Behandlung gegen Krebs: „Mit Robotern operieren wir noch präziser“ – Wie Ärzte eine Speiseröhre rekonstruierten
Behandlung gegen Krebs „Mit Robotern operieren wir noch präziser“ – Wie Ärzte eine Speiseröhre rekonstruierten
Trier · Nach einer Krebserkrankung muss einem Mann aus der Region die Speiseröhre entfernt werden. Wie Trierer Ärzte sie mithilfe von Robotern rekonstruiert haben und wie er heute damit lebt.
02.09.2026 , 13:28 Uhr
Dieses Foto zeigt, wie Stefan Heinrich (links im Hintergrund), Chefarzt der Chirurgie 1 am Klinikum Mutterhaus, roboterassistiert eine Operation im Bauchraum eines Patienten durchführt. Es zeigt nicht die im Artikel thematisierte Speiseröhrenentfernung.
Foto: Klinikum Mutterhaus der Borromäerinnen.
Den Tumor entdecken die Ärzte eher zufällig. „Ich hatte überhaupt nichts gemerkt“, erinnert sich Albrecht Peters (der Name wurde zum Schutz seiner Person von der Redaktion geändert und ist dieser bekannt). Eigentlich war er Anfang des Jahres nur zu einer Routineuntersuchung zu seinem Hausarzt gegangen. Der aber stellt auffällige Blutwerte fest und veranlasst wegen Blut im Stuhl weitere Untersuchungen. Nach mehreren Terminen bei einem Internisten steht fest: In der Speiseröhre des 77-Jährigen sitzt ein Tumor.
Diagnose Speiseröhrenkrebs: Wie ein Patient wieder Hoffnung schöpft
„Man meint, die Welt klappt zusammen“, erinnert sich Peters an den Moment, als er die Diagnose Krebs erhält. „Dann kommen die existenziellen Fragen auf, die einen selbst, aber auch die Familie belasten. Wie geht es weiter? Wie kann man dir helfen?“
Der Mann aus der Großregion wird an das Klinikum Mutterhaus der Borromäerinnen überwiesen. Bei einem Termin vor Ort macht Prof. Dr. Stefan Heinrich – Chefarzt der Allgemein-, Viszeral- und Tumorchirurgie am Mutterhaus – Albrecht Peters und seiner Frau klar, dass eine Behandlung mit dem Ziel der Heilung (kurativ) möglich ist. „Als wir mit dem Arzt gesprochen haben, da hatte ich wieder Hoffnung“, sagt Peters.
Der Experte für Tumorchirurgie erklärt ihnen auch, wie genau die Behandlung vonstattengeht. Weil es sich um einen lokal fortgeschrittenen Tumor handelt – lokal fortgeschritten bedeutet, dass sich der Krebs über seinen Ursprungsort hinaus in die unmittelbare Umgebung ausgebreitet hat, aber noch keine Fernmetastasen gebildet hat – starten die Ärzte eine Vorbehandlung.
Mutterhaus Trier: Vollrobotischer Eingriff – Ärzte entfernen und rekonstruieren Speiseröhre
Im Fall von Peters handelt es sich um eine Bestrahlungs- und eine Chemotherapie. Danach folgt die roboterassistierte Operation, bei der dem Betroffenen ein Großteil der Speiseröhre entfernt und diese anschließend rekonstruiert wird. „Ich habe da mit einer Skizze gezeigt bekommen, was auf mich zukommt“, sagt Peters. Für seine Frau und ihn sei schnell klar gewesen: „Wir machen das.“
Kurze Zeit später beginnt der Mann aus der Großregion Trier die kombinierte Strahlen- und Chemotherapie, die ihn viel Kraft kostet. Sechs Wochen lang dauert die Behandlung, die Chefarzt Stefan Heinrich zufolge zwei Ziele verfolgt: den Tumor verkleinern und aus dem Tumor möglicherweise bereits herausgelöste Krebszellen behandeln.
Gleichzeitig wird der Patient mithilfe von Ernährungstherapie und körperlichem Training auf den Eingriff vorbereitet, um die Widerstandskraft für die Operation und die anschließende Genesung zu stärken.
So sieht die aus dem Teil des Magens rekonstruierte Speiseröhre aus, der sogenannte Schlauchmagen. Bei dem Schlauchmagen auf dem Foto handelt es sich nicht um jenen des im Artikel thematisierten Patienten.
Foto: Mutterhaus Trier
Am 10. Juni wird Albrecht Peters schließlich in einem roboterassistierten Eingriff der vom Tumor betroffene, überwiegende Teil der Speiseröhre entfernt. Anschließend wird eine „neue“ Speiseröhre rekonstruiert (Anmerkung der Redaktion: Die Speiseröhre sorgt für den Transport von Nahrung und Flüssigkeit vom Rachen in den Magen).
Dafür wird aus einem Teil des Magens ein schmaler Schlauch geformt, der nach oben gezogen und anschließend mit dem verbliebenen Abschnitt der Speiseröhre verbunden wird, erklärt Heinrich.
Vollrobotischer Eingriff: Roboter wird von Arzt gesteuert
Rund viereinhalb Stunden dauert der Eingriff, der dem Mediziner zufolge ohne Komplikationen verläuft. Eine kritische Stelle seien grundsätzlich die Nähte, mit denen der hochgezogene Magen mit der Speiseröhre verbunden wird. Werden diese undicht, könne es in den ersten Tagen nach dem Eingriff gefährlich werden. Bei seinem Patienten seien die Nähte jedoch problemlos geheilt. „Bei ihm lief es genau so, wie es sein sollte“, sagt Stefan Heinrich.
