Arbeiten im Super-Jet: 24-Jährige fliegt eine Boeing 777

Stand: 12.07.2026, 20:00 Uhr

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Laura Schweinsberg, Pilotin aus Hamm

Traumberuf Berufspilotin: Laura Schweinsberg an ihrem Arbeitsplatz im Cockpit einer Boeing 777. © privat

Laura Schweinsberg aus Hamm hat ihren Traumberuf als Pilotin gefunden. Die 24-Jährige fliegt eins der größten Verkehrsflugzeuge der Welt.

Hamm – Manchmal im Leben muss man alles auf eine Karte setzen. Laura Schweinsberg hat es getan und sich nach dem Abitur für eine Karriere als Berufspilotin entschieden. Mit gerade mal 24 Jahren ist sie heute seit zwei Jahren im Job – und damit absolut glücklich. Was die Hammerin fliegt, hat es zudem in sich: Es ist eine Boeing 777 – das größte zweistrahlige Verkehrsflugzeug der Welt.

Zu Hause läuft die Waschmaschine. Mehr als ein paar Füllungen Buntes sind an diesem Dienstag nicht drin. Das Gehirn ist noch auf Geisterfahrt durch weichweiße Watteberge. Vier Stunden Schlaf waren in Kombination mit den Anstrengungen der letzten Tage halt doch ein bisschen wenig. „Aber morgen sollte alles wieder normal funktionieren“, sagt Laura Schweinsberg über die erfahrungsgemäße Taktung in ihrem Oberstübchen.

Die 24-Jährige ist gerade zurück von einem so genannten „World Rounder“. Einmal um die Welt in gerade mal sechseinhalb Tagen. Die Stationen: Leipzig – Bangkok – Hongkong – Festlandchina - Los Angeles und schließlich nach Frankfurt. Insgesamt um die 20 000 Meilen beziehungsweise gut und gerne 30 000 Kilometer. „Schade, in Los Angeles hatten wir leider nur 18 Stunden Aufenthalt“, sagt die Hammerin über ihren jüngsten Trip um den Globus. „Das Wetter in Kalifornien war prima. Es gab dort viel Sonne, aber für einen Strandbesuch hat die Zeit nicht gereicht.“ Singapur, ihr Lieblingsziel auf der Weltkarte, war dieses Mal erst gar nicht dabei. Vielleicht ist das in neun Tagen wieder der Fall, wenn die nächste Tour ansteht.

„Reitpferde waren auch schon an Bord“

Laura Schweinsberg ist Berufspilotin. Genauer gesagt: Frachtfliegerin bei der AeroLogic, einem Joint Venture zwischen DHL Express und Lufthansa Cargo mit Sitz in Leipzig, und dort auf der Langstreckenroute mit Zielen in Nordamerika und Asien im Einsatz. Transportiert wird klassische Luft- und Eilfracht. Das können mal Elektronikbauteile sein, bisweilen aber auch Luxusautos und gar nicht so selten auch Frischfisch oder Obst. „Reitpferde hatte ich auch schon mal an Bord“, sagt die Hammerin über die exotischen Ausreißer im Frachtprogramm.

Flieger Laura Schweinsberg

Ein Riesenkoloss: Die „Triple Seven“ ist das größte zweistrahlige Verkehrsflugzeug der Welt. Die Hammerin Laura Schweinsberg fliegt die Boeing 777 für die Firma „AeroLogic“. © Aerologic

Ihr Arbeitsplatz ist im Cockpit einer Boeing 777, dem größten zweistrahligen Verkehrsflugzeug der Welt. Bis zu 550 Fluggäste passen in die Passagiervariante, in der Frachtversion sind es bis zu 106 Tonnen Zuladung. Hinzu kommen in der Regel noch mindestens rund 120 000 Liter Kerosin, die die beiden etwa 250 000 PS-starken Triebwerke der „Triple Seven“ antreiben. Sieben bis acht Tonnen Sprit verbraucht dieser gut 60 Meter lange Donnervogel pro Flugstunde; mit Rückenwind bringt er es knapp über die Überschallgrenze.

