Schrei-YouTuber "Aktivist Mann" will bei der AfD weniger pöbeln
Livestreamer "Aktivist Mann"
AfD bremst den Schrei-YouTuber aus
24.08.2026 - 20:12 UhrLesedauer: 7 Min.
Im Schatten des AfD-Wahlkampfs macht ein YouTuber seine ganz eigene Show. Wie "Aktivist Mann" dabei agiert, brachte Ulrich Siegmund aber jetzt zum Einschreiten.
Diesmal hat es Matthäus Westfal alias Aktivist Mann offenbar übertrieben. Der YouTube-Streamer war mit Kamera schon in der Coronazeit der lauteste in erster Reihe, wenn irgendwo Menschen aus dem "Widerstand" versammelt waren. Jetzt reist er von AfD-Veranstaltung zu AfD-Veranstaltung. Zuletzt rempelte er live einen Spiegel-TV-Reporter an und fragte einen anderen YouTube: "Was ist mit Dir los? Bist Du Jude, oder was?"
"Aktivist Mann", der sich als "Gonzojournalist" bezeichnet, droht mit seinem Auftreten in Livestreams zur Belastung zu werden für die AfD, die eigentlich tiefe Verbundenheit mit rechten Medienaktivisten pflegt. Während die Partei sich vor der Wahl zügelt, hat Aktivist Mann aufgedreht. t-online ist der Frage nachgegangen, wie die AfD damit umgeht und was Leerlauf in langen Livestreams damit zu tun hat.
Das vernichtendste Urteil zu Aktivist Mann kam von einem Kolumnisten des Krawallportals Nius, wo Brandmauern verpönt sind und sich AfD-Anhänger eigentlich meist gut angenommen fühlen. "Wenn der Typ das deutsche Volk ist", schrieb Autor Benedikt Brechtken über den YouTuber, "bin ich für den Bevölkerungsaustausch." Mit "Aktivist Mann" rückt plötzlich jemand in den Fokus, den sein YouTube-Publikum schon seit der Coronazeit kennt, der aber vielen Medien erst jetzt auffällt.
Denn aktuell gibt es viel Aufregung über Aufnahmen aus Merseburg von einer Veranstaltung am Samstag mit Ulrich Siegmund. "Richtig schönes Familienfest, klasse!", sagte Westfal dazu in seinem Kanal. Im Laufe der Veranstaltung sieht er dort ein Team von Spiegel TV, spricht die Reporter an – wie die das auch manchmal tun. Westfal steht einem Reporter dabei halb im Weg, der deshalb versucht, vorbeizukommen und ihn touchiert.
Streamer skandierte: "Der Spiegel muss weg"
Westfal gibt dem deutlich kleineren Mann einen Stoß mit der Schulter und ruft: "Hören Sie auf, mich zu schubsen", schreit er den Reporter an. "Was sind Sie für ein Medium, Sie kennen doch nur Gewalt." Ganz ähnlich war er Tage zuvor an einem Stand der Linken aufgetreten.
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Der Spiegel-Journalist in Merseburg versucht, Westfals Tirade zu ignorieren, während der weiter tönt: "Wollen Sie eine Anzeige?" Westfal stimmt wenig später auch Sprechchöre "Der Spiegel muss weg" und "Lügenpresse" mit einer Gruppe junger Leute an, während das Team abgeschirmt hinter einem Polizeifahrzeug steht.
Nach den Bildern vom Wochenende schrieb AfD-Politiker Hans-Thomas Tilschneider auf X, er finde "den unmöglich" und meinte Matthäus Westfal. Tilschneider war Gründer der "Patriotischen Plattform" von Mitgliedern des aufgelösten Höcke-Flügels. Er könnte der Bildungsminister werden, wenn die AfD in Sachsen-Anhalt regieren kann und will, und er ist in der AfD eine Hausnummer. Aktivist Mann, schrieb Tilschneider, habe "schon in Querfurt körperlich höchst aufdringlich Interviews gestört." Ihn würde es deshalb "nicht wundern, wenn der einen Auftrag als agent provocateur hätte".
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Bei Sturm auf den Reichstagstreppen ganz vorne
Tilschneider hat das Posting mit dem Vorwurf des eingeschleusten Unruhestifters gelöscht, kommentieren wollte er das auf Nachfrage nicht. Es hat vielleicht damit zu tun, dass AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund eine Woche vorher noch Matthäus Westfal und einem anderen Kanal explizit gedankt hatte. Im Podcast "Ben ungeskriptet" sagte er, Aktivist Mann reise ihm nach, und dadurch hätten die Bürger vier, fünf Stunden Gelegenheit, "ungefiltert" dem Wahlkampf zu folgen.
