Alarmierende Bücherjagd: KI-Konzerne kaufen massenhaft Literatur für das Training ihrer Sprachmodelle

Stand: 12.07.2026, 20:00 Uhr

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Bernhard Kitzinger macht sich Sorgen wegen der Bücherbestellungen.

Bernhard Kitzinger macht sich Sorgen wegen der Bücherbestellungen. © Robert Brouczek

KI-Firmen kaufen massenhaft Literatur, um ihre Sprachmodelle damit zu trainieren. Auch in München. Buchhändler und Verlage fürchten Urheberrechtsverletzungen. Und Schlimmeres.

Bernhard Kitzinger ist verstört. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt der Inhaber eines Antiquariats in der Amalienstraße in München. Über Wochen hinweg habe eine kanadische Firma um die 100 Bücher online bei ihm bestellt. Zunächst musste er sie in die USA schicken, den Großteil dann an eine deutsche Adresse an der polnischen Grenze. Das Skurrile: „Das Porto betrug teilweise das Vierfache vom Wert des Buches, und es gab viele teure Einzelbestellungen.“ Es handelte sich um Fachliteratur ab 1970 mit Preisen um die zehn Euro. Eigentlich Ladenhüter. In Internetforen hat Kitzinger dann erfahren, dass auch vielen anderen Kollegen derartiges passiert ist. „Wir sind alarmiert!“

KI-Firma kauft Bücher aus ganz Europa

Es geht ein Beben durch den Buchhandel: Medienberichten zufolge hat die kanadische Firma Zoom Books massenhaft Bücher aus Antiquariaten in ganz Europa erstanden. In der Branche wird vermutet, dass solche Firmen die Bücher einscannen und damit ihre Künstliche Intelligenz trainieren und füttern, um so Geld zu verdienen. Ein Vorgang, der rechtlich fragwürdig ist. Die betroffene Firma selbst, die die Bücher anschließend angeblich schreddert, hat sich dazu bislang nicht öffentlich geäußert.

Das beliebte Buch-Antiquariat des Münchners in der Amalienstraße.

Fundgrube für KI: Das beliebte Buch-Antiquariat des Münchners in der Amalienstraße. © Robert Brouczek

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels beäugt das Thema kritisch. „Über das Ausmaß können wir nichts sagen“, sagt Sprecher Thomas Koch. Aber: „Es sieht nach einem weiteren Beispiel dafür aus, dass KI-Konzerne massenhaft urheberrechtlich geschützte Werke zum Training ihrer Sprachmodelle nutzen.“ Ohne Einwilligung und ohne Vergütung. „Das ist in unseren Augen ein klarer und massiver Verstoß gegen das Urheberrecht.“ In Deutschland etwa erlischt dieses, wenn der Autor 70 Jahre lang tot ist. International sind die Regelungen unterschiedlich.

Das ist ein klarer Verstoß gegen das Urheberrecht

Bislang ließen sich solche Verstöße allerdings schwer nachweisen, weil es leider keine Transparenzpflichten gebe, die eine Quellennennung für den KI-Input erfordern. „Nach deutschem Recht ist das Einscannen der Bücher nicht möglich“, betont Thomas Koch. Ob es in den USA generell als zulässig anzusehen sei, „ist unseres Erachtens noch nicht eindeutig geklärt“. In einem Gerichtsverfahren hätten die Richter zwar im vergangenen Jahr im Sinne des KI-Konzerns Anthropic geurteilt, dass eine angemessene Verwendung vorliege, wenn mit legal gekauften Büchern KI trainiert wird. „Das muss aber halt nicht zwingend jedes Gericht so sehen.“

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KI-Training mit geschützen Werken: Erster Verlag klagt

Unreguliertes KI-Training mit urheberrechtlich geschützten Werken hat laut Koch massive Auswirkungen auf den Buchmarkt. Denn ohne Vergütungsmodelle werde die Grundlage für Qualitätsinhalte zerstört. Gleichzeitig sei die KI durch das Training in der Lage, per Knopfdruck Bücher zu generieren. Ein großes Problem: „Bei vielen dieser Titel handelt es sich um billig produzierte Massenware ohne redaktionelle Sorgfalt oder inhaltliche Tiefe.“ Die taucht in den Suchergebnissen von Plattformen neben den Originalwerken auf. Mittlerweile zeigten Klagen das Leck an Rechtssicherheit auf. Als erster deutscher Verlag klage gerade die Penguin Random House Verlagsgruppe mit Sitz in München gegen OpenAI wegen Urheberrechtsverletzungen – bei der Kinderbuchreihe „Der kleine Drache Kokosnuss”.

Bei Buchhändler Kitzinger ist nach der Bestellflut nun Ruhe eingekehrt. Aber ihm ist unwohl: „Mich beunruhigt, was das für Folgen haben kann.“ Schreibt die KI eines Tages gar Geschichte um? „Ein gruseliges Szenario.“