Seit gut zwei Jahren ist die Hammerin Berufspilotin. 1398 Flugstunden haben sich in dieser Zeit in ihrer Logbuch-App angesammelt. Trotz bis zu maximal 18 Stunden langer Arbeitstage sind Abnutzungserscheinungen bei ihr bis heute nicht erkennbar. Im Gegenteil: „Es macht unfassbar viel Spaß“, sagt die 24-Jährige über ihre Arbeit. Besonders fasziniert ist sie von den Starts mit der Triple Seven. „Wenn man am Boden die Gase reinschiebt und die Kraft spürt, die dahintersteckt: Das ist schon sehr beeindruckend.“ In sechs Sekunden beschleunigt der 348-Tonnen-Koloss von 0 auf 100 km/h. „Zu wissen, dass man gleich die Erde verlässt und dass über der Wolkendecke die Sonne scheint, wirkt für mich immer befreiend.“

Mindestens ein Kollege sitzt immer mit Cockpit. Das ist so vorgeschrieben. „Auf den Langstrecken sind wir meist zu dritt, bisweilen auch zu viert“, sagt die Hammerin. Heißt: Zwei Leute fliegen, der Rest ruht sich aus und übernimmt dann. Geflogen wird natürlich auch nachts.

Dass nach dem Start der Autopilot das Steuer übernehme und das Flugzeug von allein sein Ziel finde, sei falsch. „Es gibt immer was zu tun“, sagt Laura Schweinsberg. Jedes Land habe beispielsweise seine eigenen Radarlotsen, mit denen bei Grenzübertritt zu kommunizieren sei. Die Frage nach dem Spritverbrauch sei zudem allgegenwärtig, und die Technik an Bord könne schließlich auch einmal ausfallen. „Und da oben bist du allein und musst wissen, was dann zu tun ist.“ Ernsthaft passiert sei bisher aber nichts. „Am Ende ist in diesen hypermodernen Jets ja doch alles drei- und vierfach abgesichert.“

Aktuell bekleidet Laura Schweinsberg noch den Rang eines „Second Officers“, was bedeutet, dass sie die Triple Seven nicht starten und landen darf. Die Betonung liegt dabei auf dem „noch“, denn quasi täglich rechnet sie mit der Höherstufung zum „First Officer“. Am Ende der Beförderungskette würde dann als Nächstes der „Senior First Officer“ und zu guter Letzt der „Commander“ stehen, der Kapitän, der die Verantwortung über die Maschine hat.

18 Stunden Arbeit am Tag erlaubt

Berufspiloten haben keine 40-Stunden-Woche. Gerechnet wird bei AeroLogic nach Arbeitstagen. Laura Schweinsberg, die eine Vollzeitstelle hat, kommt in der Regel auf 15 Arbeitstage im Monat. Gesetzlich erlaubt sind dabei Arbeitszeiten von maximal 18 Stunden pro Tag. Um sich an die ständig wechselnden Tag und Nachtzeiten in den verschiedenen Zeitzonen zu gewöhnen, hat sie ein halbes Jahr gebraucht.

Nicht nur die Arbeit in der Luft macht Spaß, die Zeiten zwischen der Landung und dem nächsten Start ebenso. „Die Aufenthalts-Zeiten sind häufig so, dass man auch wirklich etwas unternehmen kann“, sagt die Hammerin. Die Crew-Hotels in den angeflogenen Städten würden von der Firma so ausgesucht, dass sie immer innenstadtnah lägen. Sightseeing, Strandbesuche: alles geht – meistens jedenfalls. Singapur, die „City in a Garden“ findet sie ­– wie gesagt ­– „super“.