Siegmund ergänzte auf t-online-Anfrage am Montag: Westfal habe auf anderen Veranstaltungen gezeigt, dass es "wichtig sei, dass live gestreamt wird, über lange Zeiträume". So etwa bei der Begegnung mit Fabian Köster von der ZDF-"Heute Show", der am Donnerstag bei einem Siegmund-Termin war. Es sei wichtig, dass man zeige, wie "solche Berichterstattungen im Öffentlich-Rechtlichen entstehen".
Es brauche aber ein Niveau, "auf dem alle vernünftig arbeiten können" und dazu Regeln. "Wenn dagegen verstoßen wird, dann sprechen wir mit diesen (Leuten)." Das habe man gemacht. Man habe sich bei AfD-Veranstaltungen an die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu halten, niemand werde mit Gewalt an seiner Arbeit gehindert.
Siegmunds Lob für Westfal, "ungefiltert" Wahlkampf darzustellen, gibt dessen Arbeit aber nur eingeschränkt wieder. Im Verfassungsschutzbericht 2022 von Nordrhein-Westfalen fand sich Westfal wieder als "relevanter Multiplikator in der Szene der Delegitimierer", der "Kontakte in weite Bereiche der Delegitimierungs- und rechtsextremistischen Szene" halte.
Von ihm gingen Bilder um die Welt von den Treppen des Reichstags am 29. August 2020. Westfal filmte dort an der Spitze der Menschen, die von drei einsamen Polizisten am Eindringen abgehalten wurden. "Presse, wir sind Presse", rief er im einen Moment den Polizisten zu, die die Menschen zurückdrängen wollten – und dirigierte im nächsten Satz die Menschen um ihn rum: "Hinsetzen!" Westfal stachelt auf, Demonstranten um ihn – und Zuschauer an den Rechnern.
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"Sie sind ein YouTube-Dödel"
Von einem ostdeutschen Lokaljournalisten bekam Westfal vor wenigen Tagen Kontra, wie er es selten erlebt. "Sie sind ein YouTube-Dödel, der sich mit mir über Framing unterhalten will", sagte Markus Wölk, Redaktionsleiter der "Altmark Zeitung" zu Westfal. Wölk zeigte auf Westfals Shirt: Aufdruck "Remigration", es ist aus dem Shop eines rechten Medienportals und wurde in Westfals Video prompt beworben. Westfal arbeitet auch für den "Deutschlandkurier". Siegmund erklärte, von ihm werde Westfal weder beauftragt noch bezahlt.
Den Lokaljournalisten hatte Westfal gefragt, ob der da sei, um Siegmund zu schaden und was er wähle. Als Wölk zu Erklärungen ansetzte, dass seine Aufgabe das Berichten ist, nicht das Unterstützen oder Schaden, fiel ihm Westfal ins Wort. Westfal fasste sein Video so zusammen: "Mainstream-Journalist zerlegt sich selbst!" t-online hat es in den Quellen unter diesem Text verlinkt, ebenso wie den nachrichtlich-neutralen Beitrag der Altmark Zeitung.
Westfal steuert seit Tagen auf den Veranstaltungen Journalisten an, um sie zu "interviewen", also in der Regel mit rhetorischen, absurden Fragen zu attackieren. Aus seinem Umfeld heißt es, dass er auch Groll auf Medien hegt, weil die sein Material nutzen und er davon nichts hat.
Verwendet würden die Postings von Beobachteraccounts, die Kanäle von rechten Streamern nach besonderen Szenen auswerteten, ausschlachteten und damit Reichweite machten. Medien bedienten sich aber auch direkt bei ihm und platzierten ungefragt ihr Logo auf seine Bilder – gerade ist demnach eine Abmahnung für das rechte Portal "Nius" in Vorbereitung, das besonders exzessiv ungefragt Material verwendet habe.
"Mattheo hat da die Grenzen etwas überschritten"
"Welt"-Reportern rückte er auf die Pelle, Fabian Köster lief er nach. Die "Deutsche Welle" hat ihn sogar abgemahnt, weil er das Recht eines Reporters am eigenen Bild verletzt habe. Westfals Anwalt hat den Sender deshalb wegen Nötigung angezeigt. Den RBB-Reporter Olaf Sundermeyer, einen Extremismus-Experten der ARD, fragte Westfal, warum er "linksextrem" sei und predigte: "Kehren Sie um. Der liebe Gott vergibt Ihre Schandtaten." Westfal hat einen religiösen Hintergrund, er war früher für die Organische Christus-Generation (OCG) tätig, die Sekte des Schweizer Laienpredigers Ivo Sasek.
