Vincentz trotzt Weidel: AfD-Aufstand in NRW

"Parteitag der Schande"

Revolte gegen die AfD-Chefin


17.07.2026 - 18:33 UhrLesedauer: 7 Min.

AfD-Landeschef Vincentz setzt sich in NRW gegen den ausdrücklichen Willen von Parteichefin Weidel durch. Die dürfte das nicht hinnehmen. Der Machtkampf könnte die AfD teuer zu stehen kommen.

AfD-Landeschef Martin Vincentz steht am Freitagmorgen vor der Eventhalle in Marl auf einer Treppe und peitscht die Menge auf. Dutzende Delegierte stehen vor ihm. Sie sollen gleich in der Halle die Kandidatenliste der AfD NRW für die Landtagswahl 2027 weiter wählen, wenn es nach Vincentz geht. So zeigen es Videos, die t-online vorliegen.

Man solle dafür sorgen, schreit Vicentz, dass die AfD im einwohnerstärksten Bundesland auf jeden Fall antreten könne. "Auf in die Halle!" Die Menge klatscht, einige rufen laut: "Ahuuuu! Ahuuuu!"

Was klingt wie ein Trupp von Fußballfans, ist Kampfgeschrei gegen Alice Weidel. Ein Aufstand gegen die AfD-Chefin. Und Vincentz ist das Gesicht dieses Aufstands. "Che Guevara" nennen seine Unterstützer ihn später, natürlich nur unter der Hand. Oder sie schreiben in den sozialen Netzwerken: "Löwe".

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Die AfD-Bundeschefin nämlich ist gegen Vincentz' Plan, hier heute die Listenwahl fortzuführen. Sie hat sich mit viel Kraft dagegen gestemmt. Noch am Abend zuvor hat ihr Bundesvorstand einen Beschluss gefasst und ein Schreiben verschickt an den Landesvorstand – und alle 13.000 Mitglieder des Verbands. Besonders das ist ungewöhnlich. Offensichtlich sollte jeder der Delegierten, die an diesem Tag in Marl stehen, Weidels Wunsch kennen. Unabhängig von der Kommunikation des Landeschefs.

Weidel will neu wählen lassen

Der Wunsch von Weidels Bundesvorstand lautet: Die Listenwahl soll an diesem Freitag nicht fortgesetzt, sondern abgebrochen werden. Stattdessen soll es in ein paar Wochen eine neue Versammlung geben. Die Delegierten sollen noch einmal ganz von vorne anfangen. Die mehr als 20 Listenplätze, die in einem harten Machtkampf zwischen den beiden Lagern an drei Tagen besetzt wurden, sollen hinfällig werden. Darunter auch Vincentz' erster Listenplatz.

Der Bundesvorstand begründet das offiziell in seinem Schreiben vom Donnerstag mit Rechtsunsicherheiten und der Sorge, dass die Liste nicht zugelassen wird. Es soll Drohungen aus Vincentz' Lager gegen Mitglieder gegeben haben, auf eine bestimmte Art zu wählen. Es soll zum Teil falsch ausgezählt worden sein. Im ersten Wahlgang wurde eine Zählmaschine für die Stimmen eingesetzt, bisher unerprobt auf AfD-Versammlungen.

Der wichtigere Treiber für Weidel aber ist ein anderer. Vincentz nämlich hat bei der Listenwahl dieselbe Strategie angewendet wie Weidel selbst vor zwei Wochen beim Bundesparteitag in Erfurt. Er hat seine Gegner nicht integriert, sondern ignoriert, und ist so im Begriff, sich eine Landesliste zusammenzubauen, die zu mehr als 90 Prozent aus seinen Verbündeten besteht. Sie sollen bekommen, was in der AfD den höchsten Wert hat: Mandate im nächsten Landtag – und damit viel Geld, Mitarbeiter und Ressourcen, um das gegnerische Lager zu zerschlagen.

Das gegnerische Lager aber ist das Lager von Alice Weidel. Vincentz' Landesverband hat so das Zeug, zum Anti-Weidel-Land zu werden. Und dieses Land ist mächtig: Mehr als 100 Delegierte schickt NRW zu den Bundesparteitagen, um das Personal und Programm auf der Bundesebene zu bestimmen. So viel wie kein anderer Landesverband. Im Moment zählen zu Vincentz etwas mehr als die Hälfte dieser Delegierten. Der Rest zählt zu seinen Gegnern und damit zu Weidels Unterstützern. Die Landesliste ist der Schlüssel, das nachhaltig zu ändern.

