Angriffe auf kritische Infrastruktur in Deutschland: "Befinden uns in stillem Krieg"

Deutschland ist immer noch schlecht auf Angriffe gegen die Infrastruktur vorbereitet, sagt Experte Manuel Atug. Doch nicht immer sei der Staat schuld.

Erst die vereitelte Drohnenattacke auf den Flughafen Leipzig/Halle Anfang August, nun zwei Angriffe gegen Umspannwerke in Brandenburg und bei Köln innerhalb von zwei Tagen: Immer häufiger wird die kritische Infrastruktur in Deutschland zum Ziel hybrider Angriffe.

Am Dienstag hat die Bundesregierung explizit Russland als Urheber des Angriffs in Leipzig/Halle benannt und konkrete Vergeltungsmaßnahmen wie die Schließung des Russischen Hauses in Berlin angekündigt. Experten bezweifeln allerdings, dass sich der Kreml so von weiteren Angriffen abhalten lässt. Klar scheint nur: Deutschland muss seine Flughäfen, Kraftwerke und Stromleitungen in Zukunft besser schützen.

Darüber sprach t-online mit dem Sicherheitsexperten, Gründer und Sprecher der Arbeitsgruppe Kritische Infrastrukturen (AG KRITIS), Manuel Atug. Der 2018 gegründete Expertenverbund weist immer wieder auf die Anfälligkeiten der kritischen Infrastruktur in Deutschland hin und zeigt auf, wo die größten Probleme liegen.

Herr Atug, kann man angesichts der Häufung mutmaßlicher Angriffe auf unsere Infrastruktur noch von isolierten Vorfällen ausgehen?

Manuel Atug: Wir befinden uns in einem stillen Krieg oder in einer hybriden Gefährdungslage. Es war lange abzusehen, dass solche Vorfälle wie in Leipzig/Halle und nun in Jänschwalde zunehmen. Insofern sind diese Fälle nicht unerwartet, sondern bestätigen die Erwartungen von Fachleuten.

Ist der Staat inzwischen besser auf hybride Angriffe eingestellt?

Nein, die Kommunikation des Innenministeriums und der Sicherheitsbehörden in den jüngsten Fällen war nicht gut aufeinander abgestimmt. Es ist auch völliger Quatsch, wenn Betreiber kritischer Infrastrukturen jetzt Informationen zu ihren Anlagen offline nehmen sollen. Ein Umspannwerk oder eine Freileitung kann ich auch bei einem Spaziergang finden, auch ein Flughafen lässt sich schwer verbergen. Das führt eher dazu, dass Baufirmen bei Baggerarbeiten zukünftig öfters unterirdische Leitungen treffen, weil die jetzt geheim gehalten werden sollen. Das sind rein populistische Maßnahmen, die zwar toll klingen und ein Sicherheitsgefühl erzeugen, aber keinen echten Schutz bieten.

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Manuel Atug. (Quelle: IMAGO/dts Nachrichtenagentur)

Zur Person

Manuel Atug ist Sicherheitsexperte, Gründer und Sprecher der Arbeitsgruppe Kritische Infrastrukturen (AG KRITIS). Er ist regelmäßig für die Bundesregierung und die Bundesländer als Sachverständiger in Fragen der Cybersicherheit und des Katastrophenschutzes tätig.

Lässt sich überhaupt jedes Umspannwerk in Deutschland effektiv schützen?

Wir können nicht Tausende Umspannwerke zu 100 Prozent schützen, das ist aber auch nicht das Ziel. Es geht darum, die Auswirkungen von Angriffen für die Bevölkerung und Unternehmen möglichst gering zu halten. In Jänschwalde haben wir ja auch gesehen, dass zwar Kraftwerksblöcke ausgefallen sind, ein Stromausfall aber verhindert werden konnte. Und genau darum geht es: eine Gefahr rechtzeitig zu erkennen und den Betrieb aufrechtzuerhalten. Dieses Zusammenspiel ist der Kern des Dachgesetzes zum Schutz der kritischen Infrastruktur, aber richtig wirken kann es noch nicht.