Der neue britische Premierminister Andy Burnham: Social Media als Erfolgsstrategie

Andy Burnhams Social-Media-Aktivismus: erfrischend volksnah oder strategischer Populismus?

Der britische Premierminister ist noch keine drei Wochen im Amt, in den sozialen Netzwerken ist er aber schon omnipräsent. Fast stündlich verkündet er auf Tiktok oder X neue Ideen. Das schafft Popularität, weckt aber auch Skepsis.

06.08.2026, 14.00 Uhr

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Premierminister Andy Burnham macht ein Selfie mit der neuen Bürgermeisterin von Gross-Manchester, Bev Craig.

Premierminister Andy Burnham macht ein Selfie mit der neuen Bürgermeisterin von Gross-Manchester, Bev Craig.

Annabel Lee-Ellis / Getty

Andy Burnham hat offenbar die Fähigkeit, überall gleichzeitig zu sein. Und wo immer er ist, spendet er den Menschen Trost.

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Das zeigt sich besonders in den sozialen Netzwerken. Sie zeigen Burnham in einem Obdachlosenzentrum, wo er in der Küche Pilze schneidet, in Cardiff, wo er Bürgerfragen beantwortet, in einem Pub, wo er mit dem Schatzmeister John Healey Chipssorten testet, in einem jüdischen Quartier, wo er einem Anwohner erklären muss, wer er ist, mit Leuchtweste auf einer Baustelle, wo er über Jugendarbeitslosigkeit und die Notwendigkeit von praktischen Ausbildungen spricht, bei der Küstenwache in Dover, wo er erklärt, wie er illegale Überfahrten von Migranten aus Frankreich stoppen will.

Dabei strahlt er immer Durchsetzungskraft und Optimismus aus. Der britische Regierungschef scheint genau zu wissen, wie man zum Ziel kommt. Und er hat offensichtlich Freude an seiner Aufgabe. Das ist ein frappanter Unterschied zu seinem Vorgänger Keir Starmer. Dieser litt sichtbar unter der Bürde seines Amtes und erweckte den Eindruck, die Politik sei so kompliziert und die Sachzwänge seien so erdrückend, dass alle Mühe nur ein Haschen nach dem Wind sei.

@andy.burnham

When I said I was going to do politics differently, I meant it. Yesterday I spent a couple of hours in Cardiff city centre inviting people to ask me anything about my plans for the UK.

♬ original sound - Andy Burnham

Triumph der Emotion über die Vernunft

Der Erfolg gibt Burnham recht. Seine Umfragewerte sind hoch, zum ersten Mal seit April 2025 liegt seine Labour-Partei sogar ein bisschen vor Reform UK. Da er sein Amt als Regierungschef erst am 20. Juli antrat, ist es noch zu früh, um Burnham an konkreten Taten zu messen. Man muss also annehmen, dass er sein momentanes Hoch vor allem seiner Ausstrahlung zu verdanken hat: der zupackenden, zuversichtlichen Art, die er mit seinen Auftritten verkörpert, und der zur Schau gestellten Umgänglichkeit.

Man kann das als Anbiederung abtun, als Show und billige Imagepflege. Aber es ist nun einmal so, dass die emotionale Wirkung eines Politikers eher über seine Popularität entscheidet als die alltägliche Arbeit. So wird der amerikanische Präsident Donald Trump von vielen Amerikanern als «Mann aus dem Volk» gesehen, der die Nöte der einfachen Leute versteht, obwohl dies seiner Biografie widerspricht.

Auch Nigel Farage, der Chef von Reform UK, versteht es, mit gelegentlichen Pubbesuchen und unverblümtem Smalltalk an der Theke den Bürgern in seinem Wahlkreis den Eindruck zu vermitteln, er sei einer der ihren. Diese symbolträchtigen Auftritte formen sein Image mehr als seine realen Lebensumstände. Burnham kann man zugutehalten, dass er im Gegensatz zu Trump und Farage tatsächlich aus dem Arbeitermilieu stammt; seine demonstrative Bodenhaftung verdient darum mehr Glaubwürdigkeit.

Farages Partei Reform UK hat schon viel früher als Labour die Relevanz der sozialen Netzwerke erkannt. Mit seinen 2,3 Millionen Followern auf X liegt Farage immer noch weit vor Burnham, der es auf 730 000 Follower bringt. Bemerkenswert ist aber, dass Burnham auf konkrete Problemlösungen setzt und nicht wie Farage auf eine Polarisierung oder die Anschwärzung von Gegnern. Der britische Regierungschef vereinfacht die Dinge auch weniger als der linke New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani, mit dessen Videos die Beiträge von Burnham oft verglichen werden.

