Alzheimer und Demenz vorbeugen: WHO präsentiert neue Richtlinien für Gewohnheiten im Alltag
Stand: 16.07.2026, 14:08 Uhr
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Neue WHO-Leitlinien zeigen: Bis zu 45 Prozent des Demenzrisikos sind vermeidbar. Was Bewegung, Ernährung und soziale Teilhabe wirklich bewirken.
Genf – Im Jahr 2021 lebten weltweit rund 57 Millionen Menschen mit Demenz. Mehr als 60 Prozent von ihnen in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen. Die Zahl wird weiter steigen. Wie die Weltgesundheitsorganisation in der zweiten Ausgabe ihrer Leitlinien zur Risikominderung von kognitivem Abbau und Demenz betont, gibt es bislang keine Heilung und keine breit verfügbare krankheitsmodifizierende Behandlung. Umso wichtiger bleibt die Prävention über den gesamten Lebensverlauf – sie ist nach wie vor die wirksamste Strategie, um künftige Erkrankungen zu verhindern. Denn das Risiko baut sich über die Zeit auf: Verschiedene Belastungsfaktoren summieren sich, manche wiegen dabei in bestimmten Lebensphasen besonders schwer.
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Dieser Artikel von Ruggiero Corcella entstand in Kooperation mit Corriere della Sera.
Nicht alles hängt von individuellen Entscheidungen ab. Die Bedingungen, unter denen man geboren wird, aufwächst, lebt, arbeitet und altert, beeinflussen die Gesundheit des Gehirns. Die neuen Empfehlungen, die jene aus dem Jahr 2019 aktualisieren, richten sich an Erwachsene ohne Demenz, Menschen mit normalen kognitiven Funktionen und solche mit leichter kognitiver Beeinträchtigung.

Die WHO ordnet die Maßnahmen in drei große Bereiche ein: Förderung gesunder Verhaltensweisen und Lebensstile, Behandlung von Gesundheitszuständen mit erhöhtem Risiko sowie Verringerung umweltbedingter Faktoren. Ziel ist es, die Demenzprävention mit der Prävention anderer nichtübertragbarer Krankheiten zu verzahnen, da ihnen viele Risikofaktoren gemein sind.
Volkskrankheit Demenz: Lebensstiländerung reduziert Krankheitsrisiko
Demenz ist ein Zustand, der durch Erkrankungen des Gehirns verursacht wird und Gedächtnis, Denken und die Fähigkeit zur Bewältigung alltäglicher Aktivitäten beeinträchtigt. Jedes Jahr werden fast 10 Millionen neue Fälle diagnostiziert. Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Form der Demenz und wird auf 60–70 Prozent der Fälle geschätzt.
Auch wenn es keine Heilung für Demenz gibt, lassen sich bis zu 45 Prozent des Risikos auf veränderbare Risikofaktoren zurückführen, etwa Tabakkonsum, Alkoholkonsum, soziale Isolation, körperliche Inaktivität, Luftverschmutzung sowie nichtübertragbare Krankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes. Über die Gesundheit hinaus wirkt sich Demenz auf Autonomie, Würde und Sicherheit der Betroffenen aus.
„Wissen so viel wie nie zuvor“: WHO erneuert Leitlinien für kognitive Gesundheit
„Heute wissen wir so viel wie nie zuvor darüber, welche Faktoren zum Demenzrisiko beitragen, und diese Leitlinien übersetzen dieses Wissen in konkrete Maßnahmen“, betont Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der WHO. „Die Länder verfügen nun über klare, evidenzbasierte Empfehlungen, die sie sofort umsetzen können, um die kognitive Gesundheit der Menschen zu schützen.“ Die neuen WHO-Leitlinien spiegeln die aktuellsten Erkenntnisse und Innovationen zur Risikoreduktion von Demenz wider.
