Bayerns einflussreichster Kommunalpolitiker hört auf: „Der freche Brandl nervt nicht mehr“
Stand: 16.10.2026, 07:05 Uhr
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Nach über 20 Jahren an der Spitze des Bayerischen Gemeindetags zieht der streitbare und meinungsstarke CSU-Mann Uwe Brandl eine ehrliche Bilanz – und kritisiert die Staatsregierung.
Uwe Brandl war 30 Jahre Bürgermeister in Abensberg (Kreis Kelheim), seit 2002 stand er an der Spitze des Bayerischen Gemeindetags – als solcher war der CSU-Mann einer der einflussreichsten Kommunalpolitiker Bayerns, auch weil er meinungsstark und streitbar war. Jetzt dankt der 66-Jährige ab. In seiner freien Zeit will Brandl beratend tätig sein und seinen dritten Roman schreiben, die Erlöse spendet er. Im Interview zieht er Bilanz. Kritisch, wie stets.
„War eine Erleichterung“: Abschied nach arbeitsreichem Jahrzehnt
Herr Brandl, Ihr Abschied nach arbeitsreichen Jahrzehnten naht – fühlt er sich wie eine Befreiung an?
Ich bin immer noch viel unterwegs, in München und Berlin, aber die Arbeitsbelastung ist deutlich geringer, seit ich nicht mehr Bürgermeister in Abensberg bin. Das Loslassen nach 30 Jahren im Amt war eine Erleichterung, ja. Am Ende war es nicht mehr so prickelnd, alles hundertmal diskutieren zu müssen. Ich arbeite gerne analytisch und diskutiere auch gerne. Aber irgendwann möchte ich zu einem Ergebnis kommen. Das ist die Politik den Menschen schuldig. Unsere Gesellschaft fordert allerdings aus allen Richtungen Mitspracherechte ein, das erschwert zügiges Handeln enorm oder verhindert es gar.
Dabei haben Sie auch als Gemeindetagspräsident viel diskutiert...
Ja. Aber ich mochte daran, dass man die eigene Position immer wieder erweitern kann. Als Gesprächspartner habe ich beispielsweise Alois Glück sehr geschätzt. Er hat mir ein besonderes Verständnis davon vermittelt, welche Pflichten er als Mandatsträger empfindet. Das ist etwas ganz anderes, als ich es heutzutage wahrnehme. Da wird viel versprochen, aber wenig gehalten. Man darf als Mandatsträger nicht den Mut verlieren, den Menschen auch unbequeme Dinge zu vermitteln.
Sie haben sich oft mit der Staatsregierung angelegt. Ist Markus Söder traurig, dass Sie aufhören?
Ich schätze Markus Söder, er ist unglaublich gescheit. Ich hätte mir einfach gewünscht dass der Gemeindetag und ich als dessen Sprecher als konstruktiver Partner wahrgenommen wird. Zuhören und reflektieren sind keine Schwäche oder Schande. In Summe: Markus wird nicht unglücklich sein, dass der freche Brandl nicht mehr nervt.
Bayerns einflussreichster Kommunalpolitiker hört auf: „Nervt nicht mehr“
Hatten Sie das Gefühl, man nimmt Sie und den Gemeindetag manchmal nicht ernst?
Bei uns geht man immer davon aus, dass wir klein sind – vielleicht wegen des Wortes „Gemeinde“, das klingt so klein. Wir werden oft als Zwerg wahrgenommen, das hat mich immer gestört. Wir sind der größte Kommunalverband in Deutschland und vertreten alle kreisangehörigen Kommunen und Hunderte von Zweckverbänden. Wir Gemeinden sind Teil des Staates, die Basis der Demokratie, Partner und nicht Erfüllungsgehilfen einer Staatsregierung.
Gab es auch Situationen, in denen Sie sich persönlich nicht respektiert gefühlt haben?
Das Verhalten von Landespolitikern, die einen Landbürgermeister wie einen Trottel behandeln, muss man aushalten. Gefallen hat es mir nicht. Und ein Abgeordneter der Freien Wähler hat mich im Landtag einmal als Lügner bezeichnet. Das ist ein No-Go. Respekt kann ich nur von jemandem erwarten, dem ich selbst Respekt entgegenbringe.
Sie sind bekannt als Mann der klaren Worte. Hat das eine Polit-Karriere in München oder Berlin verhindert?
Menschen wie ich, die ihr Herz auf der Zunge tragen, sind auf diesen Ebenen nicht besonders gelitten. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass der liebe Gott einen schon auf Positionen setzt, auf denen er vernünftig untergebracht ist. Ich habe Jura studiert und in diesem Beruf gearbeitet. Aber erst die Aufgabe als Bürgermeister und im Verband hat mir Sinn und Freude vermittelt.
Eines Ihrer Hauptthemen waren die Finanzen. Heute sind die Kommunen pleite wie nie. Macht Ihnen das Angst?
Diese Situation ist nicht vom Himmel gefallen. Wir haben zwei Jahrzehnte lang weit über unsere Verhältnisse gelebt. In Berlin wurde vieles beschlossen, was die Gemeinden schultern mussten. Bei den Leistungsrechten ist man sehr großzügig gewesen, ohne genau zu wissen, ob das alles notwendig ist. Jetzt muss grundlegend umgesteuert werden. Daran wird Friedrich Merz scheitern, wenn er das nicht konsequent angeht. Es ist ein systemisches Problem, das disruptives Gegensteuern verlangt, mit dem Risiko, nicht wieder gewählt zu werden. Die ganze Entwicklung macht mir erhebliche Sorgen, vor allem mit Blick auf nachfolgende Generationen.
