Im Kampf gegen die Bürokratie: Schweizer Firmen lobbyieren in Brüssel stärker als die meisten EU-Mitglieder
Auf eigene Faust gegen das EU-Diktat: Schweizer Firmen lobbyieren in Brüssel stärker als die meisten Europäer
Die Eidgenossenschaft kann die Interessen ihrer Wirtschaft bei der EU nicht direkt einbringen. Um die Brüsseler Bürokratie einzudämmen, nehmen Schweizer Firmen und Verbände das Heft deshalb selbst in die Hand.
17.10.2026, 21.53 Uhr
5 Leseminuten

Illustration Dario Veréb / NZZaS
Politiker und Beamte besitzen eine Eigenschaft, von der Journalisten und Schriftsteller nur träumen können: Selbst mit trocken und sperrig formulierten Texten lösen sie bei ihren Lesern grosse Emotionen aus. Besonderes Talent dafür haben die Bürokraten in Brüssel. Ihre Regelwerke treiben nicht nur Unternehmer aus EU-Mitgliedsländern zur Weissglut, sondern auch Wirtschaftsvertreter aus der Schweiz.
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«Ich kann ein Buch schreiben über EU-Normen, Gesetze, Richtlinien und Verordnungen, die Veradministrierung, Kostensteigerung und viel Bürokratie gebracht haben», sagt Dieter Brunner, CEO und Mitgründer des Maschinenherstellers Eprotec in Regensdorf ZH. Das Unternehmen stellt hochpräzise Schmelzpumpen für die Recycling-Branche her und beliefert etwa Hersteller von Verpackungsfolien. Die Pumpen sorgen dafür, dass verflüssigter Kunststoff konstant fliesst, und verhindern Dickenschwankungen, Risse oder Qualitätsverluste.
Seit August gilt in der EU die neue Verpackungsverordnung PPWR (Packaging and Packaging Waste Regulation), die den Recycling-Anteil in Verpackungen erhöhen soll. Brunner begrüsst zwar das Ziel, ärgert sich aber über die Ausgestaltung durch die EU-Bürokraten. «Die Verordnung macht jedes Kunststoff-Endprodukt zu einem eigenen Dokumentationsprojekt.» Da Eprotec rund die Hälfte des Umsatzes in der EU erzielt, ist es von PPWR auch als Schweizer Unternehmen stark betroffen. An der Entstehung der neuen Verordnung konnte das Unternehmen aber nicht mitwirken.
Künftig soll sich dies ändern. Brunner will EU-Regulierungen nicht mehr einfach hinnehmen, sondern versuchen, sie dort zu beeinflussen, wo sie entstehen: in Brüssel. Das Kleinunternehmen mit fünf Mitarbeitern hat sich deshalb vor wenigen Wochen im EU-Transparenzregister eingetragen. Brunner kann sich nun mit EU-Parlamentariern und Beamten über künftige Regulierungen austauschen – in der Hoffnung, dass sie ihm zuhören.
387 Schweizer Firmen und Verbände in Brüssel
Eprotec ist kein Einzelfall. Gemäss Lobby Facts, einer Organisation, die Daten zum Lobbyismus in der EU analysiert, sind in Brüssel 387 Firmen, Verbände und andere Organisationen aus der Schweiz registriert.
Unter ihnen sind neben wenig bekannten Firmen wie Eprotec zahlreiche Grosskonzerne wie Novartis, Roche, Nestlé und UBS, die für ihr Lobbying in Brüssel jährlich Millionen ausgeben. Registriert sind auch Economiesuisse, Swissmem, die Schweizerische Bankiervereinigung sowie die Verbände der Uhren- und Textilindustrie, der Autohändler und der Elektrizitätsunternehmen. Hinzu kommen Nichtregierungsorganisationen und Sportverbände wie Fifa, Uefa und das Internationale Olympische Komitee (IOK), die ihren Sitz in der Schweiz haben. Sie haben alle das gleiche Ziel: EU-Regulierungen zu beeinflussen, bevor sie entstehen.
Angesichts der Tatsache, dass die Schweiz nicht EU-Mitglied ist und ihre Gesetze grundsätzlich in Bern gemacht werden, ist dies eine sehr hohe Präsenz. Nur neun EU-Länder zählen mehr eingetragene Organisationen. An der Spitze steht Belgien mit 2784 registrierten Akteuren. Als politisches Zentrum der EU und Sitz zahlreicher Interessenverbände nimmt das Land eine Sonderrolle ein. Es folgen Deutschland (2192), Frankreich (1661), Italien (1155) und Spanien (1086).
Mittelgrosse EU-Länder wie Österreich (400) und Schweden (399), die wirtschaftlich relativ stark sind, verzeichnen etwa gleich viele Firmen- und Verbandsvertreter in Brüssel wie die Schweiz. Andere Länder wie Polen, Rumänien, Tschechien, Griechenland und Portugal, die zum Teil deutlich mehr Einwohner als die Schweiz haben, aber wirtschaftlich schwächer sind, weisen eine geringere Präsenz auf.
Hohe Betroffenheit, null Mitsprache
Andreas Dür, der sich seit Jahren mit EU-Gesetzgebung und Lobbying befasst, erklärt die hohe Präsenz Schweizer Wirtschaftsvertreter vor allem mit der Betroffenheit: Rund die Hälfte der Schweizer Exporte geht in die EU. «Wer in den Binnenmarkt liefert, muss EU-Regeln einhalten», sagt der Politikwissenschafter der Universität Salzburg. Zudem übernehme die Schweiz viel EU-Recht über die Bilateralen oder im «autonomen Nachvollzug».