Sie stellen eine wichtige Chance dar, die Belastung durch Demenz in den kommenden Jahrzehnten zu verringern – durch eine bessere Integration der Versorgung für nichtübertragbare Krankheiten, psychische Gesundheit und Gehirngesundheit. Demenz beeinträchtigt die Fähigkeit eines Menschen, unabhängig zu leben, zu arbeiten und alltägliche Aktivitäten auszuführen, und bedeutet zugleich eine erhebliche Belastung für Familien und pflegende Bezugspersonen. Zudem verursacht sie enorme wirtschaftliche Verluste: Schätzungen zufolge kostet sie die Weltwirtschaft 1134 Milliarden Euro pro Jahr, wobei etwa die Hälfte dieser Kosten auf unbezahlte Pflege durch Angehörige und Freunde zurückgeht.
Das Verständnis der Risikofaktoren und rechtzeitiges Eingreifen zur Vorbeugung von Demenz können Gesundheit und Lebensqualität verbessern und Menschen helfen, länger, gesünder und mit mehr Selbstständigkeit zu leben. Unter den Empfehlungen nimmt körperliche Aktivität einen zentralen Platz ein. Für Erwachsene mit normaler kognitiver Leistungsfähigkeit spricht die WHO hier eine starke Empfehlung aus, gestützt auf einen mittleren Evidenzgrad: Bewegung soll das Risiko eines kognitiven Abbaus gezielt senken. Bei Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung fällt die Empfehlung dagegen konditional aus – bei niedrigerem Evidenzgrad. Insgesamt steht die Förderung von Bewegung in jedem Alter und für alle körperlichen Fähigkeiten im Vordergrund, einschließlich Ausdauertraining, Muskelkräftigung und Verringerung sitzender Tätigkeiten.
Bewegung, Rauchstopp und Alkoholverzicht: So schützen Sie Ihr Gehirn
Ebenso eindeutig ist die Empfehlung zum Tabak: Sein Konsum sollte vollständig vermieden werden, und Rauchenden sollten verhaltensorientierte und pharmakologische, evidenzbasierte Ausstiegsangebote gemacht werden. Für die Verringerung des Risikos von kognitivem Abbau und Demenz gilt das Angebot von Hilfen zum Rauchstopp als starke Empfehlung, auch wenn die spezifische Evidenz hierfür gering ist. Beim Alkohol stellt die WHO klar, dass er wegen seiner psychoaktiven, toxischen und suchterzeugenden Eigenschaften in keiner Menge zur Gesundheitsförderung empfohlen werden darf.
Personen mit riskantem oder schädlichem Konsum, einschließlich Menschen mit Abhängigkeit, können Maßnahmen angeboten werden, um diesen zu reduzieren oder ganz zu beenden: Die spezifische Empfehlung in Bezug auf das kognitive Risiko ist konditional, bei mittlerem Evidenzgrad. Eine gesunde, ausgewogene Ernährung wird allen Erwachsenen empfohlen. Für Menschen mit normalen kognitiven Fähigkeiten oder mit leichter kognitiver Beeinträchtigung kann ein gesundes, ausgewogenes Ernährungsmodell auch mit dem ausdrücklichen Ziel empfohlen werden, das Risiko von kognitivem Abbau und Demenz zu senken; hierbei handelt es sich um eine konditionale Empfehlung mit mittlerer Evidenz.
Die Leitlinien warnen jedoch vor der Vorstellung, Prävention sei mit einer einfachen Pille möglich. Bei Personen ohne nachgewiesene Vitaminmängel hält die WHO an ihrer Empfehlung gegen die Einnahme von Vitamin‑B- und Vitamin‑E-Präparaten, mehrfach ungesättigten Omega‑3-Fettsäuren sowie Kombinationssupplementen fest. Besser sei es, am gesamten Ernährungsmodell anzusetzen.
Ernährung, Gewicht und Stoffwechselgesundheit: Auch diese Stellschrauben entscheiden
Zur kognitiven Prävention können Maßnahmen zur Verringerung von Übergewicht oder Adipositas im mittleren Lebensalter sowie kalorische Restriktion vorgeschlagen werden. Doch bleiben die Empfehlungen konditional und der Evidenzgrad wird von niedrig bis mittel eingestuft. Ein Kernbereich der neuen Leitlinien betrifft kardiovaskuläre und metabolische Risikofaktoren. Diabetes, Bluthochdruck und Dyslipidämie sollten zunächst erkannt und behandelt werden.
