Beobachtungen beim City Hill Climb Salzburg | radsport-news.com
RSNplusUltrakurz-Rennen als Rettung des Straßenradsports?
Von Tom Mustroph in Salzburg

Eine Szene des City Hill Climbs | Foto: Peter Maurer
12.09.2026 | (rsn) - Die Glocken des Salzburger Doms läuten passend zur Siegerehrung des City Hill Climbs, einem innovativen Rennkonzept mitten im Zentrum der Mozartstadt. Herzstück ist der 900 Meter lange Aufstieg zur Festung Hohensalzburg. Dort wurde der erste Stein schon im Jahr 1077 bewegt. Wer jetzt hoch will und dabei auf das bequeme Fortbewegungsmittel der Seilbahn verzichtet, muss auf dieser kurzen Strecke 120 Höhenmeter mit einer Spitzensteigung von 32 % überwinden.
Keine kleine Herausforderung. Aber Gerhard Schönbacher, Ex-Teilnehmer von Tour de France und Vuelta a Espana und nach seiner aktiven Karriere unter anderem Rennveranstalter des Mountainbike-Etappenrennens Crocodile Trophy in Australien, war fasziniert von der Vorstellung, hier ein Radrennen zu veranstalten. "Ich war mit meiner Frau in Salzburg auf Urlaub. Am letzten Tag sind wir zur Festung raufgewandert? Als wir oben waren, habe ich zu meiner Frau gesagt: 'Ich glaube, ich mache hier ein Radrennen rauf.‘ Dann habe 24 Stunden überlegt, wie ich das machen könnte und schließlich mein ganzes Netzwerk aktiviert bis zum Bürgermeister von Salzburg“, erzählte Schönbacher RSN.
___STEADY_PAYWALL___
Salzburg ist vor allem für Kunst und Kultur, für die Komponisten-Ikone Mozart und die Salzburger Festspiele bekannt. Der Bürgermeister sagte aber zu Schönbacher: "Wir brauchen auch noch etwas anderes als Kultur und Kunst. Ein Radrennen könnte schon passen.“
99% Zustimmung
Der Vorschlag ging dann durch den Gemeinderat, 99 Stimmen dafür, eine dagegen. Die Stadt gab finanzielle Zuschüsse wie auch das Land. Ebenso sind Sponsoren an Bord. Seit 2021 gibt es nun schon den City Hill Climb, in den letzten Jahren auch mit Profi-Größen wie Felix Gall (Decathlon - CMA CGM). Der ist momentan allerdings bei der Vuelta a Espana beschäftigt.
Das Podium der Männer | Foto: Peter Maurer
Das Spektakel, das Gall in seiner Salzburger Heimat dieses Jahr verpasst, ist im Laufe der Zeit zu einem fast ganztägigen Ereignis ausgewachsen, jedenfalls wenn man Einschreiben und Trainingsrunden mitzählt. Denn in allen Altersklassen von der U9 bis zur Elite wird gestartet. Es gibt – je nach Größe der Starterfelder - Ausscheidungsrennen, Halbfinale und Finale.
Drei Stunden Unterhaltung
Für Zuschauer ein ziemlich attraktives Konzept. "Wenn ich das jetzt vergleiche mit den klassischen Straßenrennen, dann wartet man vielleicht eine Stunde im Ziel, bis entweder der Massensprint beginnt oder Einzelfahrer ins Ziel kommt. Dann aber ist das Rennen vorbei. Bei uns geht es aber drei Stunden oder mehr“, sagt Schönbacher.
Ein bisschen ist das Modell von den Pferderennen oder auch dem japanischen Keirin abgeschaut. Bis zu zehn Fahrerinnen oder Fahrer nehmen in kleinen Boxen Platz und warten dort auf das Signal, bis zur Startlinie vorzufahren.
Nach einer ersten Kurve weg vom Kapitelplatz geht es gleich relativ steil nach oben. Schon dort gibt es den ersten kleinen Wettkampf. Wer zuerst um die Kurve kommt, hat einen kleinen Vorteil. Positionierung und Pacing sind das A und O auch bei diesem Ultrakurzrennen über gut drei Minuten für die Männer und gut vier Minuten für die Frauen. "Bei der letzten 180-Grad-Kurve habe ich schon vorher gedacht, wenn man da als erster reinfährt, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass man gewinnt. Und so war's dann auch“, erzählte der Sieger des U17-Rennens, Mathieu Czaika, RSN. "Man muss sich aber auch noch genug Reserven aufsparen für den letzten Stich“, warnte Elitefahrerin Elisa Winter, im Profialltag beim britischen Konti-Team Smurfit Westrock Cycling unterwegs.
