Auswertung: Fast jede zweite „Rente mit 63“ geht an Frauen
Auswertung Fast jede zweite „Rente mit 63“ geht an Frauen
Exklusiv | Berlin · Die Linke kritisiert eine Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Versicherungsjahren. Der Grund: Zahlen der Bundesregierung zeigen, dass knapp 45 Prozent der Beziehenden in diesem Modell Frauen sind – mit vergleichsweise niedrigen Renten.
16.07.2026 , 21:30 Uhr
Knapp 45 Prozent der Rentenzugänge für besonders langjährig Versicherte entfielen in den vergangenen Jahren auf Frauen.
Foto: Arne Dedert/dpa/Arne Dedert
Von der abschlagsfreien Rente nach 45 Versicherungsjahren haben in den vergangenen Jahren auch viele Frauen profitiert. Das geht aus einer Antwort des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales auf eine schriftliche Frage der Linken-Abgeordneten Sarah Vollath hervor, die unserer Redaktion vorliegt. Demnach entfielen laut Deutscher Rentenversicherung zwischen 2015 und 2025 im Schnitt rund 44,4 Prozent der Rentenzugänge für besonders langjährig Versicherte auf Frauen.
„Auch einzelne Mitglieder der Rentenkommission behaupten immer wieder, dass von der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren vor allem Männer mit höheren Einkommen profitieren. Die Zahlen der Regierung zeigen nun aber, dass knapp die Hälfte der Beziehenden Frauen sind“, sagte Vollath, Sprecherin für Renten- und Alterssicherungspolitik der Linken, unserer Redaktion.
Ein Beispiel: Im vergangenen Jahr gab es insgesamt rund 262.000 neue Rentnerinnen und Rentner, die nach 45 Versicherungsjahren vorzeitig in Rente gingen. Dabei profitierten etwa 145.000 Männer (55,3 Prozent) und rund 117.000 Frauen (44,7 Prozent) von der Regelung. 2019 lag der Frauenanteil bei der sogenannten Rente mit 63 sogar bei 45,8 Prozent – der Höchstwert in der Auswertung. Dabei fallen die Rentenzahlbeträge für besonders langjährig versicherte Frauen im Schnitt deutlich niedriger aus als für Männer. 2025 erhielten Frauen im Schnitt 1469 Euro, Männer bekamen dagegen knapp 400 Euro mehr, wie aus einer früheren Kleinen Anfrage der Linken an die Bundesregierung hervorgeht.
Linken-Politikerin kritisiert Pläne zur Abschaffung der Rente mit 63
Dass Schwarz-Rot die Abschaffung des früheren Renteneintritts nach 45 Beitragsjahren anstrebt, kritisiert Vollath vor diesem Hintergrund scharf. „Wir sprechen hier über Beschäftigte, die häufig sogar mehr als 45 Jahre lang hart gearbeitet und in die Rentenkasse eingezahlt haben. Es kann doch nicht sein, dass die Regierung ausgerechnet bei diesen Menschen im Rentenalter kürzen und ihnen durch Abschläge noch niedrigere Renten zumuten will“, sagte sie. Schon jetzt lägen die Renten vieler Frauen nach 45 Versicherungsjahren „nur knapp oberhalb der Armutsgrenze“.
Auch der Sozialverband Deutschland (SoVD) warnte angesichts der Zahlen vor einer Abschaffung der abschlagsfreien Rente für langjährig Versicherte. Ein solcher Schritt würde „das Risiko von Altersarmut deutlich erhöhen – insbesondere für Frauen“, sagte die SoVD-Vorstandsvorsitzende Michaela Engelmeier. „Wer bereits nach einem mittleren Schulabschluss ins Berufsleben eingestiegen ist und mehr als 45 Jahre gearbeitet hat, darf im Ruhestand nicht mit Abschlägen bestraft werden“, betonte Engelmeier. Daher müsse man „weiter über die gesetzliche Rente Lebensleistung anerkennen und solidarisch absichern, statt soziale Ungleichheiten weiter zu verschärfen“.
Die Rentenkommission hatte im Juni eine Abkehr von der abschlagsfreien Rente für besonders langjährig Versicherte empfohlen. Sie ist als „Rente mit 63“ bekannt, auch wenn der vorzeitige Renteneintritt faktisch heute erst ab 64,5 Jahren möglich ist. Im Bericht der Kommission heißt es, dass die Abschaffung „unter Berücksichtigung des verfassungsrechtlich gebotenen Vertrauensschutzes“ zum frühestmöglichen Zeitpunkt geschehen solle. Konkrete Fristen werden nicht genannt.