War die Politik jahrzehntelang zu naiv?
Die Politik ist immer davon ausgegangen, dass es keine kriegerischen Auseinandersetzungen und keine Energiekrisen geben wird. Jetzt ist es aber so. Jetzt soll man plötzlich bereit sein, für etwas einzustehen. Das politische Rumgeeiere bei den Spritpreisen finde ich derzeit unglaublich. Man tut so, als suche man nach Lösungen. Dabei erhebt der Staat ja Steuern und verdient erheblich am Sprit. Es gäbe viele Möglichkeiten, auch die Konzerne zu beteiligen. Aber diese Dinge traut man sich nicht anzugehen.
Was bereitet Ihnen mit Blick auf die Kommunen die größten Sorgen?
Dass die kommunalen Haushalte dramatisch in Not geraten. In der Krankenhausfinanzierung zum Beispiel kommen die notwendigen Beiträge von Land und Bund nicht. Auch die Debatte in der Bevölkerung ist irreführend. Jeder möchte sein 80-Betten-Krankenhaus behalten, weil er glaubt, das sei eine gute medizinische Versorgung. Das stimmt so nicht. Es verursacht unglaubliche Kosten und kann dem Patienten nicht das Leistungsspektrum bieten, das er braucht und verdient. Es braucht eine strategische Standortplanung, die ambulante und stationäre Versorgung verknüpft und eine gute Abdeckung der Fläche sicherstellt. Das setzt gewisse Größen voraus und den Mut, Standorte zu schließen. Wenn wir so weitermachen, wird es immer mehr Standorte geben , bei denen man die Finanzierung nicht mehr ausgleichen kann.
Die Bürgermeister vor Ort haben es nicht leicht.
Oh ja. Meine Sorge ist daher auch, dass immer mehr Bürgermeister nach einer Amtsperiode sagen: „Ich habe die Schnauze voll, ich höre auf, weil ich absolut nichts gestalten kann. Das war schon bei der vergangenen Wahl in beunruhigendem Umfang der Fall. Potenzielle Bewerber fragen sich: Warum soll ich mir das antun? Wenn am Ende nicht mehr die Kompetentesten miteinander im Wettbewerb stehen – hat das massive Auswirkungen auf die Qualität der Arbeit vor Ort.
Können Sie sich vorstellen, dass wir in Bayern einmal Verhältnisse wie im Osten haben – Stichwort AfD?
Vielleicht nicht ganz. Aber die Zersplitterung wird weitergehen. Ich wünsche mir eine Fünf-Prozent-Hürde auf Gemeinde-Ebene, damit dieses unsägliche Kandidieren von Splittergruppen aufhört. In Krisensituationen muss man schnell entscheiden können. Mit dieser ewigen Beteiligungskultur kommen wir nicht weiter. Das bedeutet nicht, dass man nicht auf die Menschen hören soll. Aber dieses ständige Reinregieren von außen, bei dem nach einem Beschluss durch Bürgerentscheide wieder alles über den Haufen geworfen wird, ist problematisch.
Wie kann man die Demokratie stärken?
Demokratie funktioniert nur, wenn die unterste demokratische Ebene stark ist. Wenn die Menschen merken, dass die Gemeinde nicht mehr funktioniert, dass Veranstaltungen eingespart werden, die Turnhalle geschlossen wird, dann wird sich das auch auf Wahlergebnisse auf Landes- und Bundesebene niederschlagen, weil genau solche scheinbar banalen Dinge als Systemversagen empfunden werden. Das ruft dann die Kräfte auf den Plan, die behaupten, alles besser zu machen, ohne es beweisen zu müssen. Das macht mir Sorgen, weil wir diese Entwicklung irgendwann nicht mehr oder nur schwer rückgängig machen können.
Gibt es etwas, auf das Sie stolz sind?
Ich hatte immer Rückhalt, unabhängig davon, ob die Kollegen ein grünes, schwarzes oder rotes Parteibuch hatten. Diese Geschlossenheit auszubauen, denn das war nicht immer so, war eine Gemeinschafts-Leistung, auf die ich stolz bin. Ich bin auch glücklich darüber, dass es uns 2003 gelungen ist eine Groß-Demo in Berching zu organisieren. Mehr als 5000 Menschen sind unserem Aufruf gefolgt, viele Bürgermeister. Das hat der Landespolitik sicher nicht gefallen. Aber: Daraufhin wurde in Bayern die Konnexität („Wer bestellt, der zahlt“, Anm. d. Red.) eingeführt, an deren Ausgestaltung unser Verband maßgeblich beteiligt war.
Was haben Sie mit Ihrer freien Zeit vor?
Ich wäre gerne im Beratungsbereich tätig, und bin gespannt, welche Angebote da auf mich zukommen. Ich lege ungern die Füße hoch. Meinen zweiten Roman habe ich gerade abgeschlossen, am dritten schreibe ich aktuell. Die Verkaufserlöse werde ich spenden. Außerdem habe ich sehr spät angefangen, Klarinette und Saxofon zu spielen. Ich spiele aktuell in einer Jazzcombo, in der lauter Profis sitzen, die mich ordentlich fordern. Das ist gut. Ich lerne gerne von den Besten.