Bad Hersfelder Festspiele sind der Herzschrittmacher der Stadt

Stand: 24.07.2026, 18:00 Uhr

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Die Bad Hersfelder Festspiele laufen in diesem Sommer auf Hochtouren. Intendantin Elke Hesse bringt klassische Stoffe wie Parzival in unter zwei Stunden ohne Pause auf die Bühne.

Hören Sie Festspielintendantin Elke Hesse auch so gerne reden? Mein Lieblingssatz ist ihr programmatischer Ausruf: „Die Stadt muss brrroodln.“ Da kann man ihr energisches Wienerisch sogar noch beim Lesen heraushören.

In den vergangenen Jahrzehnten waren wir immer nur sporadische Festspielbesucher. Heute weiß ich: Die Bedeutung, die den Festspielen für das Leben und das Selbstverständnis von Bad Hersfeld zukommt, kann man nur erfahren, wenn man das ganze Crescendo von der Vorstellung des Programms über die Bekanntgabe der Schlüsselschauspieler, die Herrichtung der Ruine, den Beginn des Probenbetriebs, das Herausputzen der Stadt sowie die Premieren und die Feiern verfolgt. Nun rührt auch mich die Festspielfanfare seltsam feierlich an, wann immer sie mein Ohr erreicht.

Und so vermessen der bemühte Vergleich mit Salzburg ist (Lokalstolz neigt gern zu Übertreibung): Mit seiner 75-jährigen Geschichte ragt Hersfeld über seine Nachahmer heraus, die in den vergangenen Jahrzehnten einer regelrechten Festspielflut entsprungen sind. Dass das auch für die Identifikation der Hersfelder mit ihren Festspielen gilt, haben die Herzfeld-Projekte gezeigt: Helgo Hahns Herzfeld-Chor (mein persönliches Highlight des Monats), das Tanzprojekt und die wunderbare XXXL-Häkeldecke, die den Festspiel-Auftakt bereichert haben. Auch wenn die Stadt an diesem denkwürdigen 40-Grad-Wochenende vor allem vor Hitze „gebrrroodlt“ hat.

Auf die Liste „Besser vergessen“ gehört dagegen das Jubiläumsfest, für dessen Entwicklung dem Ensemble offenbar jede Zeit fehlte. Wie soll man auch 75 Jahre Festspielgeschichte auf die Bühne bringen? Und für eine Bürgermeisterin und eine Intendantin, die aus einer Torte steigen, möchte niemand Eintritt zahlen. Das war kein Meisterstück, sondern ein einziges Missgeschick. Schwamm drüber.

Dagegen geht das ambitionierte Programm der neuen, alten Intendantin weitgehend auf. Wolfram von Eschenbachs Parzival als „Pubertier“ auf die Bühne zu bringen, war ein Wagnis vom Oberspielleiter Schachermaier – für das er und sein Ensemble mit teils hymnischen Kritiken belohnt wurden. So muss Festspieltheater sein: klassische Stoffe so aufzubereiten, dass jeder Zugang zu ihnen findet. Dabei hat sich auch die Entscheidung als Glücksfall erwiesen, selbst große Epen ohne Pause und nicht länger als zwei Stunden auf die Bühne zu bringen.

Ein kalkulierter Glücksfall ist auch Pippi Langstrumpf. Wahnsinn, wieviel Energie Laura Dittmann von der ersten Sekunde bis zum – nicht vorhandenen – Vorhang versprüht. Dittmann und der frisch gekürte Hersfeld-Preisträger Thieß Brammer als Parzival beweisen, dass Festspiele von überragenden Theaterschauspielern und Talenten stärker profitieren als von der Werbewirksamkeit sattsam bekannter TV-Gesichter. Markus Gertken, Uriel Jung (tragende Sidekicks im Parzival) und die Allzweckwaffe Andrès Mendez zählen zu meinen weiteren Entdeckungen.

Die berufsbedingt überdrehte Kabarettistin Gayle Tufts als stets haarscharf danebenliegende Seherin in der komischen Oper, äh dem komischen Musical „Something Rotten!“ ist dann doch das prominente Gegenbeispiel. Was für eine Deutschland-Premiere ist den Festspielen da gelungen: eine beschwingte Klamotte, die herrlich blödsinnig den Theaterkosmos von William Shakespeare auf die Schippe nimmt und zugleich den Musicalboom der vergangenen Jahrzehnte. Nach diesem Abend kann man nur beschwingt in den Nachthimmel entschwinden.

Lysistrata dagegen scheint diese Sogwirkung nicht zu entwickeln. Vielleicht, weil mit Parzival zwei archaische Stoffe pro Saison einer zu viel sind. Und wohl auch, weil griechische Komödien gar nicht so sehr zu komödiantischem Klamauk einladen. Schade, dass die wohl weiblichsten aller Hersfelder Festspiele ausgerechnet bei diesem Stück über Frieden und Frauenpower nicht so recht überzeugen. Alles kein Grund zum Moppern. Bekanntlich gehört auch das Scheitern zu ambitioniertem Theater. Als Standortfaktor sind die Festspiele unbezahlbar. Das scheint mir die einzig angemessene Vokabel in Zeiten zu sein, in denen sich Kommunalpolitiker immer stärkeren Sparzwängen ausgesetzt sehen. Zwei Wahrnehmungen meines Sommers, die vor solchen Fehlschlüssen warnen sollen: Anders als in Hersfeld leiden etwa die Störtebeker-Festspiele auf Rügen unter einem dramatischen Zuschauereinbruch. Wie schön, dass es Elke Hesse und ihrer Truppe dagegen gelingt, der um sich greifenden Deutschland-Depression zu trotzen. Und wie ausgestorben sind in den Sommerwochen andere Städte wie Eschwege oder Mühlhausen, die ja ebenfalls einen Besuch wert sind.

Wer will, dass Hersfeld lebt und pulsiert, muss sich zu den Festspielen als Herzschrittmacher bekennen und darf sie niemals als kulturellen Zierrat abtun.