Alois Mayr wird 90: Er sagte Olympia ab – für sein Schuhgeschäft

Stand: 23.09.2026, 06:30 Uhr

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Alois Mayr vom Stammhaus Mayr wird 90

Gehört fast schon zum Inventar: Alois Mayr in dem Schuhgeschäft, das er über viele Jahrzehnte geprägt hat. © Arndt Pröhl

Eishockeyspieler Alois Mayr hätte 1960 zu den Winterspielen nach Squaw Valley fahren können. Stattdessen ging er zurück ins Familiengeschäft.

Bad Tölz – Geschäfte kommen und gehen. Das Stammhaus Mayr bleibt. Seit 115 Jahren werden in dem historischen Gebäude in der Tölzer Marktstraße Schuhe verkauft. Und Alois Mayr ist noch immer fast jeden Tag da. An diesem Mittwoch feiert er seinen 90. Geburtstag.

Lang ist’s her: Alois Mayr (re.) mit dem Tölzer Verteidiger Otto Schneitberger und Trainer Frank Trottier.

Lang ist’s her: Alois Mayr (re.) mit dem Tölzer Verteidiger Otto Schneitberger und Trainer Frank Trottier. © Archiv

15.000 Paar Schuhe im Lager

Wer ihn in seinem Büro besuchen will, muss zunächst steile Treppen unters Dach hinauf. Rechts und links stehen Regale, dazwischen liegen 115 Jahre Firmengeschichte. In einem fensterlosen Raum haben früher die Gesellen geschlafen. Ein anderer war einst bis unter die Decke mit Wanderschuhen gefüllt. „Schätzen Sie mal, wie viele Paar Schuhe wir früher hier gelagert haben?“, fragt Mayr. Dann wartet er gar nicht erst auf die Antwort. „Da kommen‘s nicht drauf. Es waren 15.000.“

Ehemaliger Torschützenkönig des EC bad Tölz

Der 90-Jährige könnte stundenlang erzählen. Über seinen Vater, das Geschäft, den Eishockeysport – und über ein Leben, in dem sich all das immer wieder miteinander verbunden hat. Alois Mayrs Vater war Schuster und Gründungsmitglied des EC Bad Tölz, von 1928 bis 1949 spielte er in der Ersten Mannschaft. „Er war ein tüchtiger Geschäftsmann, und als Bua eiferst halt deinem Vater nach“, sagt der Junior. Mit 14 Jahren begann er seine Lehre, mit 17 bekam er seinen Gesellenbrief. Mit 23 bestand er die Meisterprüfung. Gleichzeitig trieb er wie einst sein Vater seine Eishockeykarriere voran. Ab 1953 spielte er in der Ersten Mannschaft des EC Bad Tölz, im ersten Sturm an der Seite von Jakob Probst und Hans Rampf. In der Saison 1957/58 wurde er mit 21 Treffern in 19 Spielen Torschützenkönig beim Eisclub. 1962 und 1966 gewann er mit dem EC Bad Tölz die Deutsche Meisterschaft.

Mitglied der Meisterschaften

Allein mit Mayrs Erinnerungen an diese Zeit ließen sich ganze Seiten füllen. Besonders gern erzählt Mayr von einem entscheidenden Spiel um die Deutsche Meisterschaft 1966 gegen den EV Füssen. Die Mannschaft habe sich gerade in der Kabine umgezogen, berichtet er. Alle Spieler seien nervös gewesen, weil Füssen damals als mit Abstand stärkste deutsche Mannschaft galt. „Da packt der Schorsch Eberl sein Zeug aus. Plötzlich fängt er an zu lachen. Wir schauen zu ihm hin. Da hat er die Unterhose von seinem Sohn in der Hand, so eine ganz kleine.“ Dies habe die Anspannung gelöst, sagt Mayr. „Und wir haben mit 8:4 gewonnen.“

Verzicht auf Olympia-Teilnahme

Nur eine Saison spielte Mayr bei einem anderen Verein als dem EC Bad Tölz. „1959 ist jemand von Eintracht Frankfurt zu mir gekommen, mit einem riesigen BMW, ein Sechszylinder“, erinnert er sich. „Er hat mich gefragt, ob ich eine Saison in Frankfurt spielen will, und ich hab‘ zugesagt. Das Auto hat er gleich dagelassen.“ Am Ende der Saison wurde Mayr für die Olympischen Winterspiele in Squaw Valley berufen. Da rief Mayrs Großvater an. „Er hat gesagt: ‚Mach deine Meisterprüfung und komm zu mir ins Geschäft.‘“ Mayr machte seine Meisterprüfung, ging ins Geschäft seines Großvaters und sagte für Olympia ab. Eine Entscheidung, die er bis heute nicht bereut: „Ich bin Realist, und ich hab’ gesehen, wie es anderen Eishockeyspielern nach ihrer Karriere ergeht, die nicht viel Geld verdient haben.“

„Schuhe sind mein Leben“

Für ihn war klar: „Schuhe sind mein Leben.“ Noch heute wacht er nachts manchmal auf und träumt von Schuhen. Aus seinem Berufsleben hat Mayr viele Geschichten zu erzählen. Eine davon führt zurück in die 1950er-Jahre, als sein Vater kanadische Schlittschuhe auseinanderschnitt und kopierte – mit Erfolg. „Weil mein Bruder und ich in der ersten Liga Eishockey gespielt haben, sind sie bekannt geworden.“ In den besten Zeiten liefen viele Mannschaften mit Mayr-Schlittschuhen auf, auch ein Großteil der Nationalmannschaft trug sie.

Bis Jahr 2000 ohne Computer

Mayr hätte noch viel zu erzählen: von seiner Frau, mit der er seit 1969 zusammenlebt, von seiner Tochter, auf die er unfassbar stolz ist, von den großen Umbauten 1969 und 1974. Von mehr als 100 Angestellten, die er in sechs Jahrzehnten beschäftigt hat. Und davon, dass er das Geschäft bis zu seinem Ausscheiden im Jahr 2000 ohne Computer führte. „Im Münchner Orderzentrum haben sie zu mir gesagt: Sie sind bekannt von München bis Hamburg, weil sie der Einzige sind, der alles manuell macht“, erzählt er schmunzelnd.

Bis zu 15.000 Paar Schuhe hatte Alois Mayr zwischenzeitlich in seinem Geschäft.

Bis zu 15.000 Paar Schuhe hatte Alois Mayr zwischenzeitlich in seinem Geschäft in der Marktstraße. © Archiv

„Geschäft wird sich behaupten können“

Der Markt hat sich in den vergangenen 60 Jahren immer wieder verändert“, sagt Mayr. Früher seien Schuhe noch von Hand gefertigt worden, dann habe sich die Produktion zunehmend in die Industrie verlagert, heute gebe es Konkurrenten wie Amazon. Trotzdem ist Mayr überzeugt: „Für Filialen wird‘s vielleicht schwierig, aber inhabergeführte Geschäfte werden sich behaupten können.“