Als Erwachsener schwimmen lernen – „Man muss jeden beklatschen“
Stand: 22.08.2026, 14:00 Uhr
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Kinder lernen oft selbstverständlich schwimmen – Erwachsene eher heimlich. Scham und Angst vor dem Wasser können große Hürden sein. Wie eine Frau kurz vor dem Urlaub doch noch den ersten Schwimmzug schafft.
Bonn (KNA) – Anna steht an diesem sonnigen Sommermorgen im Kinderbecken eines Freibades. Vorsichtig legt sie ihr Gesicht auf die kaum mehr als hüfthohe Wasserfläche. Ihr ist anzusehen, dass ihr das Ganze nicht ganz geheuer ist. Neben ihr im Wasser steht Andreas Richter und macht der Endvierzigerin Mut. Bei ihm möchte sie noch vor ihrem Urlaub am Meer schwimmen lernen.
Artikel der KNA
Dieser Beitrag stammt von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Es ist ihre dritte Stunde, und diese Übung kostet sie noch Überwindung. Erwachsene Schwimmanfänger haben ihr eigenes Tempo und einen anderen Zugang, weiß Richter. „Kinder lernen Bewegungsabläufe über klein zerlegte Übungen und intuitiv. Bei Erwachsenen kann man viel über den Verstand machen und mehr erklären.“ Weil Anna keine Wassererfahrung hat, muss sie erst einmal damit vertraut gemacht werden und „lernen, dass das Wasser sie trägt“. Erst danach geht es um das Erlernen von Schwimmtechniken.
Erwachsenenkurse „absolute Rarität“
Früher hat Richter auch Kurse für erwachsene Schwimmanfänger bei der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) gegeben. Weil es aber kaum Interesse gab und die angebotenen Termine „nicht ganz ernst genommen wurden“, seien diese Erwachsenenkurse vor einigen Jahren eingestellt worden. Inzwischen sind sie aus seiner Beobachtung „eine absolute Rarität“.
Das bestätigt Andreas Bieder. Anfängerkurse für Erwachsene finde man selten, „weil sie nicht nachgefragt werden oder die Scham zu groß ist“, erklärt der Sportwissenschaftler, der an der Deutschen Sporthochschule in Köln Schwimmlehrer ausbildet. Es sei schon schwer, als Erwachsener einen Kraulkurs zu finden – „neu schwimmen lernen ist unterrepräsentiert“. Laut DLRG haben 2025 knapp 26.000 Erwachsene an DLRG-Schwimmlernangeboten für Anfänger teilgenommen.
Anna fand über Umwege durch einen privaten Aufruf in einem Nachbarschaftsnetzwerk zu ihrem Schwimmcoach. „Ich mache null Werbung und möchte das auch nicht in größerem Stil“, betont der. Denn wenn er offiziell eine größere Gruppe unterrichten würde, müsste er für die Nutzung der städtischen Wasserfläche pro Stunde 45 Euro plus Versicherung zahlen, sagt der 56‑Jährige. „Ich finde das auch völlig in Ordnung.“
Am besten Einzel-Schwimmstunden
Aber gerade bei Erwachsenen sei ein Eins-zu-eins-Unterricht viel effektiver. Und weil diese länger zum Schwimmenlernen benötigten, sei das für die meisten am Ende unbezahlbar. Deshalb bietet er sein Know-how in seiner Freizeit auf Zuruf und „für ein kleines Taschengeld“ in seinem Umfeld an.
Erwachsene haben zudem oft ein Problem damit, sich als Nichtschwimmer zu outen, beobachtet Richter. „Das ist wie ein Makel.“ Es kostet sie deshalb schon Überwindung, sich in einem Schwimmbad – während des regulären Badebetriebes, den Blicken anderer Badegäste ausgesetzt – unterrichten zu lassen.
