„Aktuelle Angriffe nur Vorgeschmack“: Experte warnt vor „entscheidendem Schlachtfeld“ zwischen Putin und NATO

Stand: 05.09.2026, 12:55 Uhr

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Die hybriden Angriffe Russlands gegen die NATO nehmen zu. Experte Reisner erklärt, für wie wahrscheinlich er einen massiven Angriff mit Soldaten hält.

Moskau – Nachdem der CIA-Chef zuletzt nach Moskau gereist war, spekulieren Expertinnen und Experten, ob er Russland vor einem Angriff auf NATO-Territorium gewarnt haben könnte. Der Militärexperte Markus Reisner hält einen russischen Angriff mit massiven Truppen auf Zentraleuropa für unwahrscheinlich. Im Gespräch mit dem Münchner Merkur von Ippen.Media erklärt Reisner, welche Szenarien er für realistischer einschätzt. Der Militärhistoriker leitet das Institut für Offiziersgrundausbildung an der Theresianischen Militärakademie in der Wiener Neustadt.

Wladimir Putin

Auch rund viereinhalb Jahre nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs zeigt sich Wladimir Putin regelmäßig der Öffentlichkeit – hier stellte er sich Ende August 2026 den Fragen des kremlnahen Journalisten Pavel Zarubin. © Mikhail Metzel/Kremlin Pool/Imago

Zuletzt hatte unter anderem der US-Geheimdienst gewarnt, dass Russland die NATO noch im Herbst 2026 angreifen könnte. Für wie wahrscheinlich halten Sie dieses Szenario?

Die Sorge ist berechtigt, aber wir müssen zunächst die Begriffe klar definieren. Ich versuche immer zu erläutern, dass ein Krieg in verschiedenen Domänen stattfindet. Es gibt den Informations-, Welt-, Luft-, Land- und maritimen Raum. Zudem gibt es das elektromagnetische Spektrum und den Cyberraum. Ein typisches Zeichen für die Landdomäne war im Ukraine-Krieg der Einmarsch der russischen Truppen im Jahr 2022. Natürlich griff Russland auch in anderen Domänen wie aus der Luft an. Jetzt muss ich die Frage stellen, ob künftige Kriege ähnlich geführt werden – also tatsächlich durch den Einsatz von Landstreitkräften – oder ob primär andere Methoden angewandt werden.

Russlands Strategie gegen die NATO

Was vermuten Sie?

Wir sehen, dass im 21. Jahrhundert vor allem der Informationsraum das entscheidende Schlachtfeld ist. Es geht also um die Köpfe und Herzen der Menschen, die man beeinflussen muss. So kann man es schaffen, einen Staat, den man angreifen will, so zu beeinflussen, dass der Staat – also vor allem die Bevölkerung – sagt: Naja, eigentlich ist der Gegner doch gar kein Gegner. Wir können ihn über unsere Landesgrenze einladen und uns freiwillig in seine Obhut geben. Dann haben Sie Erfolg, bevor Sie einen einzigen Panzer eingesetzt haben.

Und diese Strategie verfolgt Russland aus Ihrer Sicht?

Russland versucht zwar, die NATO zu testen, aber warum sollte Putin mit einer massiven Truppenzahl nach Zentraleuropa einmarschieren? Dann würde jeder wissen, dass die Russen es wirklich ernst meinen. Ich denke, dass die Wahrscheinlichkeit viel höher ist, dass die Russen auf diese Methoden der hybriden Kriegsführung setzen – indem sie mit kleinen Nadelstichen versuchen, unsere Bevölkerungen anzugreifen und zu spalten. Russland will ihnen weißmachen, dass der Kreml nicht der Feind ist, sondern, dass der wahre Feind im eigenen Land – in den Regierungen – sitzt. Russland hat diesen hybriden Krieg mit verschiedenen Maßnahmen längst gestartet und das Land hat eine lange Tradition in der hybriden Kriegsführung – mit einer eigenen Systematik, die gut beschrieben ist.

Können Sie diese Systematik erklären?