Und Vincentz verfolgt auch programmatisch eine andere Strategie als Weidel. Er pflegt zwar auch Bündnisse mit Radikalen, wirbt selbst aber lautstark für einen gemäßigten Kurs der AfD: weniger Remigration, weniger Rechtsextremismus. Mehr Konservatismus und Offenheit für eine Koalition mit der CDU. Dem völkischen Lager, mit dem Weidel seit Jahren schon erfolgreich eng zusammenarbeitet, ist er deswegen ein besonderer Dorn im Auge.

Weidels Mitstreiter: "Parteitag der Schande"

Geht der Plan von Landeschef Vincentz auf, die Landesliste überwiegend mit seinen Verbündeten zu besetzen, dann bleibt Weidels Lager auf der Strecke. Das sind in NRW die Unterstützer des rechtsextremen Bundestagsabgeordneten und Höcke-Vertrauten Matthias Helferich sowie des Landtagsabgeordneten Sven Tritschler. Sie sind strategisch eng mit Weidel verbunden und die Speerspitze im Kampf gegen Vincentz. Seit Monaten unterstützt Weidel sie schon im Lagerkampf in NRW. Erst hinter den Kulissen und mit ein paar Wahlkampfbesuchen, jetzt ganz offensichtlich.

Der vergleichsweise gemäßigt auftretende Vincentz hält mit Tino Chrupalla Weidels Co-Chef und Konkurrenz an der Bundesspitze die Treue. Er soll vor zwei Jahren schon, so wie Chrupalla, an einer Nein-Stimmen-Kampagne gegen Weidel beteiligt gewesen sein. Es dürfte der finale Kipppunkt im Verhältnis zwischen der Bundeschefin und dem Landeschef gewesen sein.

Am Freitag sind Weidels Männer zunächst noch selbstbewusst. Denn Weidel ist ohne Frage die mächtigste Person in der AfD. Ihr Wort hat Gewicht. Erst vor zwei Wochen hat sie in Erfurt ein Zeichen der Macht gesetzt, auf dem Bundesparteitag hat sie ihren Wunschvorstand durchgesetzt und dabei gerade auch Martin Vincentz düpiert. Kein einziger seiner Kandidaten hat den Sprung in Weidels neuen Bundesvorstand geschafft. Stattdessen sitzen mit Tritschler und dem jungen Bundestagsabgeordneten Maximilian Kneller jetzt zwei klare Weidel-Vertraute für NRW im höchsten Gremium der AfD.

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Am ersten Wochenende der Aufstellungsversammlung in NRW hatte ihr Lager trotzdem keinen guten Stand. Mit nur 40 bis 45 Prozent Mehrheit gingen sie in den Kandidaturen gegen Vincentz' Leute unter, die hart durchzogen. Weidels Vertraute haben auf Blockade geschaltet, die "Operation Filibuster" gestartet und den Parteitag so am Ende mit Dutzenden Scherzkandidaturen fast lahmgelegt. Es war ein Akt der Verzweiflung. Doch dann kam der Brief des Vorstands zu Hilfe, der ausformulierte Wunsch der Chefin.

Alle im Saal hätten ja die Mail des Bundesvorstands gelesen, sagt der Bundestagsabgeordnete und Helferich-Mitstreiter Christian Zaum am Freitag am Saalmikrofon in der Halle. Die Versammlung hat da gerade erst begonnen. Zaum nennt sie einen "Parteitag der Schande" und fordert ihren sofortigen Abbruch. "NRW braucht keinen Sonderweg", ruft Zaum. "Wir brauchen eine geeinte AfD hinter unserer künftigen Kanzlerin Alice Weidel."

Die mehr als 500 Delegierten in der Halle stimmen ab, heben ihre Stimmkarten für Ja oder Nein. Im Livestream ist in diesem Moment nicht das Publikum zu sehen. Doch mehrere Teilnehmer bestätigen t-online: Weidels Lager hat für den Wunsch nach Abbruch noch weniger Zustimmung bekommen als bei den Kampfkandidaturen um die Listenplätze am vergangenen Wochenende. Der "Parteitag der Schande" geht also weiter, gegen ihren Willen.

