BASF erhöht Druck auf Evonik und signalisiert höheres Gebot
Der Vorstand der BASF ist im Ringen um die Übernahme des Essener Konkurrenten Evonik offenbar zu Zugeständnissen und einem höheren Gebot bereit. Es gebe keine Pläne, nach einem möglichen Zusammenschluss Standorte zu schließen. Auch die Zusagen des Evonik-Managements blieben bestehen, insbesondere der Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen bis 2032, sagte eine eng mit der Transaktion befasste Person der F.A.Z. Zugleich machte sie klar, dass ein Zusammenschluss Arbeitsplätze kosten werde.
Demnach ist der Konzern auch bereit, das Gebot unter Umständen zu erhöhen. Der BASF sei klar, dass der gebotene Preis nicht der finale sei. Der Konzern sei bereit, über ein höheres Gebot zu sprechen, dafür müsse der Evonik-Vorstand allerdings ein Entgegenkommen signalisieren und die Bücher öffnen. Erst dann könne man Risiken ausschließen und eventuell weitere Potentiale erkennen. Sollte die Übernahme zustande kommen, präferiert der BASF-Vorstand einen „Cash-Deal“, die Evonik-Aktionäre sollen also Geld bekommen. Die teilweise Bezahlung mit Aktien schließe man nicht aus, sie sei aber nicht der präferierte Weg.
Der Evonik-Vorstand hatte das Angebot der BASF postwendend abgelehnt und argumentiert, dass der Preis noch keine Basis für Gespräche sei. BASF hatte 22,15 Euro je Aktie geboten, womit Evonik einschließlich Schulden mit gut 14 Milliarden Euro bewertet wird. Es wäre einer der größten Zusammenschlüsse in der Chemieindustrie.
Der Vorstand von Evonik will das Unternehmen mit Restrukturierung und Stellenabbau stattdessen wieder so schlagkräftig machen, dass es aus eigener Kraft ausreichend Wachstumschancen hätte. Juniorpartner zu sein passt da nicht in den Ausblick und die Strategie, die im Frühjahr sowohl von der Großaktionärin RAG-Stiftung als auch von den Gewerkschaftsvertretern der IGBCE im Aufsichtsrat abgesegnet wurde.
Hoher Aktienanteil an Evonik ist Fluch und Segen zugleich
Der große Anteilsbesitz der RAG-Stiftung, die fast 44 Prozent an Evonik hält, ist dabei für Evonik Fluch und Segen zugleich. Auf der einen Seite schützt ein großer Ankeraktionär vor feindlichen Übernahmen, die Zusammenarbeit zwischen Stiftungsvorstand, der mit dem Vorsitzenden Bernd Tönjes auch dem Evonik-Aufsichtsrat vorsitzt, und der Unternehmensleitung ist vertraut und eng. Allerdings ist der Aktienbesitz auch für beide Seiten eine Last: Die RAG-Stiftung will perspektivisch die Anteile an Evonik reduzieren, um das Klumpenrisiko einer hohen Beteiligung an einem Chemieunternehmen loszuwerden.
Gleichzeitig liegt durch die Mehrheit der RAG-Stiftung historisch ein Abschlag auf dem Evonik-Kurs, der Interims-Vorstand Claus Rettig bezeichnete die Aktie – wohlgemerkt bevor das BASF-Angebot publik wurde – als unterbewertet. Dadurch könnte der Konzern auf lange Sicht auch zu einem Übernahmeziel anderer Unternehmen werden, das müssen dann auch nicht unbedingt Dax-Konzerne sein.
Der Kunststoffkonzern Covestro etwa, immerhin drittgrößter Chemiefabrikant des Landes, wurde von XRG, dem Investmentvehikel des staatlichen Ölförderers der Vereinigten Arabischen Emirate, übernommen. Aus Sicht der BASF wäre eine Übernahme ein sinnvoller Schritt in der ohnehin anstehenden Konsolidierung der europäischen Chemieindustrie. Gemeinsam sei man stärker gegen asiatische oder arabische Konkurrenz.
