KI-generiertes "Rheingold" bei den Bayreuther Festspielen

Richard Wagner verstand Spaß und machte Spaß. Er soll ein drolliger Vater gewesen sein, der mit seinen Kindern auf dem Boden lag und Kasperletheater spielte. Die akustische Leibwindlyrik, die er mit dem Rülpsen und Furzen der zwei Basstuben und der Kontrabasstuba freisetzt, wenn sich der eitle Alberich, um vor Loge zu prahlen, im dritten Bild des „Rheingolds“ in einen „Riesenwurm“ verwandelt, hat den Humor von Fünfjährigen, die gerade gelernt haben, ihren Körper zu disziplinieren und die Disziplinlosigkeit als Mittel der Provokation zur Austestung von Grenzen einzusetzen.

Wahrscheinlich hätte Wagner auch seinen Spaß gehabt, jetzt bei den Bayreuther Festspielen zu solchen Klängen ein gezahntes Krokodilsmaul zu sehen, das Feuer speit. Und auch die blasenhäutigen Glubschaugenlurche, die auf den transparenten Projektionsleinwänden die Verwandlung Alberichs in eine Kröte bebildern, hätten dem Komponisten vermutlich Vergnügen bereitet. Bei der abschließenden Regenbogenbrücke, die durch die Lüfte den Göttern den Weg nach Walhall bereitet, wäre er vermutlich neidisch geworden: Die hätte er 1876 für sein technikbesessenes, immersives Überwältigungstheater unbedingt haben wollen. Immerhin hatte ihm Carl Brandt komplizierte Schwimmapparate konstruieren müssen, auf denen die drei Rheintöchter damals beim Singen Bewegungen zu imitieren hatten, als würden sie durchs Wasser gleiten.

Bayreuth, 1876: Lilli Lehmann, Marie Lehmann und Minna Lammert als Rheintöchter (Wellgunde/Woglinde/Floßhilde)
Bayreuth, 1876: Lilli Lehmann, Marie Lehmann und Minna Lammert als Rheintöchter (Wellgunde/Woglinde/Floßhilde)Ullstein

Wir sehen sie zu Beginn des aktuellen „Rheingolds“ in Bayreuth noch einmal: die Schwestern Lilli und Marie Lehmann als Woglinde und Wellgunde sowie Minna Lammert als Floßhilde, mit denen hier am 13. August 1876 der erste komplette „Ring des Nibelungen“ begann. Ob sie im zweiten Durchlauf des „Rings“ zu hundertfünfzig Jahren Bayreuther Festspiele noch zu sehen sein werden, dafür kann niemand seine Hand in Loges Flammenspur legen.

Die Bildfolge wird durch Künstliche Intelligenz generiert, wenngleich sie von Marcus Lobbes, Nils Corte, Roman Senkl und Phil Hagen Jungschlaeger kuratiert wurde. Jede Vorstellung werde anders aussehen, hieß es vorab. Zumindest kann man vom ersten Durchlauf berichten, dass Kröte, Wurm und Regenbogen einige Sinnanker in der Bilderflut auswerfen, durch die man sonst weitgehend ohne Ruder, Segel und Steuer zu treiben scheint.

Familientreffen der Lichtalben in Walhall, deutlich erkennbar: Klaus Florian Vogt als Loge mit Zackenflossen (Mitte rechts)
Familientreffen der Lichtalben in Walhall, deutlich erkennbar: Klaus Florian Vogt als Loge mit Zackenflossen (Mitte rechts)Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Hundertfünfzig Jahre „Ring“-Geschichte erscheinen als Schichtung einander überlagernder Traumströme von den romantischen Bühnenbildentwürfen des neunzehnten Jahrhunderts über den monumentalen Expressionismus eines Emil Preetorius, die berühmte „Wieland-Scheibe“ als Kosmosgeometrie Neu-Bayreuths nach 1951, die Laserstrahl-Architektur Hans Schavernochs 1988 oder die bunte Poesie von rosalie 1992 bis zum Luxusbungalow von Andrea Cozzi 2022. Nur warum welches Bild zum jeweiligen Zeitpunkt erscheint und was es mit der Handlung oder dem Text zu tun haben soll, das bleibt so schleierhaft wie die Projektionstextilien, die wohl Teil der Bühne von Wolf Gutjahr sind.

Die Singenden handeln nicht. Oder wenn doch, dann weil sie als lebenserfahrene Bühnenkünstler gar nicht anders können, weil ihnen das Mit-, Bei- und Zueinander in den Knochen steckt und Michael Volle als Wotan mit Klaus Florian Vogt als Loge, Gerhard Siegel als Mime und Jochen Schmeckenbecher als Alberich im Nibelheimbild ihr Singen als Handeln ausleben müssen.

Walhall als kubistisches Flammenmeer: Kulisse für Stehgesang
Walhall als kubistisches Flammenmeer: Kulisse für StehgesangBayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Die Kostümbildnerin Pia Maria Mackert hat zudem alle Figuren in fatal ähnliche Silberschuppenkostüme gesteckt. Sie trapsen herum wie frühkreidezeitliche Flug- oder Schwimmsaurier. Rechnen wir Peter Rose als Fafner und Mika Kares als Fasolt vielleicht der Art des Quetzalcoatlus und Alberich jener des Rhamphorhynchus zu. Nur der listige Loge schwirrt mit etwas größeren Randflossen herum als Zackenbarsch der Lüfte.

Unterscheiden kann man sie nur an ihren Stimmen: Volle mit seinem jovial-genießerischen Wotansbariton, Vogt mit einem quick-vergnügten Tenor als Loge, dem man den Spaß anhört, einmal nicht der Held vom Dienst sein zu müssen, sondern als Kobold brillieren zu dürfen. Anna Kissjudit fällt als warme, aber auch frustzermürbte Fricka auf; die traurige Zartheit von Evelin Novak als Freia verliert sich ein wenig im Halbdunkel.

Perlend prickelnde Rheintöchter

Ganz große Freude hat man an den drei Rheintöchtern mit Katharina Konradi, Natalia Skrycka und Marie Henriette Reinhold. Sie singen mit heiterster Eleganz und perlender Präzision. Christian Thielemann lässt dazu den Barkarolenrhythmus im Orchester so leicht und pointiert artikulieren, als wären wir in einer Operette von Oscar Straus oder Franz Lehár.

Mochte der „Ring“ unter der Leitung von Pietari Inkinen 2023 in Bayreuth architektonisch deutlicher gegliedert und auf klar durch die Harmonik definierte Höhepunkte zugesteuert gewesen sein, so beglückt Thielemanns Leistung als Dirigent schon im „Rheingold“-Vorspiel durch filigran ausgearbeitetes Linienwerk. Schon beim Festakt am vergangenen Samstag hatte Thielemann im Vorspiel zu Wagners „Meistersingern von Nürnberg“ demonstriert, dass ihn zackige Fanfaren und massiger Pomp nicht mehr allzu sehr interessieren und ihm der Reichtum der Mittelstimmen, der Lyrismus im Inneren viel wichtiger geworden sind.

Groß, geheimnisvoll und inwendig leuchtend gerät der Auftritt von Christa Mayer als Erda. Sie weiß bereits, „wie alles wird, wie alles sein wird“. Wir Normalsterbliche stehen vor diesem „Ring“, der überall „KI-Ring“ genannt wird, noch recht ratlos. Bislang hat der Code, der hier an die Stelle des Mythos tritt, viel gezeigt, aber wenig gesagt.