Weidels Vorgehen treibt mehr Delegierte in Vincentz' Arme

Die radikale Blockade am Wochenende zuvor mag dafür eine Rolle gespielt haben. Delegierte mögen es nicht, wenn ihre Zeit verschwendet wird. Das Strippenziehen, Werben und Versprechen von Vincentz' Lager dürfte erheblich ins Gewicht fallen. Und vielleicht eben auch das offensive Vorgehen von Weidels Bundesvorstand gegen Vincentz. Zu durchsichtig dürfte für so manchen sein, dass die Weidel-nahe Bundesspitze nicht primär von juristischer Sorge, sondern von Machtpolitik getrieben ist.

Das Ergebnis jedenfalls fällt schlecht für Weidel, Helferich, Tritschler und ihre Mitstreiter aus. Sie haben die Delegierten in NRW nicht etwa in Weidels Arme getrieben, sondern offenbar manchen noch zu Vincentz geführt.

Die meisten aus Weidels unterlegenem Lager verlassen nach der Abstimmung zügig die Halle. Die nächste große Blockade-Aktion bleibt aus. Vincentz hat damit freie Fahrt. Er steht am Saalmikrofon, schaut auf sein Handy und liest Namen vor. Ein Listenplatz nach dem anderen wird so am Mittag zunächst ohne Gegenkandidaten besetzt und rasch durchgewählt.

Zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Textes läuft die Versammlung noch, gegen 18 Uhr sind sie bei Platz Listenplatz 43. Das ehrgeizige Ziel des Vincentz-Lagers: Alle 80 Listenplätze bis zum Ende dieses Tages zu schaffen. Die Liste soll so zügig wie möglich abgeschlossen werden, ganz in ihrem Sinne.

Zangenbewegung, um Vincentz' Liste anzufechten

Doch die AfD wäre nicht die AfD und Alice Weidel nicht Alice Weidel, wenn es das dann gewesen wäre. Einen solchen Affront, ein solches Risiko für die starke Frau an der Spitze werden weder Weidel noch ihre Netzwerker akzeptieren können. Im Hintergrund laufen deswegen schon jetzt Pläne, um Vincentz' Landesliste anzufechten.

Es dürfte nun eine Zangenbewegung einsetzen: Auf der einen Seite wird Weidels Bundesvorstand gegen den Landesvorstand vorgehen, wo es nur möglich ist, ohne sich noch wesentlich mehr Feinde in NRW zu machen. Wahrscheinlich sind Parteiausschlussverfahren gegen wichtige und zugleich mäßig beliebte Gefolgsleute von Vincentz, begründet mit den angeblichen Drohungen bei der Listenwahl oder alten Verfehlungen.

Denkbar ist sogar, dass der Bundesvorstand den ganzen Landesvorstand seiner Ämter enthebt – oder zumindest die Mitglieder, die große Angriffsfläche bieten. Weil sie den Bundesbeschluss ignoriert oder andere bedroht haben sollen. Womöglich passiert das schon in der nächsten Sitzung des Bundesvorstands am Montag.

Zugleich werden Weidels Mitstreiter in NRW mit allen juristischen Mitteln Einspruch gegen die Liste und die Wahlversammlung erheben. Beim Bundesvorstand, den Schiedsgerichten, auch bei der Landeswahlleitung. Sie werden versuchen, die Wahl so anzufechten. Helferich ist Jurist. Und von Tag eins der Versammlung an hat sein Lager Belege gesammelt, die als Munition für diese Strategie taugen.

Gefechte bringen Landesliste in Gefahr

Der eskalierte Streit birgt dabei ein enormes Risiko für die Partei: Je mehr beide Lager um die Liste kämpfen und die Methoden des Gegners als unrechtmäßig darstellen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Wahlleitung die Liste tatsächlich nicht zulässt.

Die AfD hat Erfahrung mit solchen Gefechten. In den vergangenen Jahren sind sie immer weniger geworden, auch weil Weidels Netzwerker sich durchsetzten. "Bremen" aber ist zum Beispiel ein Stichwort, das sie jetzt in der Partei häufig nennen. 2023 durfte die AfD dort nicht zur Landtagswahl antreten, weil sich zwei verfeindete Lager derart heftig um die Landesliste stritten, dass die Landeswahlleitung sie nicht zuließ.

Erst das Land, dann die Partei, dann die Person – das ist ein gern gesagter Satz bei öffentlichen Auftritten von AfD-Politikern. Der Kampf um die Liste in NRW zeigt nun aber wieder mal, dass die Reihung für die AfD in Wahrheit oft genau andersherum lautet: erst die Person, dann die Partei, dann das Land.