Agyekum und Fischer-Breiholz bei der Leichtathletik-EM: Gibt es heute zwei Medaillen?

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Owe Fischer-Breiholz war zuletzt gleich zweimal Gast im Bochumer Lohrheidestadion. Auf den Titelgewinn bei der deutschen U23-Meisterschaft ließ der 22-Jährige Silber bei den Erwachsenen folgen. Über die 400 Meter Hürden ist der Athlet des Königsteiner LV einer der größten Senkrechtstarter der deutschen Leichtathletik. Bei der EM in Birmingham ist er neben Emil Agyekum, der erst vor wenigen Wochen den deutschen Rekord gebrochen hat, als aussichtsreicher Starter dabei. Heute stehen sie beide im Finale über 400 Meter Hürden..

Herr Fischer-Breiholz, Sie sind mit einem Paukenschlag auf der internationalen Leichtathletikbühne aufgetaucht: Vergangenes Jahr wurden Sie in 48,01 Sekunden U23-Europameister, brachen den Meisterschaftsrekord von Hürden-Star Karsten Warholm. Was hat sich für Sie seitdem verändert?

firo : 25.07.2026,
Leichtathletik, LA, DM 2026 in Wattenscheid, Deutsche Meisterschaften 2026,

Ein Geheimtipp ist Owe Fischer-Breiholz längst nicht mehr. © firo | Ibing

Owe Fischer-Breiholz: Sehr, sehr viel. Die Zeit an sich war damals eigentlich keine so große Überraschung, sondern vielmehr das Resultat meines Trainings. Ich hatte natürlich gehofft, dass genau so ein Moment, in dem alles funktioniert, bei der EM passiert. Und so kam es: Der Knoten ist geplatzt, ich konnte alles auf der Bahn lassen. Seitdem hat sich so ziemlich alles ein bisschen geändert. Sponsoren sind auf mich aufmerksam geworden, man hat gemerkt: Okay, Owe Fischer-Breiholz könnte ein Name werden, der für Deutschland bei internationalen Wettkämpfen an den Start gehen wird- Und so ist es ja auch dieses Jahr mit der EM. Das hat mich super gefreut, weil das genau dieser Schritt ist, den sich jeder U23-Athlet erhofft: den Übergang von der Jugend zum Erwachsenenbereich direkt zu schaffen.

Der Name Harald Schmid steht in Ihrer Disziplin in Deutschland für große Erfolge in der Vergangenheit. Wie fühlt man sich denn als große Zukunftshoffnung?

GER, Leichtathletik, Athletics, Deutsche Meisterschaften U18/U23, Wattenscheid, 04.07.2026

Owe Fischer-Breiholz auf dem Weg zum Titel deutscher U23-Meister. © imago | Mayer

(lacht) Also das kann schon ein kleines bisschen Druck machen, aber den meisten Druck mache ich mir ohnehin selbst, weil ich diesen hohen Anspruch an mich habe. Aber wenn Leute das in mir sehen, dann ist das eine sehr große Ehre für mich. Ich weiß, wer Harald Schmid ist, was er geleistet hat. Wenn ich in diese Fußstapfen mal hereinpasse, ist das etwas Wunderbares. Aber natürlich will ich auch mein eigenes Ding machen. Ich bin ein eigenständiger Athlet mit meinem eigenen Kopf, meinen Methoden, der seine eigene Leichtathletikgeschichte schreiben möchte – die hoffentlich gerade erst angefangen hat.

Verletzung stoppte ihn bei der WM in Tokio

Nach der U23-Europameisterschaft waren Sie auch in Tokio bei Ihrer ersten Erwachsenen-WM am Start. Dort bremste Sie eine Oberschenkelverletzung vor dem Halbfinale. Haben Sie aus dieser Erfahrung trotzdem etwas mitnehmen können?

Ja, sehr viel sogar. Das erste Mal überhaupt bei einer WM der Erwachsenen dabei zu sein, war schon eine unglaubliche Erfahrung. Obwohl ich mich wunderbar gefühlt habe und auch die Zubringerleistungen stimmten, habe ich mich verletzt. Das hat bei uns – also bei meinem Trainer, Physios und Ärzten – einen kleinen Alarm ausgelöst, immer darauf zu achten, dass alles stimmt. Daher arbeiten wir jetzt auch an vielen kleineren körperlichen Problemen, aus denen irgendwann größere werden könnten. Aber es ist ja auch erst das zweite Jahr, dass wir so zusammenarbeiten.

Owe Fischer-Breiholz (2. von links) im EM-Halbfinale.

Owe Fischer-Breiholz (2. von links) im EM-Halbfinale. © afp | Ellis

In Frankfurt sind Sie Teil einer exklusiven Leistungsgruppe von Trainer Christian Kupper und täglich mit den besten Hürdenläufern Deutschlands zusammen. Wie machen Sie sich gegenseitig immer besser?