„Sehr viel Unsinn“ in der Debatte
Man sei sich der politischen Dimension einer solchen Übernahme von Anfang an bewusst gewesen, heißt es vonseiten der BASF. Einige Reaktionen, etwa die Aussage, dem Ruhrgebiet würde die Lebensader abgeschnitten, hätten die Verantwortlichen in Ludwigshafen aber doch überrascht. Die Tonlage sei schrill, viele Ängste an den Haaren herbeigezogen. „Momentan reden sehr viele Leute sehr viel Unsinn.“
BASF werde weder die Standorte Wesseling und Marl noch die Zentrale in Essen schließen. Anders als vom Evonik-Management geplant, würde BASF die Betreibergesellschaften für die Chemieparks in Marl und Wesseling nicht verkaufen wollen. Zugleich sei jedem in der Industrie klar, dass eine Übernahme Arbeitsplätze kosten werde. Auf eine Zahl will sich der Konzern öffentlich nicht festlegen, betont aber, dass Evonik auch allein weiter sparen müsse, um die Effizienz zu steigern.
Ein Arbeitsplatzabbau, heißt es, werde fair und sozialverträglich vonstattengehen und im Übrigen nicht nur die zugekaufte Evonik betreffen. „Wir geben nicht Milliarden für ein Unternehmen aus, um wichtige und gut funktionierende Teile zu schlachten.“
BASF selbst sieht sich nicht als Getriebene. Spekulationen, man handle aus Sorge vor einer eigenen Übernahme, seien falsch. Die Idee, das neu definierte Kerngeschäft mit Akquisitionen zu stärken, sei lange gewachsen und passe im Übrigen in die Kapitalplanung – trotz zuletzt gut 20 Milliarden Euro Nettoschulden. Dem Konzern sei sehr daran gelegen, sein Single-A-Rating zu behalten, das ihm gute Konditionen bei der Kreditaufnahme sichert.
Übernahme könnte noch bis Ende 2028 dauern
Wie aus Unternehmenskreisen zu hören ist, geht der Vorstand offenbar davon aus, dass die Übernahme erst Ende 2028 abgeschlossen wäre. Bis dahin komme unter anderem frisches Geld aus dem avisierten Börsengang der Agrarsparte in die Kasse. BASF rechnet damit, dass die Transaktion mindestens ein Jahr lang regulatorisch überprüft wird, bevor die Aufsichtsbehörden zustimmen.
Vergangene Woche hat sich das politisch besetzte Kuratorium der RAG-Stiftung erstmals digital zusammengesetzt, um über das BASF-Angebot zu beraten. Dabei soll es nach Informationen der F.A.Z. zuvorderst darum gegangen sein, dass die Gespräche und eventuelle weitere Verhandlungen in Zukunft ausschließlich vom Evonik-Vorstand geführt werden sollten. Das Angebot schlägt politisch hohe Wellen vor allem in Nordrhein-Westfalen, wo im kommenden April eine Landtagswahl ansteht, im Grunde hat das Kuratorium aber keine Kompetenz, Verhandlungen zu führen. Gleichwohl hat es die Aufgabe, den Stiftungsvorstand zu beaufsichtigen und über Änderungen im Anteilsbesitz abzustimmen, ganz ohne den Willen des Kuratoriums geht es also nicht.
Im Kuratorium sitzen unter anderem die Ministerpräsidenten der Länder Nordrhein-Westfalen und des Saarlands, außerdem der Vorsitzende der Gewerkschaft IGBCE und die jeweiligen Bundesfinanz- und Wirtschaftsminister. Aus dem Kuratorium nahestehenden Kreisen war zu hören, dass der Vorstand der RAG-Stiftung wiederum argumentierte, dass mit dem BASF-Angebot eine Gelegenheit bestehe, die Kassen der Stiftung zu füllen.
Über die Modalitäten einer Transaktion gibt es noch unterschiedliche Ideen. Sollte die Stiftung keine Aktien der BASF, sondern Geld für die Aktien bekommen, müsste sie sich neue Ertragsquellen suchen. Die Stiftung hat mehr als 20.000 Beteiligungen, vor allem über Fonds, jedoch mit Evonik und dem Immobilienkonzern Vivawest zwei besonders große Beteiligungen. Eine Schwankung des Aktienkurses von Evonik von einem Euro nach oben oder unten bedeutet eine Veränderung im Stiftungsvermögen von 200 Millionen Euro. Die Stiftung verwaltet mehr als 16 Milliarden Euro an Vermögen, für die Ewigkeitskosten der aufgegebenen Kohlezechen gibt sie derzeit rund 300 Millionen Euro im Jahr aus. Der Ball liegt nach Einschätzung der BASF nun beim Evonik-Vorstand, zugleich gehen die Gespräche mit Verantwortlichen von Stiftung und Politik weiter.