Adèle Bréau: „Am Gisèle-Pelicot-Prozess fand ich etwas besonders erstaunlich“

Zwei Jahre nach dem aufsehenerregenden Prozess gegen die 50 Vergewaltiger von Gisèle Pelicot bewegt der Fall Frankreich noch immer. Die Autorin und Journalistin Adèle Bréau glaubt, Pelicot habe für Frankreichs Frauen mehr erreicht als Präsident Macron in seiner gesamten Amtszeit.

Auf Deutsch erscheint Anfang September Ihr Buch Die Stunde der Frauen (Kiepenheuer & Witsch). Dort erzählt sie die Geschichte ihrer Großmutter Menie Grégoire, die 1967 als Radiomoderatorin in Frankreich zum Star und Vorbild wurde, weil sie mit der Sendung Âllo Menie Anruferinnen zu Wort kommen ließ, die von ihrer Lebensrealität und ihren Problemen berichten konnten.

Mehr als 100.000 Briefe von Frauen aus ganz Frankreich erreichten Menie Grégoire über die Jahre, die viel über das Leben französischer Frauen in den 1960er und 1970er Jahren erzählen.

der Freitag: Vor zwei Jahren, am 2. September 2024, begann der Prozess gegen Dominique Pelicot und weitere 49 Männer wegen der Vergewaltigungen an Gisèle Pelicot. Welche Bedeutung hatte dieses Ereignis für Frankreich?

Adèle Bréau: Dieser Prozess war enorm einschneidend für die französische Gesellschaft. Aus einer privaten, einer intimen Geschichte, ist kollektive Geschichte geworden. Das Geschehene hat Eingang in unser Beziehungsleben gefunden. Ich habe viel mit meinem Partner darüber gesprochen, meinen Freundinnen ging es ähnlich. Paare diskutierten über einvernehmlichen Sex, über Vergewaltigungen, besonders in der Ehe.

Und das Erstaunliche an dem Prozess war, dass wir vorher gedacht haben, es sei in Bezug auf Frauenrechte schon sehr viel erreicht worden, und trotzdem haben wir den Prozess wie eine echte Revolution empfunden. Man hatte teilweise den Eindruck, Leute hören das allererste Mal von chemischer Unterwerfung, von Vergewaltigungen in der Ehe, von Vergewaltigungen überhaupt … Das Interesse am Fall Pelicot steigerte sich dann peu à peu immer mehr, bis das Interesse an der Geschichte wirklich explodierte.

Sogar in der jungen Generation beobachten wir ja das Phänomen des Maskulinismus

Was hat Gisèle Pelicot für Frauen verändert?

Durch ihre Entscheidung, den Prozess öffentlich zu machen, öffnete sie die Tür für das berühmte „Die Scham muss die Seite wechseln!“. (...) Der Prozess Pelicot war genauso eine Erschütterung für die Gesellschaft wie zuvor die #metoo‑Bewegung. Eigentlich eine Fortführung, denn mit #metoo gab es diese Befreiung der Opfer, über das Erlebte zu sprechen, und mit dem Fall Pelicot kam hinzu, über das Erlebte auch mit Stolz zu sprechen und aus der Opferrolle herauszutreten. Für mich gibt es im Fall Pelicot wirklich ein Davor und ein Danach.

Inwiefern hat aber der Prozess auch Misstrauen zwischen Frauen und Männern geweckt, denn so viele Angeklagte wurden ja als „ganz normale Männer von Nebenan“ beschrieben?

Wie so oft habe ich zwei ganz unterschiedliche Reaktionen beobachtet. Es gab Männer, die ernsthaft geschockt waren und sich durch den öffentlichen Prozess sagten: „Ja, es gibt sie, diese Monster unter uns.“ Und auf der anderen Seite gab es jene, die sich pauschal angegriffen fühlten, und deren Antwort war dann „not all men“. Männer, die glaubten, es gäbe geradezu eine Hysterie gegen sie. Sogar in der jungen Generation beobachten wir ja das Phänomen des Maskulinismus, während sich ein anderer Teil der Männer dekonstruiert, mehr über die eigene Männlichkeit reflektiert und letztlich moderner wird.

Gisèle Pelicot selbst, aber auch ihre Kinder, Florian, David und Caroline sind mittlerweile Teil der Öffentlichkeit geworden, auf Demos, oder als Stimmen zu aktuellen Vergewaltigungsfällen. Sogar ein Fernsehfilm über die Geschichte von Caroline Darian ist geplant. Welche Rolle spielen die Pelicots?

Ich habe lange als Gerichtsreporterin gearbeitet und fast immer stellen die Medien bei solchen Fällen den Täter in den Mittelpunkt. Gleiches beobachtet man ja bei Terroristen. Die Opfer werden schnell vergessen, sie bekommen keine eigene Geschichte und wir sehen sie nicht als Individuum. In unseren Köpfen bleibt also nur der Täter. Aber Gisèle Pelicot hat genau das Gegenteil erreicht.

Sie steht dafür, dass man sich als Opfer nicht schämen oder verstecken muss. Sie tourt heute mit ihrem Buch durch die Welt, sie spricht auf Konferenzen, sie erlaubt uns, sie und ihre Kinder kennenzulernen. Gisèle Pelicot ist also gestärkt aus dem Prozess hervorgegangen, sie wirkt standhaft und wird von ihrer Familie unterstützt. Mit diesem Stolz auf den eigenen Kampf prägt sie Generationen von Frauen, die keine Angst mehr haben werden. Das macht sie zur Ikone.

Gerade weil ich also anfangs so große Hoffnungen hatte, erlebte ich dann einen tiefen Fall


Auch ihre Großmutter Menie Grégoire war eine Ikone, als sie in den 1960er Jahren erstmals eine Radiosendung für Frauen moderierte, in der auch Themen wie Sex und Schwangerschaft vorkamen.

