Amerikas Masern-Schock: Ärzte rechnen mit Trumps Gesundheitsminister ab

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Mehrmals am Tag verlassen Ärzte und Pflegekräfte der Kinderarztpraxis Parkside Pediatrics in Spartanburg ihre Behandlungsräume und gehen hinaus auf den Parkplatz. Durch die Fenster von Autos und Minivans prüfen sie Kinder auf Fieber, Hautausschlag und gerötete Augen. Wer Symptome zeigt, bleibt draußen – zum Schutz ungeimpfter Säuglinge im Wartezimmer. Rund 50 Erkrankte hat die Praxis seit Beginn des Ausbruchs behandelt. „Das wird nicht die letzte durch Impfung vermeidbare Krankheit sein, die uns trifft“, sagt Kinderarzt Justin Moll.

Spartanburg ist das Epizentrum einer Krise, die viele amerikanische Mediziner für überwunden hielten. Die Masern galten seit dem Jahr 2000 offiziell als eliminiert. Jetzt breitet sich die Infektion mit einer Wucht aus, wie seit 35 Jahren nicht mehr. Mitte Juli wurden landesweit rund 2300 bestätigte Infektionen registriert. Damit ist der bisherige Höchststand des Vorjahres schon vor Ende des Sommers übertroffen. South Carolina, wo Spartanburg liegt, ist mit über 1000 Fällen am stärksten betroffen. Utah, Arizona, Texas, Virginia, Florida und Pennsylvania liegen ebenfalls weit vorn.

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Betroffen sind vor allem junge Menschen. 70 Prozent der Infizierten sind höchstens 19 Jahre alt; jedes fünfte erkrankte Kind ist jünger als fünf. Zehn Prozent dieser Kleinkinder mussten stationär behandelt werden. 93 Prozent aller Infektionen entfielen auf Ungeimpfte. 

Welche Rolle Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. spielt

Dass diese Krise ausgerechnet unter Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. eskaliert, macht sie politisch brisant. Kennedy hat über Jahre Zweifel an Impfstoffen verbreitet und die widerlegte Behauptung aufgegriffen, die Masern-Impfung könne Autismus verursachen. Im Amt agiert er widersprüchlich.

Ein Schild warnte vor dem Ausbruch der Masern im Texas Tech University Health Sciences Center am 25. Februar 2025 in Lubbock, Texas. In den USA ist ein weiteres Kind nach einer Maserninfektion gestorben. Die Gesundheitsbehörde im Bundesstaat Texas teilte mit, das positiv auf Masern getestete Schulkind sei in ein Krankenhaus in Lubbock eingeliefert worden und bereits am Donnerstag an einem Lungenversagen in Folge der Infektion gestorben. (zu dpa: «So viele Masern-Fälle in USA wie seit 35 Jahren nicht mehr»)

Über 2300 Masern-Infektionen in kurzer Zeit. Die Vereinigten Staaten kämpfen mit einer Infektionskrankheit, die seit 25 Jahren als ausgerottet galt.© AP/dpa | Julio Cortez

Zahlreiche Epidemiologen sehen in Kennedys öffentlicher Rolle einen Faktor, der das Vertrauen in Impfprogramme zusätzlich beschädigt hat. Der frühere Chef der US-Seuchenbehörde CDC, Richard Besser, formulierte es ungewöhnlich scharf. Das Ergebnis seien „Tausende Masern-Erkankungen“, wodurch „noch viel mehr Kinder Gefahr laufen, schwer zu erkranken oder sogar zu sterben – an einer Krankheit, die sich durch Impfungen leicht verhindern lässt“. Er fürchte, „solche Zahlen könnten unter Kennedy zur neuen Normalität werden“.

