Berlin Art Week 2026: Kunst zwischen Malerei und Menetekel
Die vergangene Woche begann an verschiedenen Ecken der Stadt Berlin mit Stoßseufzern: In den Parteizentralen der CDU und der SPD, beide in der Nähe des Landwehrkanals gelegen, raufte man sich die Haare über das Wahlergebnis. Genau in der Mitte der Strecke zwischen beiden Parteizentralen standen die ersten Neugierigen vor der Neuen Nationalgalerie und schnauften angesichts der Unmengen von Kunst, die sie vom 9. bis zum 13. September in gut hundert Museen, Galerien und Kunst-Spaces würden besichtigen müssen, die sich zur „Berlin Art Week“ zusammengetan haben und wieder einmal beweisen, dass die Hauptstadt eine Kunstszene hat, die trotz aller rituellen Unkenrufe lebendiger und stabiler wirkt als ihre Parteienlandschaft.

Wie ein böses politisches Menetekel wirkt das, was der italienische Künstler Maurizio Cattelan zum Auftakt der Art Week in der Neuen Nationalgalerie arrangiert hat: Auf dem Dach sitzt eine Oskar-Matzerath-Figur aus Günter Grass’ Roman „Die Blechtrommel“ und trommelt, in der gläsernen Halle sieht man Cattelans berühmten knienden Mini-Hitler und andere seiner bekannten, mal klugen, mal etwas anstrengend one-liner-haften Desaster-Skulpturen.
Ein paar Schritte weiter darf das Publikum erstmals in den noch unfertigen Museumsneubau „Berlin Modern“ eintreten und dort eine sehenswerte Schau mit Filmen des Künstlers Gordon Matta-Clark besichtigen, der 1975 sein berühmtes „Conical Intersect“, eine skulpturale Öffnung in Außenwand und Decken eines Abrisshauses in der Nähe des im Bau befindlichen Centre Pompidou, sägte und hämmerte. Das Video dieser Verwandlung eines Hauses in eine offene, poröse, selbst denkgebäudehafte Großskulptur läuft nun wie ein feiner ironischer Kommentar zum hermetischen Betonbau des neuen Berliner Museumstankers an dessen geschlossenen Wandfronten.
Wer Kunst nicht diskutieren, sondern kaufen will, findet 96 Galerien aus zwanzig Ländern bei der „Positions Art Fair“ im Flughafen Tempelhof. Der Schwerpunkt liegt dieses Mal auf Kunst aus der Türkei. Die Galerie Anna Laudel aus Istanbul etwa zeigt Ardan Özmenoglu, bekannt für mit Siebdrucken und Mikromalereien überzogene Post-Its.
Wiederentdeckungen und Mikrobeobachtungen
Auch die ortansässigen Galerien sind bei der Art Week am Start; was auffällt, ist das Interesse an Malerei. Sehenswert ist Haverkampf Leistenschneider, wo die Künstlerin Janice Biala gezeigt wird, die aus Polen nach New York auswanderte und nach dem Zweiten Weltkrieg fast abstrakt-farbfeldhafte Raumkompositionen in morandihaft pastellig-gedämpften Farben malte, in denen wie erstaunte Besucher aus der Welt der Figuration Tassen, Äpfel und Artischocken sowie manchmal auch Menschen auftauchen.