Feste Crews gibt’s nicht. „Ich habe selten ein Gesicht zweimal im Cockpit gesehen“, sagt Laura Schweinsberg. Auf einer Langstrecke mit naturgemäß mehreren Stationen bleibe das jeweilige Team natürlich zusammen. Vorbehalte gegenüber Frauen habe sie noch nie erlebt. „An Bord tragen wir alle die gleiche Uniform.“ Rund 800 Piloten arbeiten für AeroLogic, die Frauenquote liegt bei knapp sieben Prozent.

135 Mal ist Laura Schweinsberg bislang für ihren Arbeitgeber in die Luft gegangen. Der schwierigste Start erfolgte dabei vor dieser Zeit – nämlich bei der Entscheidungsfindung für den Beruf. Im ersten Coronajahr 2020 machte sie ihr Abitur am Märkischen Gymnasium im Hammer Westen. Schnitt 2,3: Das reichte, um sich für die Studiengänge Architektur oder alternativ Lehramt (Mathe und Erdkunde) zu bewerben. Aber war es das, was sie in ihrem Leben wirklich machen wollte? Mit 16 hatte sie sich beim Hammer Luftsportclub für eine Ausbildung zum Privatpiloten angemeldet. Mit ihrem Papa, der selbst Pilot ist und für Eurowings einen Airbus A320 fliegt, hatte sie die ersten Runden gedreht. Aber dann hatten Führerschein und Schule der Fliegerei den Rang abgelaufen. Im Spätsommer 2020 trafen schließlich die ersten Zusagen von den Unis ein. „Eine Entscheidung musste allmählich her, und eigentlich wollte ich doch nur eines: fliegen“, erinnert sich Hammerin. Zuspruch gab’s dann auch im Familienrat. „Komm, wir setzen alles auf diese Karte.“

Das Problem an einer Pilotenausbildung: Sie ist teuer und wird nicht staatlich gefördert. 100 000 Euro kommen da schnell zusammen, die Ausbildungszeit beträgt in der Regel gut zwei und maximal drei Jahre. Übernahmegarantien gibt’s – wenn überhaupt – nur an den Schulen der großen Airlines, aber die sind teilweise noch einmal ein paar 10 000 Euro teurer. Die Vorzeichen waren 2020 bei dieser Reise ins Ungewisse zudem miserabel, denn die Flugbranche befand sich durch Corona, Lockdowns und Reisebeschränkungen im Sinkflug. Überall wurden Pilotenstellen abgebaut.

Hallo, ich bin Michael Knippenkötter, Lokalchef für das schöne Hamm beim WA.

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„Man kann sehr gut davon leben“

Laura Schweinsberg traute sich trotzdem. An der Flugschule „FMG“ in Paderborn meldete sie sich an und lernte in vier Semestern alles rund ums Fliegen in Theorie und Praxis. Geflogen wurde ausschließlich auf propellergetriebenen Kleinmaschinen – der erste Alleinflug stand bereits nach zehn Flugstunden an. Im Juni 2023 war nicht nur die Ausbildung abgeschlossen, sondern auch die Corona-Pandemie vorüber. Auch Piloten wurden wieder am Markt gesucht. Ihren Job bei der AeroLogic trat sie im Frühjahr 2024 an, wo sie zunächst intensiv auf den Einsatz in einer Triple Seven vorbereitet wurde.

„Man wird zwar kein Millionär, aber man kann sehr gut davon leben“, sagt sie über das Gehaltsgefüge als Berufsfliegerin. Ihren Wohnort hat sie inzwischen nach Paderborn verlegt. Von dort sind es dann 3,5 Stunden mit dem Auto bis nach Leipzig. Von der aktuellen Ölkrise sei die Frachtbranche zumindest derzeit noch verschont. Bemerkbar machen sich hingegen die Kriege im Iran und in der Ukraine. „Da müssen schon große Umwege geflogen werden.“ Aber ein paar Stunden mehr im Cockpit sind für die 22-Jährige ja ohnehin weniger ein Problem als ein Vergnügen.