Die WHO betont hauptsächlich einen integrierten Ansatz: Die gleichzeitige Behandlung von Bluthochdruck und anderen Risikofaktoren wie Diabetes und Adipositas kann nachhaltiger und sowohl für die Gesundheit von Gehirn als auch Herz vorteilhafter sein. Beim Blutdruck sind eine frühe Diagnose und ein Eingreifen im mittleren Lebensalter wichtig. Bei älteren Menschen sollten hingegen die Zielwerte individualisiert werden, unter Berücksichtigung der funktionellen Fähigkeiten, orthostatischer Hypotoniesymptome und der kardiovaskulären Vorgeschichte. Auch die Dyslipidämie sollte in Strategien der kardiovaskulären Prävention im mittleren Lebensalter einbezogen werden.
Statine sollten bei älteren Menschen nicht allein zur Demenzprävention eingesetzt werden. Die WHO empfiehlt, sie nur dann einzusetzen, wenn sie aus kardiovaskulären Gründen angezeigt sind. Eine Ernährung mit wenig gesättigten Fetten, körperliche Aktivität und Gewichtsreduktion bleiben grundlegende Elemente der Cholesterinkontrolle.
Alltagsaktivitäten wie Lesen und Geschichtenerzählen wirken ebenfalls
Die neue Ausgabe der Leitlinien erweitert zudem den Abschnitt zu kognitiver und sozialer Aktivität, bleibt jedoch hinsichtlich der Evidenz besonders vorsichtig. Kognitives Training, also gezielte, wiederholte Übungen zur Anregung bestimmter kognitiver Funktionen, kann älteren Menschen mit normalen kognitiven Fähigkeiten oder leichter kognitiver Beeinträchtigung angeboten werden; die Empfehlung ist konditional, der Evidenzgrad niedrig.
Die WHO führt außerdem eine neue Empfehlung zur kognitiven Stimulation ein. Diese umfasst strukturierte, auch gruppenbasierte Aktivitäten sowie Alltagsaktivitäten wie Lesen, Geschichtenerzählen und Spielen: Sie kann gefördert werden, obwohl der Evidenzgrad als sehr gering eingestuft wird.
Soziale Interaktion statt Rückzug
Die WHO befürwortet über den gesamten Lebensverlauf hinweg den Zugang zu hochwertiger Bildung, kognitiv anregenden Umwelten und sozialer Teilhabe. Diese Faktoren sind im weiteren Sinne mit Gesundheit und Wohlbefinden verknüpft. Wichtig ist dabei jedoch eine klare Unterscheidung: zwischen dem, was insgesamt gesundheitsförderlich ist, und dem, was mit hoher Sicherheit bereits als spezifische Maßnahme gegen Demenz belegt ist.
Neben den bereits etablierten Faktoren umfassen die Leitlinien nun auch das Management von Hörverlust, den Einsatz einer Hormontherapie in der Menopause sowie Depression, Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma, Sehstörungen, Schlaf und HIV. Weitere Kapitel widmen sich zudem der Verringerung der Luftverschmutzung sowie Multidomänen-Interventionen – also Strategien, die mehrere Risikofaktoren gleichzeitig adressieren.
Die WHO warnt jedoch: Die Qualität der Evidenz ist nicht einheitlich. Für zahlreiche Maßnahmen bleiben die Empfehlungen konditional, oder die Datenlage ist schlicht begrenzt. Die Leitlinien ersetzen zudem nicht die spezifischen klinischen Empfehlungen zur Behandlung einzelner Erkrankungen. Die übergeordnete Richtung zielt vielmehr auf eine integrierte, kontinuierliche Prävention ab – eine Prävention, die Menschen durch verschiedene Lebensphasen begleitet und zugleich auf kardiovaskuläre, metabolische, sensorische, psychische und umweltbezogene Gesundheit einwirkt.