So wie Gisèle Pelicot wurde meine Großmutter Menie schnell zu einer Art Star stilisiert. Es hingen Poster von ihr in Paris und wir als Enkelkinder sahen vor allem diese strahlende Seite, ihre Bekanntheit. Sie wurde zwar schon mal auf der Straße geohrfeigt, aber man lud sie auch zum Filmfestival nach Cannes ein. Doch die dunkle Seite ihres Engagements behielt sie eher für sich und Gleiches gilt sicher für Gisèle Pelicot.

Jeden Tag erhielt meine Großmutter Hunderte Briefe von Französinnen, am Ende waren es fast 100.000. Von Frauen, denen die furchtbarsten Geschichten widerfuhren und die sich als letzten Ausweg hilfesuchend an Menie wandten und auf Antwort von ihr warteten. Meine Großmutter musste also mit diesen albtraumhaften Geschichten umgehen, mit den Schicksalen, für die sie sich auch verantwortlich fühlte. (…) Gerade auf dem Land hatten viele Frauen wenig Wissen über eine gleichberechtigte Sexualität, über die Pille und Schwangerschaftsabbrüche.

Sie haben kürzlich auf Instagram eine sehr kritische Botschaft an Emmanuel Macron gerichtet. Wie sehen sie die aktuelle Politik der Regierung in Bezug auf Frauenrechte?

Ich hatte große Erwartungen an Emmanuel Macron, der ja die Gleichstellung der Geschlechter schon in seiner ersten Amtszeit zu einem der großen Anliegen erklärt hatte. Ich fand es auch positiv, dass er Marlène Schiappa ein Ministerium für Gleichstellung anvertraut hatte. Gerade weil ich also anfangs so große Hoffnungen hatte, erlebte ich dann einen tiefen Fall.

Allein wenn ich daran denke, dass Macron Gérald Darmanin zum Innen- und später zum Justizminister gemacht hat, obwohl es seriöse Vergewaltigungsvorwürfe und eine Anzeige gegen ihn gab. Daraus spricht in meinen Augen eine Geringschätzung von uns Frauen in Frankreich.

Brigitte Macron, auch wenn sie nicht Teil der Regierung ist, hat Feministinnen sogar als „dumme Idiotinnen“ bezeichnet

Nach all dem, was vorgefallen ist: Inwiefern sind Frauenrechte noch ein Thema in der französischen Politik?

Brigitte Macron, auch wenn sie nicht Teil der Regierung ist, hat Feministinnen sogar als „dumme Idiotinnen“ bezeichnet. Es ist wirklich zum Heulen. Zumal ich kaum aussichtsreiche Nachfolger für Macron sehe, die das Thema Frauenrechte wirklich hochhängen würden. Einzig die Aufnahme des Rechts auf Abtreibung in die Verfassung 2024 bleibt mir positiv im Gedächtnis. Aber all das sind symbolische Dinge.

Wenn man Gisèle Halimi oder Simone Veil einen Platz im Panthéon gibt – klar, das ist schön für ein Foto in Paris Match. Wenn man dann aber Frauen, die bei der Polizei Anzeige wegen Vergewaltigung in der Ehe erstatten, nur mit dem halben Ohr zuhört und wenn die Zahl von Frauen, die durch ihren Ehemann getötet werden, in Frankreich jedes Jahr gleichbleibend hoch bleibt, dann spricht das in meinen Augen für eine große Missachtung von Frauen. Deswegen hat Gisèle Pelicot wesentlich mehr für Frauen erreicht als Macron in all seinen Amtsjahren.

Dank Gisèle Pelicot fühlen Frauen weniger Scham, wenn sie Anzeige erstatten

Glauben Sie, es werden in den nächsten Jahren noch so extreme Fälle wie der von Gisèle Pelicot bekannt werden?

Ich fürchte leider ja, mit ziemlicher Sicherheit. Es gibt Journalistinnen, die Fake-Accounts angelegt und dort Fotos von sedierten Frauen online gestellt haben mit der Message „Ich biete meine betäubte Frau zum Sex an“. Innerhalb weniger Tage haben sie hunderte Antworten von interessierten Männern bekommen.

Ich glaube also, wir werden mehr Fälle aufdecken, auch weil sich seit dem Prozess mehr Frauen trauen, Anzeige zu erstatten. Diese Selbstversuche waren erschütternd, weil sie zeigten, dass es sich nicht um einen Ausnahmefall handelt, sondern um ein größeres Phänomen.

Ein Backlash für den Feminismus also?

So gesehen kann man von einem Backlash für den Feminismus sprechen. Genau dasselbe hatten wir schon in den 1970er Jahren beim Thema Inzest. Meine Großmutter sagte mal in einem Interview, sie habe hunderte Briefe von Frauen erhalten, die zeigten, dass es Inzest überall gibt, in allen Milieus. Aber die Gesellschaft tendiert dann dazu, auf solche „schmutzigen“ Dinge schnell einen Deckel zu legen, sie zu leugnen, zu verstecken, weil die Gesellschaft sie nicht sehen will.

Immerhin werden Polizisten mittlerweile besser ausgebildet, um Anzeigen wegen Vergewaltigung aufzunehmen. Und dank Gisèle Pelicot fühlen Frauen weniger Scham, wenn sie Anzeige erstatten, aber auch die sozialen Medien sind zu einem Raum geworden, in dem Stimmen von Frauen gehört werden, so wie damals die Radiosendung meiner Großmutter.

Adèle Bréau, 1978 geboren, ist Romanautorin und war als Journalistin unter anderem Chefredakteurin der französischen ELLE