Die offizielle Schweiz hat in Brüssel kein Mitspracherecht bei der Erarbeitung neuer Gesetze und stellt keine Mitglieder im Europaparlament. «Die Schweiz übernimmt Regeln ohne Stimmrecht. Deshalb ist die direkte Präsenz in Brüssel oft der einzige Kanal zur Einflussnahme für Schweizer Wirtschaftsakteure», sagt Dür.
Zahlreiche Wirtschaftsvertreter bestätigen diese Einschätzung. Unternehmen aus EU-Mitgliedstaaten könnten ihre Interessen über nationale Regierungen einbringen, schreibt etwa eine Sprecherin des Stahlkonzerns Swiss Steel, der ebenfalls in Brüssel präsent ist. «Schweizer Unternehmen haben diesen Zugang nicht, da die Schweiz nicht EU-Mitglied ist.»
Die exportorientierte Schweizer Wirtschaft müsse diese Arbeit selbst erledigen, sagt Stephan Jäggi, Geschäftsleiter des Verbands freier Autohandel Schweiz (VFAS): «Die Betroffenheit ist also hoch, die Mitsprache null.» Auch Stefan Brupbacher, Direktor von Swissmem, spricht von einem «institutionellen Nachteil», den es zu kompensieren gelte.
EU-Gesetze für die Schweiz
Der hohe Lobbying-Bedarf zeigt, wie viele Bereiche der EU-Regulierungen Schweizer Unternehmen betreffen. Eine Sprecherin von Swiss Textiles, dem Verband der Textil- und Bekleidungsindustrie, sagt: «EU-Regulierungen wirken sich unmittelbar auf die Schweizer Unternehmen aus.» Die EU sei mit über 75 Prozent der Umsätze der wichtigste Absatzmarkt der Branche. Wollten Firmen dort verkaufen, müssten sie EU-Gesetze einhalten, etwa bei Produktsicherheit, Verpackungen und Etikettierung.
Auch Schweizer Autohändler hängen laut VFAS «fast vollständig» von Regeln aus Brüssel ab. Grundlage sei das Abkommen über die gegenseitige Anerkennung von Konformitätsbewertungen aus den Bilateralen I: «Damit die Anerkennung funktioniert, übernimmt die Schweiz die EU-Vorschriften zur Fahrzeugtechnik praktisch eins zu eins», sagt der VFAS-Geschäftsleiter Jäggi. Wer die Rahmenbedingungen beeinflussen wolle, müsse deshalb auch dort ansetzen, wo sie entstehen – in Brüssel, nicht nur in Bern.
Das sind bemerkenswerte Aussagen, gerade vor dem Hintergrund der Debatte über das neue EU-Vertragspaket «Bilaterale III». Diese sollen den Marktzugang zur EU für Schweizer Unternehmen langfristig sichern und die nötige Stabilität für Unternehmen schaffen, die grenzüberschreitend tätig seien, sagt Monika Rühl, die Chefin des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse.
Laut Rühl bleibt es zwar auch mit den Bilateralen III entscheidend, EU-Regulierungen frühzeitig zu verfolgen und Schweizer Interessen einzubringen. Sie ist aber überzeugt, dass die Schweiz bei Annahme des Vertragspakets mehr Einfluss nehmen kann: «Dank dem im Paket vorgesehenen ‹Decision Shaping› erhält die Schweiz zusätzliche Möglichkeiten, sich bereits in einer frühen Phase des EU-Gesetzgebungsprozesses einzubringen und ihre Anliegen gegenüber den europäischen Institutionen zu platzieren.»
Der «Startnachteil» bleibt
Wie viel Aufmerksamkeit Schweizer Inputs in Brüssel erhalten, bleibt jedoch offen. Wirtschaftsvertreter sind sich nicht einig, ob und wie die EU-Verantwortlichen Eingaben aus der Schweiz berücksichtigen.
Andreas Dür kennt keine wissenschaftliche Untersuchung, die den Lobbying-Erfolg von Schweizer Akteuren mit jenem aus EU-Mitgliedstaaten vergleicht. Er vermutet aber einen «Startnachteil»: «In Brüssel sieht man oft, dass es nationale Koalitionen gibt.» Regierungen fühlten sich für die eigenen Wirtschaftsakteure verantwortlich und verträten deren Interessen. «Wenn das wegfällt, wie im Fall der Schweiz, ist der mögliche Einfluss fast notwendigerweise geringer.»
Es gibt jedoch auch Punkte, die für die Schweizer Akteure sprechen. Finanzkraft sei im Lobbying wichtig, sagt Dür. «Und in der Hinsicht sind Schweizer Akteure sehr gut aufgestellt.» Wer über die nötigen finanziellen Mittel verfügt, hat zumindest die Möglichkeit, sich Zugang zu den wichtigsten Entscheidungsträgern zu verschaffen.
Das zeigte sich vor rund einem Jahr auch ausserhalb Brüssels, im Weissen Haus in Washington. Dort schaffte es eine Schweizer Unternehmerdelegation ins Oval Office und übergab Präsident Donald Trump im November 2025 eine Rolex-Tischuhr und einen gravierten Goldbarren. Dies trug massgeblich dazu bei, dass die USA die Strafzölle auf Schweizer Produkte von 39 auf 15 Prozent senkten.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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