Für Grossbritannien ist diese Art von Politmarketing neu

Burnham wäre vermutlich ein guter Werber geworden. Seine in den sozialen Netzwerken publizierten Videos verdichten seine Programme auf knackige Slogans. So etwa, wenn er am Steuer eines Busses sitzt und sagt: «Next stop, 2 £ fares», um anzukündigen, dass er die Billettpreise für den Bus ab Januar 2027 deckeln will. Der Beitrag wurde zwei Millionen Mal angeklickt.

Das erinnert an Werbeclips im Fernsehen. Tatsächlich wird Politik generell immer mehr zu einer Art Direct Marketing und der Politiker zu einem Brand, zu einer Marke. In einem seiner populären Videos erzählt Burnham von seinem Vater, der nicht verstand, dass sein Sohn ausgerechnet englische Literatur studierte. Er erklärte ihm darauf, wie wichtig es sei, den Gebrauch der Wörter zu meistern.

Burnhams Versprechen mögen oft hochtrabend und unrealistisch wirken, aber immerhin generiert er seine Klicks nicht mit dem Schüren von Hass. Selbst Keir Starmer tendierte gegen Ende seiner Amtszeit dazu, eindringlich vor Reform UK zu warnen und sich selbst als Schutzwall gegen den angeblich drohenden Totalitarismus zu empfehlen, anstatt eigene Lösungen für die grassierenden Probleme vorzustellen.

Farages Schwächen

Dass Burnham nun in den Umfragen Farage knapp überflügelt, hat allerdings nicht nur mit seiner geschickten Selbstvermarktung zu tun, sondern auch mit Farages Fehltritten. Die Affäre um nicht deklarierte Parteispenden schadet ihm umso mehr, als er sich immer wieder als anständige Alternative zum korrupten Londoner Establishment anpries.

Auch Farages durchsichtiges Manöver, als Abgeordneter des Wahlkreises Clacton-on-Sea mit viel Tamtam zurückzutreten, um sich sogleich in einer Neuwahl als Kandidat des Volkes anzupreisen, wird selbst von Reform-UK-Wählern nicht nur goutiert. Es riecht zu sehr nach jenen politischen Ränkespielen, die Farage den Gegnern so gerne ankreidet. Dass er sich bei der Wahl nun nicht den Kandidaten der etablierten Parteien gegenübersieht, sondern lediglich der Witzfigur Count Binface, macht das geplante Duell zwischen Volk und Elite zur Farce.

Schliesslich ist auch die Zahl der illegalen Grenzübertritte im Vergleich zum Vorjahr stark zurückgegangen, und Burnham hat versprochen, sie weiter zu senken. Damit könnte Farage sein wichtigstes und fast einziges politisches Thema verlieren.

Das Risiko der hohen Erwartungen

Die sozialen Netzwerke sind, besonders für linke Politiker, auch eine Möglichkeit zur Umgehung der Boulevardzeitungen. Sie sind in Grossbritannien mehrheitlich rechtslastig und aggressiv. Jemand wie Burnham kann ihnen durch seine Dauerpräsenz auf Tiktok und X zuvorkommen, kann selbst Themen setzen und ihnen die Show stehlen.

Es besteht allerdings auch das Risiko, dass Burnham mit seinen optimistischen Auftritten Erwartungen weckt, die er nicht wird erfüllen können. Wie will er seine sozialen Anliegen finanzieren, angesichts von Grossbritanniens gigantischer Staatsverschuldung und der ohnehin schon hohen Steuerlast? Bis jetzt argumentiert er, dass es sich beispielsweise bei der Deckelung der Fahrpreise nicht um Ausgaben, sondern um Investitionen mit Rendite handle. Man kann nur hoffen, dass Andy Burnham sich in der politischen Praxis als ebenso kreativ erweist wie in seinen Social-Media-Clips.

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Der «König des Nordens» wird wohl bald britischer Premierminister. In den neun Jahren als Bürgermeister von Gross-Manchester hat Andy Burnham die Stadt tief geprägt. Der Bauboom ist unübersehbar – ebenso die Obdachlosigkeit