Biala ist eine der spannenden Wiederentdeckungen dieser Art Week (Preise zwischen 18.000 und 50.000 Euro). Sie übt einen großen Einfluss auf die ebenfalls bei Haverkamp gezeigte 1986 geborene Aubrey Levinthal aus, die oft komplex gespiegelte Interieurwelten malt, die man als Psychogramme von Gemütszuständen und Atmosphären lesen kann. Levinthal ist eine Meisterin der Mikrobeobachtung: Ein Bild zeigt mit einer fast neurotischen, großartigen Detailgenauigkeit das Spiegelbild der Malerin in einer Badewanne, auf dem Wannenrand liegt ein Haargummi, in dem beim Auflösen des Zopfes ein paar Haare hängen blieben; in einem anderen, halblichtigen Raum sticht die weiße Ladehülle von Earpods fast schmerzhaft als Eindringling der Digitalkultur ins diffuse Innere heraus. So macht Levinthal in ihrer Malerei eine schwer fassbare Gegenwartsstimmung des Innenlebens in der Digitalmoderne greif- und sichtbar.
Ebenfalls eine Wiederentdeckung hat Sprüth Magers im Programm – neben einer großen Walter-Dahn-Schau ist dort Salvo zu sehen, ein Turiner Maler, der in den Siebziger- und Achtzigerjahren in ihrer Lichtregie zauberhafte Bilder der teils bühnenbildhaft leeren, teils von wilden Gestalten bevölkerten italienischen Stadträume malte, in denen Einflüsse von René Magritte und Giorgio de Chirico einen unverwechselbaren Stil ergeben (für eine nächtliche Straßenszene im Historienbildformat werden 685.000 Euro aufgerufen).
Kunstvoll überlagerte Bilder der Stadt
Bei Trautwein Herleth zeigt Kate Mosher Hall kunstvoll überlagerte, im Duktus malerische Werke, für die sie Nachtaufnahmen von Los Angeles fragmentierte und auf die Leinwand druckte: Manche Bauten wiederholen sich, andere tauchen aus dem Dunkel auf, andere scheinen zu verblassen, weil die Leinwand dort abgeschabt wirkt – so schafft es Hall, das Überwältigende, Flirrende, von den endlosen Geschichten und den Schicksalen hinter den Leuchtpunkten Befeuerte, mysteriös Unscharfe, Palimpsestuöse, Funkelnde des Anblicks einer Metropole bei Nacht in einer Komplexität darzustellen, wie es eine einfache Nachtaufnahme nie könnte. Ein fast abstraktes Bild spielt mit den Rastern der Lagerhäuser und Rechenzentren, den Infrastrukturen, die die Stadt des Digitalzeitalters am Laufen halten (6500 bis 42.000 Euro).

Und jenseits der Malerei? Bei Wentrup ist eine Op-Art-hafte, aus gefalteten Schallplatten errichtete, schwarz schimmernde Bar des Künstlers Gregor Hildebrandt zu sehen, vor der sich am Eröffnungsabend die Mengen zur Musik von Lebanon Hanover drängen. Das Fenster der Galerie ist ein Hildebrandt-typisch aus VHS-Bändern hergestelltes, mit heftigen malerischen Gesten bearbeitetes Werk, von dem in einem Waxing-Verfahren weitere Tafelbilder wie Echo-Nachbilder des Bildträgers VHS abgenommen wurden: Zwei bildgebende Verfahren, das gestisch-künstlerische und das technische, überlagern sich.
Bei Neu zeigt Jeremy Shaw eine der wenigen Arbeiten, die die Digitalmoderne reflektieren; eine ausgediente Orgel wird mit Uraniumlicht zu einem düster blinkenden, wie eine ausgebrochene KI tönenden Tech-Monster umgebaut.
Wer lieber alte als neue Kunst sieht oder die Reaktion beider aufeinander erleben will, kann – wenn er Glück hat und für die bis Ende September eigentlich schon ausverkaufte Schau ein Ticket bekommt – in der italienischen Botschaft das vor einigen Jahren in einer Privatsammlung aufgetauchte, Caravaggio zugeschriebene Gemälde der „Maria Magdalena in Ekstase“ sehen und Berlinde de Bruyckeres rätselhafte Reaktion darauf: eine lebensgroße, dementorenhafte, in archaisches Tierfell eingehüllte liegende Frauenfigur. Was in seiner dunklen Fantasyhaftigkeit vielleicht auch ein ganz gutes Bild für einen schwer zu fassenden Geist der Gegenwart ist.
Berlin Art Week, bis 13. September, Ausstellungen darüber hinaus
Positions Berlin Art Fair, Flughafen Tempelhof, bis 13. September, Eintritt 25 Euro