Auch wenn Kyjiw seine Wirtschaft in Schutt und Asche legt, denkt Putin nicht ans Einlenken
"40-Tage-Operation"
Auch wenn Kyjiw seine Wirtschaft in Schutt und Asche legt, denkt Putin nicht ans Einlenken
Diesen Sommer bekommen die Russinnen und Russen den von ihrem Regime angezettelten Krieg so hautnah wie noch nie zu spüren. Dass der Kreml deshalb nachgibt, ist aber unwahrscheinlich
Analyse
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Florian Niederndorfer
Sie habe alles verloren und sei jetzt "offiziell arm", klagte eine junge Frau aus dem südrussischen Krasnodar Ende Juli in einem selbst gedrehten Videoclip, kurz nachdem eine ukrainische Drohne ein Lager des Onlineversandhauses Wildberries in Schutt und Asche gelegt hatte. So wie zehntausende andere Russinnen und Russen hatte sie auf dem von der EU sanktionierten Amazon-Äquivalent ihre Waren feilgeboten. Nun wurden sie ein Raub der Flammen.
Alltagskram, Konsumgüter, aber auch Tarnkleidung und Militärhelme konnten über die Plattform bequem per Mausklick geordert werden. Bis zu diesem Sommer, in dem ukrainische Drohnen dutzende Lagerhallen des Onlineriesen – Jahresumsatz umgerechnet 75 Milliarden Euro – zerstörten.
Die Rauchsäulen über den brennenden Wildberries-Standorten zählen zu den eindringlichsten Zeugnissen der nun zu Ende gegangenen "40-Tage-Operation", mit der die Ukraine Russland mit Drohnenangriffen tief im Kernland zum Einlenken zwingen wollte.
Die junge Frau, deren Handelsware bei einem der Angriffe vernichtet wurde, hielt mit ihrer Verzweiflung nicht hinter dem Berg. Sie wisse nicht, wie es weitergeht, ließ sie ihr Publikum unter Tränen wissen. Sie und tausende andere Kleinunternehmerinnen und -unternehmer stehen vor dem Bankrott.
Auch Moskau nicht mehr sicher
Längst haben ukrainische Memes einen Begriff für derlei russisches Wehklagen geprägt: "Geheule in den Sümpfen" – eine etwa mit dem höhnischen "Mimimi" übersetzbare Redewendung, die auf das Jaulen des Hundes von Baskerville anspielt, der in dem gleichnamigen Roman aus der Sherlock-Holmes-Reihe für Schrecken sorgt.
Geht es nach der Ukraine, sollte das Jammern bis in den Kreml vordringen und die Russinnen und Russen gegen ihr Regime aufbringen, das mit seinem Angriffskrieg die ukrainischen Gegenschläge provoziert hat.
Ob die Rechnung aufgeht, ist aber zweifelhaft. Fest steht, dass der Krieg für die russische Bevölkerung noch nie seit Beginn der russischen Vollinvasion vor viereinhalb Jahren so unmittelbar spürbar war wie in diesem Sommer. Einen Monat vor der Wahl zur Duma, die dem Kreml als Stimmungstest dient, liegen Teile der Wirtschaft darnieder. Viele Familien mussten aufgrund der Benzinkrise ihren Urlaub stornieren. Selbst Moskau und St. Petersburg, vor denen der Kreml den Krieg eigentlich hatte fernhalten wollen, sind nicht mehr sicher.
Kyjiw kennt Russlands "Schwachstellen"
Kyjiws Inlandsgeheimdienst SBU, der die "Einflussoperation" orchestrierte, hat vergangene Woche wenig überraschend eine positive Bilanz seiner Luftoffensive gezogen. "Die russische Militärmaschinerie ist geschwächt", die "Schattenflotte zerschlagen", die "kinetischen Sanktionen" seien durchgesetzt worden, hieß es dort.
Präsident Wolodymyr Selenskyj, der die Operation Ende Juni angeordnet hatte, erklärte am Sonntag, er sei "absolut zufrieden" mit ihren Ergebnissen: Endlich verstehe man auch in Russland, was es bedeute, kein normales Leben mehr führen zu können. Man kenne Russlands "Schwachstellen" genau und werde diese weiter ins Visier nehmen, sollte der Kreml seine Angriffe nicht einstellen.
Doch ist die Ukraine tatsächlich ihrem Ziel nähergekommen, Putin in den Augen seiner eigenen Bevölkerung zu diskreditieren? Und wie fällt nun, wo sich der Sommer seinem Ende zuneigt, das Fazit der Angriffe aus?
"Taktisch und operativ hat die Offensive auf jeden Fall Resultate gebracht, es wurden sehr viele Ziele in Russland zerstört. Wenn man sich aber das strategische Ziel vor Augen führt, nämlich Russland zur Beendigung des Krieges zu zwingen, muss man feststellen, dass es nicht erreicht wurde", sagt der Kyjiwer Analyst Mykola Bielieskow vom Nationalen Institut für strategische Studien dem STANDARD. Tatsächlich dringen aus dem Kreml keinerlei Signale an die Öffentlichkeit, die darauf hindeuten, dass man klein beizugeben gedenkt. Bielieskow wundert das nicht: "Wer gedacht hat, 40 Tage würden dafür reichen, hat die Möglichkeiten der Ukraine überschätzt."