Die Operation ist vollständig robotergestützt erfolgt. Das bedeutet aber nicht etwa, dass der Roboter den Eingriff selbstständig durchführt, sondern vollständig vom Operateur gesteuert wird. „Wir haben das Gefühl, dass wir mit dem Roboter noch präziser operieren.“
Der Roboter ermögliche dem Operateur etwa eine vergrößerte Sicht und noch präzisere Bewegungen. Früher seien für diese Operation zwei große Schnitte am Bauch und am Brustkorb notwendig gewesen, das robotergestützte Verfahren komme hingegen mit kleineren Zugängen aus. Damit ist der Eingriff minimalinvasiv. Das bedeutet, dass Gewebe und Körper durch sehr kleine Schnitte geschont werden.
Bereits nach Vorbehandlung kein Tumor mehr nachweisbar
Albrecht Peters habe gut auf die Bestrahlungs- und Chemotherapie angesprochen. Im später untersuchten Operationspräparat habe nach der Vorbehandlung kein Tumor mehr nachgewiesen werden können.
Trotzdem sei die Operation wichtig gewesen, vor dem Eingriff habe sich nicht ausschließen lassen, dass sich noch einzelne Krebszellen im Körper befinden, so Heinrich. „Selbst wenn Sie nichts mehr sehen, heißt das nicht, dass noch fünf Stellen drinstecken.“
Prof. Dr. med. Stefan Heinrich ist Chefarzt der Allgemein-, Viszeral- und Tumorchirurgie sowie Leiter des Viszeralonkologischen Zentrums am Mutterhaus Trier.
Foto: Trierischer Volksfreund/Claire Herrmann
Die Wahrscheinlichkeit für eine Heilung durch die Behandlung ist nach Einschätzung des Arztes bei Albrecht Peters sehr hoch. Dennoch könne man nicht garantieren, „dass nie wieder was kommt.“ In der Medizin gelten Patienten je nach Tumorerkrankung meist nach fünf Jahren ohne Rückfall statistisch als geheilt, da die Wahrscheinlichkeit für ein Wiederauftreten danach stark sinkt.
Der Alltag mit rekonstruierter Speiseröhre
Bereits am Tag nach der Operation wird Albrecht Peters mobilisiert und über den Flur begleitet – oder „gejagt“, wie der 77-Jährige mit einem Schmunzeln auf den Lippen sagt. Glücklich sei er gewesen, dass „das schon so lief“. Rund eine Woche später kann er die Trierer Klinik verlassen.
Im Alltag muss sich der Rentner vor allem an die geänderte Nahrungsaufnahme gewöhnen. Sein Magen ist nach dem Eingriff deutlich kleiner, kann entsprechend weniger aufnehmen. Die Ärzte empfehlen daher statt drei normaler sechs bis acht kleinerer Mahlzeiten über den Tag verteilt. Zudem fehlt Peters am Übergang zur Speiseröhre der natürliche Verschluss, sodass er das Essen in aufrechter Position aufnehmen sollte, damit die Nahrung nicht „zurückläuft.“
Während der Bestrahlungs- und Chemotherapie hat der Mann aus der Region rund acht Kilogramm an Gewicht verloren. Mittlerweile zeigt die Waage 85 Kilogramm an. „Mein Problem ist, das Gewicht zu halten“, sagt er. Dabei habe er ausreichend Appetit, könne den ganzen Tag essen. „Ich muss mich bremsen.“
Anfängliche Verdauungsprobleme hätten sich mittlerweile normalisiert. Auch im Alltag ist er wieder mobil. Er sei im Garten aktiv, wenn auch mit einer gewissen Vorsicht. „Manchmal habe ich Angst, dass innen drin was ausgeht.“ Zu der Sorge gebe es medizinisch jedoch keinen Anlass, stellt Chefarzt Stefan Heinrich klar.
Betroffener über Behandlung in Trier: „Bin nie allein gelassen worden“
Speiseröhrenkrebs wird in Deutschland nur an ausgewählten Zentren operiert. Das Speiseröhrenkrebszentrum des Klinikums Mutterhaus der Borromäerinnen in Trier ist von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziert. Chirurgie, Strahlentherapie, Chemotherapie und Endoskopie arbeiten dort eng zusammen.
Die Zusammenarbeit der einzelnen Fachbereiche sei ihm wichtig hervorzuheben, sagt Albrecht Peters. Das Vorgehen im Krankenhaus habe er insgesamt als klar geplant, medizinisch auf dem neuesten Stand und menschlich sehr zugewandt empfunden, sagt der Mann, der nun eine rekonstruierte Speiseröhre hat, mit Tränen in den Augen. „Ich habe den Eindruck, ich bin nie allein gelassen worden.“
Anderen Betroffenen in der Region will er Mut zusprechen und die Sorge nehmen, bei einer solchen Diagnose in weit entfernte Zentren verwiesen zu werden. „Man muss nicht weit weg. Man hat im Mutterhaus eine optimale Betreuung.“
Mit Blick auf die Zukunft ist Albrecht Peters zuversichtlich. Eine absolute Sicherheit gebe es nicht. Die Behandlung nach dem neuesten Stand der Technik gebe ihm aber Hoffnung. „Man muss ja realistisch sein. Aber ich habe keine Angst.“
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