Sie besteht aus vier Phasen. Es beginnt mit einer Demoralisierung eines Staates und seiner Bevölkerung. Das kann bis zu zehn Jahre dauern. Dann kommt es zu einer Destabilisierung und das findet alles im Informationsraum statt, über eine Dauer von sechs Monaten bis zu einem Jahr. Darauf folgt eine Krise und wenn das nicht reicht – als letzte Phase – eine militärische Intervention. Diese kann bereits auf dem Hoheitsgebiet des attackierten Staates stattfinden. Das konnte man sehr gut in der Ukraine beobachten. Die Demoralisierung begann 2004. Ein entscheidender Moment der Destabilisierung war 2014 die Maidan-Revolution, bei der die prorussische Regierung die Proteste vieler Ukrainer brutal niederschlug. Kurze Zeit später folgte der russische Einmarsch in die Ost-Ukraine und nachdem Russland noch immer keinen Erfolg hatte, startete Putin 2022 die Vollinvasion, die – wie wir heute wissen – gescheitert ist.

Militärexperte Reisner schließt russische Vorstöße gegen NATO nicht aus

Also rechnen Sie mit weiteren russischen Angriffen im Informationsraum gegen NATO-Staaten?

Ja, und ich halte diese hybriden Angriffe für deutlich wahrscheinlicher als einen massiven russischen Angriff auf Zentraleuropa.

Also muss die NATO keine Angriffe mit Soldaten oder Panzern fürchten?

Es kann natürlich sehr wohl sein, dass es begrenzte russische Vorstöße auf NATO-Gebiet geben wird. Wie ich beschrieben habe, gehören diese Vorstöße zur dritten Phase, also zur Krise – vor einer möglichen Vollinvasion. Russland könnte mit Vorstößen versuchen, die NATO vorzuführen und zu zeigen, dass sie nicht handlungsfähig ist. Wir sehen bereits, dass Russland in seiner eigenen Doktrin einige Eskalationsstufen nach oben gestiegen ist, wofür es mehrere Indizien gibt – unter anderem, weil es einige europäische Länder als direkte Kriegsparteien betrachtet.

Gibt es weitere?

Beispielsweise die Aussage des Sprechers des russischen Präsidialamtes, Dmitri Peskow, dass Russland den Krieg in der Ukraine nicht mehr als Spezialoperation betrachtet – sondern als regionalen Krieg. Zudem sehen wir eine Zunahme von hybriden Angriffen und ich denke, die aktuellen Angriffe sind nur ein Vorgeschmack.

Drohnen in Leipzig: Welche Ziele Russland noch attackieren könnte

Eine Eskalation war auch der versuchte Drohnenangriff in Leipzig.

Genau, und mittlerweile wissen wir, dass mindestens drei Drohnen involviert waren. Das heißt: Der Angriff war viel größer geplant, als zunächst vermutet. Denken Sie auch daran, dass die deutsche Bundesmarine im vergangenen Jahr fast drei Schiffe durch Sabotageversuche verloren hätte. Und es gibt viele weitere Beispiele. Der im Prinzip verantwortliche Architekt für den Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine, der Generalstabschef der russischen Streitkräfte Waleri Gerassimow, sagte: Russlands operativer Plan in einem modernen bewaffneten Konflikt, der nicht offiziell erklärt ist, sieht zunächst eine breite Anwendung nicht-kinetischer Handlungsfelder vor. Das bedeutet: politische, wirtschaftliche und informationelle Kriegsführung, die auf dem Potenzial zur inneren Destabilisierung beruht – ergänzt durch den Einsatz von Spezialkräften oder Militäraktionen. Damit gibt uns Gerassimow die Blaupause, was wir in Zukunft zu erwarten haben.

Welche weiteren Ziele könnte Russland mit Drohnen attackieren?

Zunächst sind Flughäfen ein lohnendes Ziel für Russland. Mit Drohnenüberflügen kann der gesamte Flugverkehr lahmgelegt werden, wovon sehr viele Menschen betroffen wären. Diese fragen sich dann, ob der Staat sie nicht schützen kann. Das heißt, Russland geht es hier darum, maximale Betroffenheit, Angst und Schrecken zu schaffen. In diesem Beispiel gelang es Russland bereits, dass betroffene Staaten weniger Luftverteidigung an die Ukraine geliefert haben, weil sie diese eben selbst benötigen. Weitere mögliche Ziele sind natürlich militärischer Natur oder zählen zur kritischen Infrastruktur – wie die beschädigten Unterseekabel in der Ostsee und Produktionsstätten für Waffen. Das heißt: Wenn der Krieg weiter eskaliert, können wir davon ausgehen, dass die russischen Angriffe auf kritische Infrastruktur deutlich zunehmen werden, damit die Gesellschaften gelähmt und die Regierungen handlungsunfähig gemacht werden. (Quellen: eigene Recherche/Interview: Jan-Frederik Wendt)