Beläge aller Art
Der Parcours ist nicht nur wegen der Steigung recht anspruchsvoll. Auch der Belag hat es an sich. Ist der Startbereich noch auf Asphalt, so beginnt kurz danach ein Kopfsteinpflasterabschnitt. Weiter oben wird es noch rauer mit rutschigem Schotterbelag. Und bei der Einfahrt in die dunklen Gewölbe der Burg geht es kurz über Beton. Die dortige Roßpforte ist für die Männer und Frauen allerdings auch ein Zeichen der Erlösung. "Da weiß man, das Härteste ist vorbei“, meinte Czaika.
Er wurde auf der Hohensalzburg sogar österreichischer Meister. "Eigentlich war ja geplant, dass die Meisterschaft erst nächste Woche stattfindet, bei einem anderen Rennen. Aber das wurde abgesagt“, erzählt Czaika. Und so wurde der City Hill Climb auch noch zur Rettung der Österreichischen Nachwuchsmeisterschaften. Schönbacher machte sein Rennen ganz unbürokratisch für die Titelkämpfe auf.
Das Podium der Frauen | Foto: Peter Maurer
Überhaupt hält er sein Konzept für sehr zukunftstüchtig. "Ich würde sehr gerne Straßenrennen organisieren, aber es ist fast unmöglich mit dem Verkehr. Auch die Kosten sind enorm für die Behörden und Sicherheit der Straße“, fasst der Ex-Profi die gegenwärtige Lage nicht nur in Österreich zusammen. Sein Ansatz ist daher ein anderer. "Ich glaube, die Zukunft wird bei Innenstadtrennen sein, in Städten, die autofrei sind. Die haben die Möglichkeit, solche Veranstaltungen zu organisieren.“
900 Meter und 5 Leute
Schönbacher optiert auch deshalb für Innenstädte, weil dort mehr Zuschauer zu erreichen sind. Und sind die Strecken kurz, wie etwa bei Kriterien, oder ganz kurz wie beim City Hill Climb, dann ist auch das Absperren kein großes Problem. "Das sind hier 900 Meter. Es behindert den Verkehr nicht, denn da oben wohnen fünf Leute. Die informieren wir jedes Jahr und laden sie ein ins Gästezelt. Die kommen mit zum Klatschen und zum Essen. Aber da haben wir eigentlich gar keine Probleme.“
Für Klassikermonomente wie Flandern-Rundfahrt oder Paris–Roubaix ist das Ultra-Kurzkonzept natürlich keine Alternative, gibt auch Schönbacher gegenüber RSN zu. "Aber wenn man neue Rennen organisieren will, wird man an kleinen Rundstreckenrennen nicht vorbeikommen“, prognostizierte er. Angesichts der jüngsten Probleme mit Hitze und Kälte, mit Autos, die auf die Strecke fahren und Radsportler zu Tod bringen, könnte das tatsächlich ein Lösungsansatz sein auch für viele andere Veranstalter.
Das Eliterennen der Männer in Salzburg bot noch einen echten Krimi. Bei der letzten Haarnadelkurve kurz vor dem Ziel stürzten plötzlich die beiden Führenden, der Tscheche Filip Lepka und der einheimische Maks Alfred Barret Maunz. Barret Maunz stand zuerst wieder auf, sah schon wie der sichere Sieger aus. Er stieg aber erst nach einigen Schritten auf sein Rad. Lepka hingegen war sofort im Rennsattel und fuhr kurz vor der Ziellinie noch an seinem Konkurrenten vorbei. "Es war purer Instinkt, dass ich gleich aufs Rad gestiegen bin. Ich hatte eigentlich gedacht, dass es für mich schon vorbei ist“, sagte der Sieger zu RSN.
Und beim Anschauen der Bilder auf dem Videoscreen meinte er: "Ich wollte nicht unsportlich gewinnen. Es tut mir leid, dass der Kontakt da war. Aber ich konnte es nicht verhindern.“ Der Rennkommissär hatte nichts einzuwenden. Und so wurde Lepka, Konti-Fahrer beim Rennstall Schwingshandl Intralogistics, unter den Klängen einer Blaskapelle zum Sieger gekürt. Es war ein dramatisches Finale, letztlich der passende Abschluss für ein ganz besonderes Rennformat.