Dass Westfal "vier, fünf Stunden" ununterbrochen streamt, wie Siegmund lobte, wird für den YouTuber manchmal auch gerade zum Problem, sagt t-online jemand aus seinem Umfeld: "Da passiert über lange Strecken nichts, das ist eigentlich zum Abschalten." Dann gerieten Streamer in die Versuchung, selbst vermeintlich Aufregendes zu inszenieren. "Mattheo" – so wird er gerufen – "hat da die Grenzen etwas überschritten."
Das Problem bestätigt auch Martin Lejeune, der selbst ähnlich wie Westfal unterwegs war und 2021 einen Schlussstrich unter Livestreams gezogen hat. "Wenn man allein ist und filmt, und es passiert nichts, führt das dazu, dass man mutwillig versucht, Eskalation herbeizuführen." Das habe er neben der Radikalisierung der Szene mit seinem Verständnis von journalistischem Arbeiten nicht mehr vereinbaren können.
Westfal sagt inzwischen, es sei "blöd, dass irgendwelche Leute eine Minute sehen von viereinhalb Stunden Live und sich da dann ein Bild machen wollen von mir". Allerdings gab es am Wochenende nicht nur eine Minute, die ihn verfolgt.
In Merseburg geriet er auch mit dem YouTuber Marcant aneinander. Der 2,09-Meter-Riese Marcant taucht wie Westfal auf vielen Veranstaltungen der rechten und rechtsextremen Szene auf. Doch Marcant versteht sich als Aufklärer, der AfD-Anhänger zwar respektvoll, aber fundiert-kritisch befragt. Sein politischer Kanal ist der am schnellsten wachsende im deutschsprachigen Raum geworden. Beide sind Reizfiguren für das andere politische Lager.
Westfal: "Vielleicht zu viel Emotion gezeigt"
Während Marcant einen von hinten gefilmten Jugendlichen fragte, was ihm an der AfD gefalle, filmte Westfal die Szene von der anderen Seite und attackierte: Marcant filme Kinder ohne Einverständnis der Eltern. Zu erkennen ist der Jugendliche lediglich in Westfals eigenem Stream, was die Skandalisierung absurd macht. Es entwickelt sich ein Wortgefecht, Marcant spricht Westfal auf eine frühere Solidaritätsbekundung mit der inzwischen verstorbenen mehrfach verurteilten Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck an. Auf die Frage "Gab es den Holocaust?" antwortet Westfal mit "Bist Du Jude oder was?"
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Damit war Westfal nicht nur der, der Journalisten auf der AfD-Veranstaltung aggressiv angegangen ist, sondern auch der, der sich dem Anschein nach antisemitisch äußert. Aus seinem Umfeld wird das zurückgewiesen, Westfal sei nicht antisemitisch. In Haverbeck habe er vor allem eine Frau gesehen, die mit 93 Jahren noch ins Gefängnis müsse. Er brauche sich aber nach derart unbedachten Aussagen über den Vorwurf nicht zu wundern. Zudem sprach Westfal im Zusammenhang mit Haverbeck von "Meinungsfreiheit".
Die Ansprache aus der AfD zu seinem Auftreten hat bei ihm aber offenbar Wirkung gezeigt. In einem Video entschuldigte er sich, er habe in letzter Zeit häufiger Körperkontakt gehabt auf Veranstaltungen, "da werde ich garstiger." Er spricht davon, vielleicht "zu viel Emotion" gezeigt zu haben, obwohl sein Verhalten sehr kalkuliert und die Aufregung künstlich wirkt. Er habe auf keinen Fall der AfD schaden wollen, "sondern einfach zeigen, seit über einer Woche unterschreibt Ulrich Siegmund Spiegel-Ausgaben." Er kündigte aber an: "Ich werde jetzt versuchen, entspannter zu sein." In den nächsten zwei Wochen werde er ruhiger sein. Dann ist die Wahl in Sachsen-Anhalt.
Am Montag klappte das schon, er hielt sich sehr zurück. Gestreamt hat er trotzdem. Deshalb konnte er zunächst auch Fragen von t-online noch nicht beantworten.
