. Am 20. Oktober 2023 sollte die Autorin auf der Frankfurter Buchmesse einen Preis für ihr Buch erhalten, in der Aufregung nach dem 7. Oktober wurden dann aber Vorwürfe laut, Eine Nebensache (oder Shibli selbst) sei antisemitisch. Die Verleihung wurde abgesagt, und bis heute nicht nachgeholt. Am stärksten blamierte sich in der Angelegenheit der Schriftsteller Maxim Biller, der von einem "unliterarischen Stück Propaganda" sprach – ein Verdikt, das angesichts der virtuosen literarischen Konstruktion von Eine Nebensache nur als befangen gelesen werden kann – befangen in einem Diskursmuster, das Bücher auf unterstellte politische Meinungsäußerung reduziert.

Eine Frau mit lockigem, grauem Haar und einem weißen Hemd lächelt und schaut nach oben. Im Hintergrund sind unscharf moderne Glas- und Betonarchitektur sowie grüne Pflanzen zu sehen.
Versucht, aus Unklarheit Literatur zu machen: Adania Shibli. Das Foto entstand im Jahr 2023.

Eine Nebensache erzählt von einem Vorfall aus der Zeit kurz nach der Staatsgründung Israels: Soldaten in der südlichen Wüste vergewaltigen ein Beduinenmädchen. Shibli erzählt davon in einer doppelten Bewegung, zuerst scheinbar traditionell und unmittelbar, danach in einer Annäherung einer Frau, die den Fall zu rekonstruieren versucht. Die beiden Fäden finden in einer verblüffenden Pointe zusammen – selten hatte ein Roman ein konzeptuell so markantes Ende.

Für die Lektüre von Täuschung ist vor allem ein Aspekt aus Eine Nebensache von Bedeutung: Schon dort spielt das Ungefähre, das Vage eine wichtige Rolle. Shibli erzählt skeptisch, sie bildet Möglichkeiten aufeinander ab, sie zieht Sicherheiten in Zweifel. Sie stellt den Blick scharf, und lässt ihn dann wieder verschwimmen. Man könnte beinahe zu der Vermutung kommen, dass dieses Flirren aus den Umständen kommt, unter denen palästinensische Menschen in Israel leben. Sie gehören diesem Staat an, sind aber von ihm in vielerlei Hinsicht doch nicht gemeint. Sie leben in einem Dazwischen, für das Adania Shibli eine erzählerische Form sucht.

Mimetische Aneignung

In Täuschung beschäftigt sie sich immer wieder mit sprachlichen Details, die für die Protagonistin große Auswirkungen haben: Das Arabische und das Hebräische sind verschwisterte Sprachen (beide kommen vom Aramäischen her), in Israel aber ist das Hebräische die Sprache der Macht, und diese Macht zeigt sich gerade in der kleinen Differenz, auf die es oft ankommt – ob jemand "anständig" oder "mies" ist, hängt von einem Laut ab, den eine nicht muttersprachliche Person leicht falsch vernehmen könne.

Der Mann (der parallele Held, so könnte man ihn nennen) kann Hebräisch viel besser, weil er im Gefängnis zu einer mimetischen Aneignung gelangte – die Sprache der Wärter zu beherrschen, war auch eine Frage des Überlebens. Die Frau aber, die schließlich sogar zu einer Übersetzerin für einen englischsprachigen Journalisten wird, kommt im Hebräischen nie richtig an, obwohl ihr eine "Arbeitgeberin" zwischendurch sogar bei der Reinschrift von akademischen Arbeiten hilft.

Buchcover des Romans „Täuschung“ von Adania Shibli. Der Hintergrund zeigt eine minimalistische Landschaft mit einer Straßenlaterne, einer Person und einer Bushaltestelle. Überlagerungen in Gelb, Grün und Rosa erzeugen einen transparenten Farbverlauf. Unten rechts steht „Roman Hanser“.
Adania Shibli, "Täuschung". Roman. Übersetzt aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich. € 24,70 / 208 Seiten. Hanser Verlag, München 2026

Wie schon in Eine Nebensache legt Shibli sehr konkrete Details vor, die sich allerdings danach bald wieder als bemerkenswert unklar erweisen. Täuschung beginnt mit einer Szene in einem Auto, in der eine Kuffija eine wichtige Rolle spielt – das Palästinensertuch ist inzwischen wieder zu einem starken politischen Zeichen geworden. Welchen Status es Anfang der 1980er-Jahre hatte, bleibt unklar – wie übrigens die Zeitverhältnisse insgesamt. Zwar wird einmal genannt, dass man sich die Jahre von 1988 bis in die frühen 1990er-Jahre als die Zeit der Handlung zu denken hat, aber vieles wirkt transparent auf die heutige Gegenwart – zumal sich die Verhältnisse für die Palästinenser jedenfalls in den besetzten Gebieten nicht verbessert haben.

Wo und wie Shibli sich als Erzählerin in ihrem Buch verortet, bleibt ebenso in der Schwebe. Nicht von ungefähr weist sie der Protagonistin ein Chamäleon als symbolisches Tier zu, und einen Papagei. Das Chamäleon hilft bei Versuchen, sich unsichtbar zu machen, der Papagei deutet auf ein uneigentliches Sprechen hin. Von einem solchen ist der Roman Täuschung konstitutiv bestimmt. So heißt es etwa an einer Stelle, an der es einen Streit zwischen dem Helden und seiner Mutter gab: "Unmittelbar nach dieser heftigen Auseinandersetzung können wir nicht wissen, ob das, was in diesem Augenblick in ihrem linken Augenwinkel hängt, ein Schweißtropfen ist, der von ihrer Reinigungsarbeit im Laden stammt, in dessen Mitte noch kurz zuvor unter dem Frittierkessel ein Feuer gebrannt hat, oder ob es eine Träne ist."

Man wüsste gern genauer, wer dieses "wir" ist, auf das sich Shibli hier bezieht. Vielleicht meint sie nur sich selbst als Autorin in einem Pakt mit dem Publikum, auf dem jedes Schreiben und Lesen beruht. Vielleicht aber meint sie auch ein größeres Wir, das von den Machtverhältnissen in Israel in einen Zustand des Unklaren gezwungen wird. Eine Unklarheit, aus der Adania Shibli immer wieder Literatur zu machen versucht. Palästinensische Literatur aus einem jüdischen Staat. (Bert Rebhandl, 19.9.2026)

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