Ich würde sagen, dass wir alle voneinander profitieren. Ich habe von Anfang an gesehen, was das für ein Potenzial ist, wenn ich als junger, relativ unerfahrener Athlet in diese Gruppe komme. Das wollte ich unbedingt. Joshua Abuaku, Emil Agyekum, Eileen Demes – sie haben alle schon Erfahrungen bei Wettkämpfen gemacht, wo ich unbedingt hinwill. Wenn man bei Athleten wie Josh zuguckt, beim Training, auch außerhalb des Laufens, und da mal ein paar Kleinigkeiten übernimmt, macht man überhaupt nichts falsch. Er ist ein sehr strukturierter Athlet, da kann man viel übernehmen und sich so selbst weiterentwickeln. Wir haben ein sehr freundschaftliches Verhältnis miteinander, neulich hat Josh uns erst alle zu seinem Geburtstag eingeladen. Wir gehen auch mal einen Kaffee trinken oder was essen. Auf den Wettkämpfen haben wir auch zusammen eine gute Zeit. Das macht viel Spaß und funktioniert sehr gut. Andersherum ist da natürlich auch dieses Konkurrenzdenken. Jeder will sein Bestes geben. Wenn wir Läufe gegeneinander machen, pusht das extrem. Ich würde auch sagen, dass Emil in dieser Saison sehr davon profitiert hat.

Trainingskollege schnappt sich deutschen Rekord

Er hat mit 47,45 Sekunden den 44 Jahre alten deutschen Rekord von Harald Schmid gebrochen. Was zeichnet ihn aus?

Ich würde sagen, dass er wirklich seinen komplett eigenen Weg geht. Sein Kopf funktioniert nicht so wie meiner, er denkt bei vielen Sachen nicht wie ich oder andere. Er schaut links und rechts, was er machen kann, probiert aus – und hat damit Erfolg. Sei es etwa Meditation oder anderes Sondertraining. Er arbeitet sehr hart – und dieses Jahr hat es einfach funktioniert.

Leichtathletik - Deutsche Meisterschaft

Emil Agyekum, Rekordhalter und deutscher Meister. © dpa | Hoppe

Haben Sie das kommen sehen? Oder hätten Sie eher gedacht, dass Sie der Erste sind, der sich den Rekord schnappt?

Gehofft hatte ich es natürlich schon. (lacht) Aber manchmal ist es vielleicht auch eine Frage der Zeit. Emil arbeitet ja auch schon ein paar Jahre länger als ich in der Disziplin. In diesem Jahr scheint dann wirklich der Knoten geplatzt zu sein, sein volles Potenzial auf die Bahn bringen zu können. Das macht Mut, dass mir das auch irgendwann gelingen wird. Emil hat das einfach stark gemacht. Er ist gut drauf, hat den Moment genutzt. Er hat sich den Rekord verdient und meine Anerkennung dafür. Ich gönne es ihm. Für mich gilt es, dranzubleiben.

Ist das erst der Anfang von einer vielversprechenden Entwicklung des 400-Meter-Hürdenlaufs in Deutschland?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass es genauso sein wird. Ich kann mir auch vorstellen, dass über die Jahre noch weitere Athletinnen und Athleten in unsere Trainingsgruppe stoßen. Sie ist ja dynamisch, da wollen sicher viele dabei sein. Es ist ein Geben und Nehmen, diese Gruppe ist eine Symbiose, die man nutzen kann. Von daher glaube ich schon, dass wir die nächsten Jahre noch besser werden können.

Es ist ein Geben und Nehmen, diese Gruppe ist eine Symbiose, die man nutzen kann.

Owe Fischer-Breiholz, über die Dynamik seiner Trainingsgruppe.

Zwei deutsche EM-Medaillen über 400 Meter Hürden?

Sie haben nach Platz zwei bei der Deutschen Meisterschaft nicht zufrieden gewirkt. Weil Sie spürten, dass noch mehr in Ihnen steckt und Sie hoffen, dass bei der EM endlich der Knoten platzt. Was muss passieren, damit das möglich ist? Sind Sie jemand, der bei Höhepunkten am besten ist?

Ich kann natürlich nicht in die Zukunft schauen, aber es ist schon so, dass ich unter Druck immer gut performen konnte. Ich bin bei EM und DM schon Bestleistungen gelaufen. Deshalb war ich ein kleines bisschen enttäuscht, dass ich die 48er-Zeit nicht geknackt habe. Ich dachte wirklich, das ist der Tag, an dem ich es schaffe. Aber es war trotzdem kein Rückschlag, sondern ein weiterer Schritt nach vorn. Das war die zweitschnellste Zeit, die ich jemals gelaufen bin.

