Afghan*innen in Iran: Im Visier des Regimes
Afghanische Migrant*innen, die in Iran leben, hatten sich Protesten gegen das Regime angeschlossen. Nun wurden manche von ihnen hingerichtet.
Foto: Boris Roessler/dpa
Am frühen Donnerstag wurde im Zentralgefängnis von Isfahan Ghaem Hosseini hingerichtet. Der 20-jährige Afghane war während der Anti-Regime-Proteste im Januar in Iran festgenommen worden, berichtete die Menschenrechtsorgsanisation Hengaw. Den Behörden zufolge war er am „Fall vom Alichani-Platz“ beteiligt, wo in einem Arbeiter*innenviertel der Großstadt Demonstranten eine Polizeistation in Brand gesetzt, 4 regierungstreue Milizangehörige getötet und deren Leichen geschändet hätten. Danach seien mindestens 35 Menschen verhaftet, 12 von ihnen zum Tode und weitere 23 zu Freiheitsstrafen verurteilt worden. Schon im Januar hatten Staatsmedien ihre „unter Folter erzwungenen Geständnisse“ gesendet, so die in Oslo ansässige Organisation Iran Human Rights.
Hosseini ist bereits der fünfte Hingerichtete in diesem Fall, darunter war im Juli ein weiterer Afghane, der 23-jährige Gul Muhammad Muhammadi. Todesstrafen erhielten auch 3 weitere Landsleute. Auch bei den Protesten selbst wurden mehrere Afghan*innen getötet, darunter unbeteiligte Passant*innen.
Festgenommen wurden auch mindestens 2 afghanische Frauen. Hamira Scharifi wurde im Juni in Teheran zu fünf Jahren Haft verurteilt, ohne dass konkrete Anklagepunkte gegen sie veröffentlicht wurden. Seitdem habe sie mindestens sechsmal versucht, sich das Leben zu nehmen. Die 21-jährige Sahra Musavi, Tochter afghanischer Immigrant*innen, erhielt im Mai im ostiranischen Maschhad zehneinhalb Jahre Haft, weil sie Molotow-Cocktails hergestellt habe. Laut Hengaw erklärten die Behörden danach ihre iranische Geburtsurkunde für ungültig und drohen ihr mit Abschiebung nach Afghanistan.
Afghanistan
Nach zwei Jahrzehnten Militäreinsatz der US-geführten Nato-Truppen gewann die islamistische Terrorgruppe der Taliban im August 2021 die Kontrolle im Land zurück. Die afghanische Bevölkerung leistet trotz Repressionen Widerstand.
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Die Beteiligung von Afghan*innen an den Protesten ist bemerkenswert, da sie in Iran oft halblegal und prekär leben und sich politisch zurückhalten müssen. Exilafghanische Medien beklagen „Hassreden“ gegen sie. Der iranische Autor Paniz Musavi Natanzi schrieb, dass selbst reformorientierte Journalist*innen „ähnlich wie die deutsche AfD“ von einer „Migrationsflut aus Afghanistan“ sprechen.
Viele erleben Alltagsrassismus und Entrechtung. Die öffentliche Meinung kehre sich weiter gegen sie, nachdem die staatliche Propaganda einige Afghanen beschuldigt hatte, sie hätten für Israel Bombenziele ausgekundschaftet. Stimmen aus der Zivilgesellschaft versuchten, dem entgegenzuwirken, würden jedoch „von populistischer Wut und wirtschaftlicher Frustration übertönt“, so Natanzi.
3,9 Millionen Afghan*innen abgeschoben
Auch andere afghanische Aktivist*innen in Iran sehen sich Repressionen gegenüber. Im Juli vorigen Jahres wurde Exilmedien zufolge Sara Gohari, eine 29-jährige afghanische Soziologiestudentin an der Universität Teheran, inhaftiert, nachdem sie versucht hatte, Zwangsabschiebungen zu dokumentieren. Seit 2023 schob Iran rund 3,9 der bis zu 6 Millionen dort lebenden Afghan*innen ab.
Etwa zur gleichen Zeit verschwand Ehsan Hosseini, ein afghanisch-iranischer Doppelstaatler aus seiner Wohnung in Qom. Er hatte sich für arbeitende Kinder, Frauenrechte und Migrant*innen eingesetzt und dabei mit akademischen und zivilgesellschaftlichen Einrichtungen in Iran kooperiert. Der Verbleib beider ist zurzeit unbekannt.
Auch Regimeunterstützende unter Afghan*innen in Iran
Viele Afghan*innen unterstützen aber auch das Regime. Tausende schlossen sich der Fatemiun-Division an, die an der Seite iranischer Streitkräfte in Syrien kämpfte. Einige Beobachter*innen bezeichnen die Miliz als afghanische Mini-Hisbollah. Nach dem Sturz des Assad-Regimes wollten sich viele Mitglieder dem bewaffneten Kampf gegen die Taliban in Afghanistan anschließen. Aus Rücksicht auf sein Verhältnis mit Kabul verhindert Iran das bisher.
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