Angriffe auch in Tatarstan
Die massiven Drohnenangriffe auf die russische Energieindustrie zeigen gleichwohl Wirkung. Der US-Agentur Bloomberg zufolge ist die Kapazität der russischen Ölraffinerien im Juli auf den tiefsten Stand seit 2002 gesunken. Eine Baisse, die im ölreichen Russland in diesem Sommer zu Treibstoffmangel führt, der auch auf die Truppen an der Front ausstrahlt. Die Ukraine werde ihre Offensive keineswegs einstellen, nur weil die offizielle Frist nun abgelaufen ist, sagt Bielieskow. Am Montag, nach dem offiziellen Ende der 40 Tage also, galt ein Drohnenangriff einer Raffinerie in Tatarstan. Am Dienstag wiederum wurde ein Wildberries-Lager in Woronesch zerstört. Bei dem Angriff kam nach lokalen Angaben ein Mann ums Leben.
Auch die Angriffswelle auf Schiffe der russischen Schattenflotte im Schwarzen und im Asowschen Meer brachte der Ukraine Erfolge: Versicherungen versagen Kähnen, die die Gewässer rund um die Krim befahren, zunehmend die Abdeckung. Geht Wildberries pleite, drohen zudem dem russischen Bankensystem weitere Turbulenzen. Die ohnehin hohe Inflation im Land dürfte dann noch weiter steigen.
Bielieskow warnt gleichwohl vor allzu überschwänglichen Prognosen: "Im Mai und Juni haben einige davon gesprochen, dass die Ukraine bald die russisch besetzte Landbrücke zur Krim zerschneiden würde. Nun zeigt sich, dass Russland die Front nach wie vor hält, was bedeutet, dass seine Logistik nicht zusammengebrochen ist."
Putins Beliebtheit gesunken
Dass die Drohnengefahr das Vertrauen der Russinnen und Russen in ihre Führung aber wenigstens für den Moment untergraben, legt eine Umfrage nahe, die der Kreml selbst in Auftrag gegeben hat. Am 2. August, kurz vor dem Ende der ukrainischen "40-Tage-Operation" also, wies das staatliche Umfrageinstitut VCIOM Putin einen satten Rückgang seiner Beliebtheitswerte aus. 71 Prozent der Befragten gaben an, zufrieden mit der Arbeit des Machthabers zu sein. Am 21. Juni, also vor dem Beginn der Angriffswelle, waren es noch 77 Prozent.
Bielieskow bezweifelt, dass sich Putin von solchen – ohnehin wenig verlässlichen – Daten beeindrucken lässt. Der Kreml-Chef sei nach wie vor optimistisch, was den Ausgang seines Krieges betrifft. Weder das Wehklagen der Wildberries-Klientel noch die Verluste seiner Armee würden dazu führen, dass er seine Forderungen zurückschraubt. Zudem hat das Regime längst Vorkehrungen getroffen für den Fall, dass der Unmut überhandnimmt – etwa mithilfe von Internetsperren.
"Putin schätzt die Situation vollkommen anders ein als wir. Er denkt in Kategorien wie Truppenzahl und Raketen und hat für Dinge wie Drohnen nicht viel übrig. Er geht davon aus, dass die westliche Unterstützung zurückgehen wird, wenn er den Krieg lange genug weiterführt", sagt der Analyst.
Trump zögert wieder einmal
Überdies könne sich der russische Machthaber auf die "autoritäre Allianz" mit China und Nordkorea verlassen, während die Ukraine alles dafür tun muss, US-Präsident Donald Trump bei der Stange zu halten. Zwar habe sich dieser Berichten zufolge beeindruckt gezeigt, was Kyjiws Drohnenfähigkeiten betrifft. Konkrete Maßnahmen seien dem bisher aber nicht gefolgt. Im Gegenteil.
Aktuell ist etwa unklar, ob die Ukraine die Lizenzen für die Produktion der so dringend benötigten Patriot-Abfangraketen erhält, die Trump Selenskyj in Aussicht gestellt hatte. "Schöne Worte helfen nicht gegen Raketen", sagt Bielieskow.
Mit drastischen Folgen für die Zivilbevölkerung. Vergangene Woche vermochte die Ukraine erstmals keine einzige russische Rakete abzufangen. Die Zahl der Todesopfer steigt deshalb auch im bisher gut geschützten Kyjiw. Angriffe auf Tankstellen wiederum führen in Teilen des Landes – so wie umgekehrt in Russland – zu Treibstoffmangel. Besserung ist nicht in Sicht. Einerseits, weil nicht genügend Abfangraketen produziert werden, um den Bedarf der Ukraine zu decken. Andererseits, weil die westlichen Länder ungern auf ihre Notreserven zurückgreifen, um Kyjiw zu schützen.
Harter Winter droht
Wieder einmal muss sich die offensiv so erfolgreiche Ukraine deshalb selbst helfen, wenn es um die Defensive geht. Mit ihren Drohnen versucht sie, jetzt, wo der Himmel noch klar ist, die Abschussbasen der Raketen im russischen Hinterland und auf der besetzten Krim zu zerstören.
Bielieskow, der selbst in Kyjiw lebt, rechnet jedenfalls mit einem weiteren harten Winter. Weil Putins Armee an der Front nicht vorankommt, wolle Russland Kyjiw unbewohnbar machen. Bis zu 100 Raketen pro Monat könnten dann die ukrainische Hauptstadt treffen, in der ein gutes Fünftel der ukrainischen Wirtschaft konzentriert ist. "Um diese Masse abzufangen, wären etwa 150 Interzeptoren nötig. So viele kann uns niemand liefern." (Florian Niederndorfer, 11.8.2026)
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