Angenommen, der Knoten platzt in Birmingham: Was ist dann drin? Sogar zwei deutsche Medaillen?

(lacht) Ja, das wäre natürlich die Idealvorstellung. Aber es funktioniert nicht immer alles so, wie man sich das vorstellt. Die Konkurrenz wird ihr Bestes geben. Aber ich glaube, dass Emil in einem sehr guten Setting ist. Auch bei mir kann alles passieren, wenn ich meine Karten vernünftig ausspiele. Ich gehe auf jeden Fall mit Selbstbewusstsein in den Wettkampf, lasse mein Herz auf der Bahn. Dann werden wir sehen, wozu es reicht.

Was macht es mit Ihnen, wenn Karsten Warholm, der alles gewonnen hat, auf der Bahn neben Ihnen steht?

Es pusht natürlich. Er ist definitiv ein Vorbild. Ich war ja noch relativ jung, als ich gesehen habe, wie er Weltrekord gelaufen ist. Ich schaue mir immer noch gerne seine Läufe an, weil er ein Paradebeispiel eines Hürdenläufers ist. Er hat alles erreicht und ist für mich der Beste über 400 Meter Hürden, den es je gegeben hat. Den Weltrekord hält er nicht umsonst. Daher habe ich auch einen gewissen Respekt. Aber am Ende muss ich mich im Rennen auf mich konzentrieren, mein Ding durchziehen – und auch in meiner Karriere meinen eigenen Weg gehen.

Brutale Disziplin: „Deswegen ist sie so geil“

Der Norweger legt auch eine gewisse Verrücktheit an den Tag, wie er sich vor dem Rennen die Haut rot schlägt, wie er nach der Saison Rennen durch Schnee absolviert. Bringt das diese Disziplin mit sich?

Ich würde schon sagen, dass da jeder auf seine Art speziell ist. Leistungssportler ticken wahrscheinlich in vielen Bereichen anders, weil man diesen Willen, dieses Feuer immer vor Augen hat, sein Ziel zu erreichen. Auch Karsten Warholm denkt nicht wie ein normaler Mensch. Dann kommt noch unsere Disziplin hinzu, bei der man vielleicht wirklich auch ein kleines bisschen verrückt sein muss – eben weil man diese Schmerzen zum Schluss erleidet und das schon weiß, bevor man in den Startblock steigt. Aber das macht halt diesen Reiz aus: Man kann da sehr viel daran arbeiten und wird oft belohnt. Das ist einfach eine brutale Disziplin. Aber das macht’s auch aus, deswegen ist sie so geil.

Es ist auch eine Disziplin, die viel mit Rhythmus zu tun hat. Ist es für sie dann eher Heavy Metal oder seichter Pop?

Tatsächlich ist es gar nicht so, dass ich Musik auf diesen Rhythmus lege. Ich habe auch keine Musik im Kopf, wenn ich laufe. Eher ein „Let’s go, let’s go, let’s go“. Ich zähle auch keine Schritte, um einem Takt zu folgen. Das funktioniert alles automatisch, weil wir es unzählige Male trainieren. Aber trotzdem höre ich vor dem Wettkampf gerne Rockmusik oder Techno. Irgendwas Schnelles, womit ich mich hochschraube, dass ich dann on fire bin. Ich mag das, mir macht es Spaß, wenn ich da ein wenig hibbelig bin. Andere Leute ticken da anders, hören US-Rap oder eher was Entspanntes. Das kann ich nicht nachvollziehen: Da würde ich vor dem Lauf einschlafen. (lacht)

Fischer-Breiholz denkt auch an die Staffel

Sie sind in diesem Jahr auch zum ersten Mal bei den World Relays in der 4x400-Meter-Staffel gelaufen. Wie hat Ihnen das gefallen? Ist das für die Zukunft auch eine Option für Sie?

Ja, definitiv. Es war eine tolle Erfahrung und hat mir einen Heidenspaß gemacht – auch wenn es mir leidtut, dass wir als Team unsere Ziele nicht erreicht haben. Ich wäre sehr, sehr gerne noch einmal dabei, wenn es international um Platzierungen oder Medaillen geht. Im Team zu gewinnen, ist eine tolle Sache. Aber erst einmal gilt das Hauptaugenmerk den 400 Meter Hürden.

Sind beide Disziplinen gut gemeinsam zu bewältigen?

Ja, das kriegt man sehr gut beides gemanagt – es ist ja ziemlich ähnlich. Es braucht diese Laktatverträglichkeit, den Sprint, die Ausdauer. Die 400 Meter flach brauchen wir, um gute Hürden zu rennen. Und wenn am Ende beides erfolgreich ist, umso besser.