Sachsen ergreift die Initiative – Rettungsplan für die VW-Standorte gefordert
Die Krise des Volkswagen-Konzerns sorgt für Angst in den Regionen, in denen große Autofabriken stehen. Das gilt besonders für Sachsen, wo Europas größter Autokonzern VW mehrere Standorte betreibt, darunter auch die Fahrzeugfabrik in Zwickau. In einem Vorort der Stadt, dem nördlichen Ortsteil Mosel, laufen Modelle wie die elektrischen Kompaktwagen ID.3 und Cupra Born vom Band, außerdem der Audi Q4, ein batteriebetriebener Stadtgeländewagen. Die Autoproduktion an dem Standort hat viel Tradition, aber nun ist das Werk von der Schließung bedroht. Denn VW kämpft mit schwach ausgelasteten Fabriken, an vier Standorten in Deutschland könnte die Produktion in einigen Jahren enden.
Die Politik in Sachsen will nun mit eigenen Ideen ihre Werke retten. In einem Schreiben an den Konzern, das der F.A.Z. vorliegt, fordert Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) „klare Perspektiven für die Standorte“ im Bundesland.
„Gemeinsam wollen wir ein international wettbewerbsfähiges Konzept für die sächsischen Standorte von Volkswagen in Zwickau-Mosel und Chemnitz liefern“, heißt es in dem Schreiben. „Dafür brauchen wir eine gemeinsame VW Task Force – mit Ihnen und uns!“ Adressiert ist der knappe Brief an Vorstandschef Oliver Blume und an den Aufsichtsratsvorsitzenden Hans Dieter Pötsch sowie an die IG-Metall-Chefin Christiane Benner, die im Aufsichtsrat sitzt.
Standorte sollen an historisches Vorbild anknüpfen
Die deutsche Autoindustrie kämpft mit Preisdruck, amerikanischen Importzöllen und dem immer schärferen Wettbewerb durch chinesische Automarken. Als Reaktion hatten die Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen kürzlich schon in einem Positionspapier parteiübergreifend mehr Schutz der heimischen Unternehmen vor unfairem Wettbewerb aus China gefordert.
Konkret schwebt der Politik in Sachsen nun vor, dass die VW-Standorte im Bundesland künftig mit viel Eigenständigkeit und zu Kosten arbeiten, die wettbewerbsfähiger sind als in der klassischen Tarifstruktur des Konzerns. Man wolle eine „Auto Union Sachsen“ schaffen, hatte Kretschmer schon vor Tagen im Landtag verkündet – und damit einen historischen Bogen zu den glorreichen Zeiten der sächsischen Automobilgeschichte geschlagen. Die Auto Union AG war ein Unternehmen, das in den frühen Dreißigerjahren durch den Zusammenschluss der vier Marken Audi, DKW, Horch und Wanderer entstand und seinen Firmensitz in Chemnitz hatte. Heute gilt die Auto Union als ein Vorläufer der Audi AG.
Wie die Neuauflage genau aussehen kann, hält sich Kretschmer offen. Unter Beratern, die in die Konzeption eingebunden sind, werden verschiedene Szenarien durchgespielt. Sie reichen bis hin zu einem Modell, in dem die sächsischen VW-Standorte unabhängig wären, vergleichbar mit dem kanadisch-österreichischen Automobilzulieferer Magna, der im Auftrag internationaler Autohersteller ganze Modelle fremdfertigt. Dazu zählen seit Neuestem auch Autos des chinesischen Herstellers Xpeng. Auch externe Investoren könnten einsteigen. Doch wäre es der Landesregierung wohl lieber, wenn VW Eigentümer bliebe und die Gesellschaft genug Spielraum bekomme, um mit eigenen Tarifverträgen die Kosten zu senken.
„Unser wertvollstes Gut sind die qualifizierten und heimatverbundenen Beschäftigten vor Ort“, heißt es in dem Schreiben der Landespolitiker an VW. Die Belegschaft sei „fest entschlossen, sich den aktuell schwierigen Bedingungen zu stellen“. Von VW in Sachsen heißt es auf Anfrage der F.A.Z. nur: „Wir begrüßen die Initiative der Landesregierung.“ Für alle weiteren Details sei es zu früh.

In gewisser Weise ist die politische Initiative in Sachsen auch eine Kehrtwende. Jahrelang hatten die Staatskanzlei in Dresden und die IG Metall darauf gedrängt, dass die Beschäftigten der VW Sachsen GmbH mit den Kolleginnen und Kollegen an den westdeutschen Standorten gleichgestellt werden, vor allem finanziell. In diesem Jahr wurde ein erster Schritt gemacht. Seit einigen Monaten gelten an den sächsischen Standorten die gleichen Konditionen wie im Haustarif des VW-Konzerns. Der nächste Schritt, eine komplette gesellschaftsrechtliche Integration der Standorte in die Volkswagen AG, wurde allerdings verschoben, eine Entwicklung, die im Osten erst auf Kritik stieß – nun aber für viele sogar wie ein Vorteil wirkt.
Aus Sicht der Staatskanzlei und ihrer Berater bietet sich dadurch die Chance, eigene kostengünstige Arbeitsmodelle jenseits der klassischen Konzernstruktur zu entwickeln. Als denkbar gilt sogar, dass Beschäftigte auch arbeitsrechtlich in eine neu geschaffene Einheit wechseln und dafür eine Abfindung bekommen, die dann verwendet wird, um Gehaltseinbußen auszugleichen. Solche Schritte, so die Hoffnung, könnten die Werke sogar auf ein Kostenniveau bringen, wie es bislang nur in Ost- und Südeuropa zu finden ist. So würde möglicherweise auch der Weg geebnet, um Modelle aus den chinesischen Gesellschaften des VW-Konzerns in Zwickau zu produzieren, ein Thema, das intern schon länger heiß diskutiert wird.
Klar ist, dass es bisher nur Theorien gibt, deren Umsetzung von VW und auch von politischen Rahmenbedingungen abhängen, die der Bund und die EU setzen. Im Schreiben des Ministerpräsidenten an VW heißt es, das Bundesland bitte für die neue Auto Union Sachsen „um Ihre aktive Unterstützung und Mitwirkung!“ Es gelte, keine Zeit zu verlieren und deshalb schnell zusammenzukommen. Quer über alle Standorte in Sachsen arbeiten dort knapp 10.000 Menschen für VW, rund 7500 davon in Zwickau und etwa 2000 im Motorenwerk in Chemnitz. In Wolfsburg wird der Konzernumbau auch in dieser Woche wieder ein großes Thema sein. An diesem Donnerstag tagt das Präsidium des Aufsichtsrats und am Freitag dann das ganze Kontrollgremium.