Auch in ihrem Umfeld ernten sie mitunter entmutigende Kommentare. „Die Leute genieren sich – vor allem, wenn im Nachbarbecken Kinder schwimmen lernen“, beobachtet der Schwimmlehrer. Dabei hat er den Eindruck, dass sich „die anderen“ kaum um das Geschehen kümmern. Wenn Kinder schwimmen lernen, gebe es eine große Akzeptanz. Das wünscht sich der Rheinländer auch für Volljährige. „Man muss jeden beklatschen, der das als Erwachsener tut und den Mut aufbringt.“
Erst Ängste besiegen
Manchmal gilt es auch, Ängste vor dem Wasser zu bezwingen. „Wenn Kinder ihre Angst einmal überwunden haben, dann bleibt es dabei.“ Im Erwachsenenalter sei das viel herausfordernder: „An einem Tag schafft man es, am nächsten Tag kommt ein Rückfall.“ Menschen zu unterstützen, sich ihren Ängsten vor dem Wasser zu stellen, ist für Richter „schwieriger, als ihnen das eigentliche Schwimmen beizubringen“.
Der Schwimmlehrer ist unfreiwillig Experte bei Angst- und Panikstörungen. Durch eine Krankheit konnte er vorübergehend nicht richtig atmen und erlebte dadurch selbst schwere Panikattacken. „Der Atemreiz ist einer der stärksten; wenn das Atmen nicht mehr klappt, wird man panisch – ich merke sofort, wie das aussieht.“ Wichtig sei in solchen Momenten, empathisch zu sein, die Angst nicht kleinzureden, auf das Gegenüber einzugehen und zu einer ruhigen Atmung anzuleiten.
Motivation und Zuspruch beim schwimmen lernen
Wer den Mut aufbringt, endlich schwimmen zu lernen, braucht Motivation und Zuspruch statt Kritik an zunächst fehlerhafter Schwimmtechnik. Richter bietet Hilfe an – nach dem Motto: „Ich zeige Dir ein paar Tricks, wie es besser geht.“ Dennoch weiß der Schwimmpädagoge von den früheren Erwachsenenschwimmkursen, dass es nicht immer leicht ist, Schwimmanfänger bei der Stange zu halten. Viele verlören „den Drive“, schwimmen zu lernen – „nur wenige Erwachsene sind absolut motiviert“. Dann aber „geht es schneller als bei Kindern“.
Für ihn spielen auch persönliches Vertrauen und Geduld eine Rolle. In Einzelstunden zwischen 45 und 60 Minuten – je nachdem, wie aufnahmefähig jemand ist – lässt sich aus seiner Erfahrung eine Menge vermitteln. „Man kann eine einzige Übung durchziehen, bis es dann zum Schluss klappt“, erläutert Richter. „Dabei kann ich auch am besten auf die Person eingehen.“ Gerade erwachsene Schwimmanfänger seien schnell erschöpft oder überfordert.
Boje für den Notfall
Wenige Wochen später – nach ihrer zehnten Stunde und kurz vor ihrem Urlaub – kann Anna schon ein, zwei Züge Brustschwimmen mit Beinbewegung ausführen. „Damit ist sie noch keine sichere Schwimmerin“, betont der Schwimmlehrer. Das ist nur jemand, der sich mindestens im Wasser 15 Minuten am Stück fortbewegen kann.
Vor ihrem Urlaub gibt Richter ihr deshalb noch zwei wichtige Tipps mit: immer Boden unter den Füßen zu haben und sich vor allem eine gut sichtbare Boje zu kaufen. „Bei Panik kann man sich dann im Wasser daran festhalten oder auf den Rücken legen und versuchen, zur Ruhe zu kommen.“ Der erfahrene Schwimmer führt selbst stets eine kleine, aufblasbare Boje mit sich, wenn er im See oder Meer schwimmen geht: Er weiß, dass auch ihn ein plötzlich auftretender Krampf oder ein anderer medizinischer Notfall treffen kann.
Nun hofft er, dass seine Schülerin auch nach ihrem Urlaub am Ball bleibt. „Die Wiederholung ist das einzige, was am Schluss zählt. Man muss üben, üben, üben.“ Dann wird auch sie es genießen, fast schwerelos durch das Wasser zu gleiten, und spüren: Das Wasser trägt tatsächlich.