Kennedy weist jede persönliche Verantwortung von sich. „Ich habe nichts mit dem Masern-Ausbruch zu tun“, sagte er im Senat. Als Dana Bash von CNN ihn am Sonntag festnageln wollte, reagierte er mit der cholerischen Empörung eines Angeklagten. Er attackierte den Sender, sprach von Unterstellungen – und wiederholte zugleich Behauptungen über Impfstoffe und Autismus, die durch wissenschaftliche Studien widerlegt sind. Das Bemerkenswerteste an diesem Rumpelstilzchen-Auftritt: Einerseits empfahl Kennedy Eltern ausdrücklich die Masern-Mumps-Röteln-Impfung (MMR), andererseits säte er im selben Atemzug erneut Zweifel an etablierten wissenschaftlichen Erkenntnissen.

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Der Impfverzicht wird als „medizinische Freiheit“ verkauft

Der Präsident der amerikanischen Kinderärztevereinigung, Andrew Racine, wirft der Regierung vor, die Gefahr systematisch kleingeredet zu haben. „Seit Anfang 2025 haben führende Bundesvertreter Masern als harmlos und unvermeidbar dargestellt und irreführende Informationen über die MMR-Impfung verbreitet“, sagt er. „Wir erleben eine vermeidbare Krise, die vor allem Kinder trifft.“

Kennedy hat den jetzigen Ausbruch nicht allein verursacht. Die Impfquoten sanken schon vorher – durch Corona-Folgen, wachsendes Behördenmisstrauen und eine Bewegung, die Impfverzicht als „medizinische Freiheit“ verkauft. Doch wer Fehlinformationen über Sicherheit und Wirksamkeit der Impfung verbreite, trage Mitverantwortung, sagt Kinderarzt David Hill.

One Death Reported As Texas Measles Outbreak Spreads

Die Zahl der Impfungen gegen Masern, Mumps und Röteln in den USA geht zurück, auch weil der Gesundheitsminister zweideutig damit umgehe, sagen Mediziner.© Getty Images via AFP | JAN SONNENMAIR

Die Zahlen stützen diese Warnung. Nur noch 92,5 Prozent der US-Kindergartenkinder sind gegen Masern, Mumps und Röteln geimpft. Für einen stabilen Gemeinschaftsschutz wären mindestens 95 Prozent nötig. In 16 Bundesstaaten liegt die Quote unter 90 Prozent. Rund 286.000 Kindergartenkindern fehlt der Impfschutz. Bei einem Virus, das bis zu zwei Stunden in der Raumluft bleiben kann, werden solche Lücken schnell zur Einflugschneise.

Großflächige Ausbrüche bleiben in Europa die Ausnahme

Die Reaktion des Bundes bleibt widersprüchlich. Die Seuchenschutzbehörde CDC überwies South Carolina 1,4 Millionen Dollar. Der Bundesstaat setzte etwa 90 Mitarbeiter ein und holte zwölf weitere Fachleute. Bemerkenswert ist allerdings, dass diese Verstärkung nicht direkt von der CDC kam, sondern von deren unabhängiger Stiftung. Zuvor hatte der Bundesstaat rund 100 Millionen Dollar an Bundesmitteln verloren, darunter Geld für Impfprogramme und Labore.

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Im Vergleich zu Europa wirkt die Entwicklung in den Vereinigten Staaten besonders auffällig. Auch Europa verzeichnete nach der Corona-Pandemie wieder mehr Masern-Erkrankungen. Nach Angaben des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) wurden innerhalb eines Jahres rund 3600 Fälle in den EU- und EWR-Staaten registriert. Die höchsten Zahlen, allesamt zweistellig oder niedrig dreistellig, entfielen auf Bulgarien, Italien, Spanien, Frankreich und Deutschland. Allerdings verteilen sich diese Infektionen auf 30 Länder; großflächige, lang anhaltende Ausbrüche wie in mehreren US-Bundesstaaten bleiben bislang die Ausnahme.

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Kennedy ist nicht der Ursprung dieser Entwicklung. Aber als Gesundheitsminister verstärkt er mit jeder Zweideutigkeit genau das Misstrauen, das sie möglich macht.