Album „Henry and the Ghosts Songbook“ von Micha Acher: Dem Geist nachspüren

Bei The Notwist spielt Micha Acher Bass. Für sein Solodebüt tastet er sich mit anderen Mu­si­ke­r:in­nen an bestehende Songs heran und interpretiert sie neu.

Micha Acher auf einer Wiese, im Hintergrund weitere Personen
Musikalischer Geisterbeschwörer: der Multiinstrumentalist Micha Acher

Foto: Theresa Loibl

Im Sommer 2022 lud Micha Acher, Bassist der Indieband The Notwist (zudem spielt der Tausendsassa Trompete, Flügelhorn, Keyboards, Posaune) die befreundeten Mu­si­ke­r:in­nen Theresa Loibl (Bassklarinette, Klavier), Timm Kornelius (Fagott), Markus Rom (Gitarre, Banjo, Elektronik) und Simon Popp (Schlagzeug, Percussion) zum kammermusikalischen Get-together ins heimische Wohnzimmer.

Die Idee: eine Art musikalischer Séance. Konkret ging es darum, dem Geist von Stücken nachspüren, die im weit verzweigten Kosmos von Achers Hauptband entstanden sind. Was diese Stücke wohl aus der Schattenwelt zurückspielen, wenn sie neu arrangiert werden? Bekommen sie ein neues Eigenleben? Es überrascht nicht, dass auch Micha Achers Solodebüt aus einer Zusammenarbeit mit versierten Mu­si­ke­r:in­nen hervorgegangen ist, die man auch aus anderen Kontexten kennen kann.

Denn Micha Acher und sein Bruder Markus, neben Schlagzeuger Andi Haberl die Kernbesetzung von The Notwist, sind berühmt dafür, Netzwerker mit Faible für überraschende Synergieeffekte zu sein. Beide haben so großes Vergnügen am Musizieren im Kollektiv, dass man die so entstandenen Projekte gar nicht mehr an zwei Händen abzählen kann: vom Akustikensemble Hochzeitskapelle über Spirit Fest, einer bajuwarisch-japanischen Indie-Supergroup, bis zum akustischen Alien Ensemble, das Jazz und Minimal Music auf bisweilen launige Weise zusammenbringt.

Micha Acher: „Henry And The Ghosts Songbook“ (Alien Transistor/ Indigo)

Mit wechselnden Mit­strei­te­r:in­nen schaffen sie immer wieder schillernde Soundamalgame. Und waren so über die Jahre an einem sehr breiten Spektrum an Klangwelten beteiligt.

Für sein Album „Henry and the Ghosts Songbook“ bedient sich Acher unter anderem beim Jazzensemble Tied & Tickled Trio, dem Indie-Pop-Duo Ms. John Soda und dem Alien Orchestra. Bei den Stücken handelt es sich nicht um Coverversionen im engeren Sinne. Bisweilen ist es nur ein Element – ein Motiv, eine Melodielinie –, das neu interpretiert wird. Im Fall von „All Tomorrows Past Part 2“ etwa holen sie Inspiration über Bande in ganz anderen Gefilden, nämlich bei The Velvet Underground – worauf das Stück nicht zuletzt durch schwebende Perkussion Bezug nimmt. Ursprünglich stammt die Hommage aus dem Kontext des Projekts Acher / Enders / Oestreicher / Curtis.

Mäandernde Exkursionen

Nach einem spieluhrartigen Intro, dem vom Alien Ensemble inspirierten „When Hamlet Left Town“, das sich als wunderbar einlullende Anderthalb-Minuten-Miniatur präsentiert, bekommen die Mu­si­ke­r:in­nen mit dem Track „Radio Four“, dem mit fast sechs Minuten längsten Song des Albums, reichlich Raum zur Entfaltung und zur dynamischen Interaktion. Man hört förmlich, wie sie sich an ihren gemeinsamen Sound herantasten, sich aufeinander einschwingen. Ein auf einen Akkord reduziertes Banjo setzt den ausschwärmenden Bläsern einen Rahmen und fungiert zugleich als eine Art Sprungbrett für mäandernde Exkursionen.

Für den Track „Nordlead“ dient das postrockige, zwischen elektronischen Beats und einer jazzig-cineastischen Atmosphäre changierende Stück „N.L“ (erschienen auf dem Album „Shrink“ von 1998) als Ausgangspunkt. Der Song bekommt ein ziemlich hauntologyhaftes Makeover, weit entfernt vom verspielten Vibe der Vorlage, die in der Hochzeit des Indietronic-Booms entstanden ist.

Seine besondere Stimmung bekommt das Album nicht zuletzt durch häufige Wechsel zwischen Dur und Moll. Die Anmutung der weitgehend analogen Neuinterpretation ist melancholisch, aber durchweg tröstlich, durchweht von geisterhaften Erinnerungsfetzen. Ein schöner Nebenaspekt dieser warmen Klangwelten ist, dass man förmlich hören kann wie der menschliche Faktor zu Klang wird.

Das Album „Henry and the Ghosts Songbook“ wurde in gerade mal zwei Tagen aufgenommen. Die Geister, die sie riefen, schickten ihr Echo also prompt zurück.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community!

Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

Zwei gestikulierende Musiker:innen mit roten Mützen und Sonnenbrillen

Inklusive Dancefloor-Compilation

Alle ziehen an einem Strang

„Superbrains Volume 2“ ist eine Dancefloor-Compilation der Initiative „IckmachWelle“. Sie bringt Menschen mit und ohne Behinderung zum Tanzen.

Von Kristoffer Cornils

Carla dal Forno sitzt in einem Café und schaut zum Fenster nach draußen. In der Scheibe spiegeln sich Einfamilienhäuser und einige Pick-ups

Neues Album von Carla dal Forno

Millennial-Ennui am Abgrund

Carla dal Forno ist eine Meisterin der Songwritingreduktion. Auf ihrem Album „Confession“ treibt die Australierin das Spiel mit dem Runterkochen zu weit.

Von Lars Fleischmann

Auf der Bühne: Markus Archer (Mitte), Andi Haberl (links) und Karl Ivar Refseth (rechts)

The Notwist über ihr neues Album

„Es geht uns um Hoffnung“

„News from Planet Zombie“, lehnt sich an die angetörnten Sounds der 1960er an. Ein Gespräch über Spontaneität, Geschichte und abgelehnte Werbespots.

Interview von Henrik von Holtum

10 Ausgaben für 10 Euro

Die Wochenzeitung mit taz-Blick

Unsere wochentaz bietet jeden Samstag Journalismus, der es nicht allen recht macht und Stimmen, die woanders nicht gehört werden. Jetzt zehn Wochen lang kennenlernen.

  • Jeden Samstag als gedruckte Zeitung frei Haus
  • Zusätzlich digitale Ausgabe inkl. Vorlesefunktion

Jetzt bestellen

0 Kommentare