Der große Kampf der Kleinen

Berlin-Wahl 2026

Der große Kampf der Kleinen

Wahlplakate unterschiedlicher Parteien in Berlin. (Quelle: picture alliance/dpa | Christoph Soeder)
Wahlplakate unterschiedlicher Parteien in Berlin. (Quelle: picture alliance/dpa | Christoph Soeder)

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Pauline Pieper

Etwa 50 Personen demonstrieren vorm Lotto-Laden in der Novalisstraße in Mitte. Dem beliebten Kiez-Geschäft droht das Aus, weil ein neuer Hauseigentümer die Miete erhöht hat. Mitten im Wahlkampf ist auch FDP-Politikerin Maren Jasper-Winter zur Demo gekommen. Sie will die Mieterin des Lotto-Ladens unterstützen und auf ihre Themen aufmerksam machen: "Wäre sie Eigentümerin, hätte sie das Problem nicht", sagt Jasper-Winter. Ihre Lösung gegen Verdrängung und Mietwucher: Die Menschen sollen selbst Wohneigentum erwerben – durch Mietkaufmodelle und den Erlass der Grunderwerbssteuer. "Dann könnten wir dafür sorgen, dass viel mehr Menschen sich mit Eigentum absichern", sagt Jasper-Winter.

Doch die FDP hat offenbar Mühe, mit ihren Themen durchzudringen. Im letzten BerlinTrend landet sie unter drei Prozent und wird nicht mehr einzeln ausgewiesen, sondern mit den anderen kleinen Parteien unter "Andere" zusammengefasst. FDP-Politikerin Jasper-Winter will sich davon nicht beeindrucken lassen.

"Das heißt gar nichts", sagt Jasper-Winter, die hinter FDP-Spitzenkandidat Christoph Meyer auf dem zweiten Platz der Landesliste steht. Andere Umfragen würden der FDP mehr Stimmen zuschreiben. Die Prozentzahl zähle nicht für sie. "Ich mache das hier aus Überzeugung", sagt Jasper-Winter. Für den Wahlkampf habe sie gerade einen vierwöchigen unbezahlten Urlaub genommen.

Kleine Parteien beklagen fehlende Sichtbarkeit

Der Spitzenkandidat der Tierschutzpartei, Nico Poschinski, hadert dagegen mit der Zusammenfassung unter "Andere" in den Umfragen: "Wir blicken ein bisschen traurig darauf, dass wir in den Wahlumfragen nicht mit einem eigenen Balken ausgewiesen werden", so Poschinski. Das mache den Wahlkampf deutlich schwerer und sorge für weniger mediale Aufmerksamkeit.

Nicht nur in Umfragen auch bei Veranstaltungen zur Wahl sieht die Spitzenkandidatin von Volt, Anna Auerbach, kleine Parteien im Nachteil: "Wir würden uns wünschen, dass wir von vornherein auf allen Panels mitsitzen, dass die Menschen eine echte Informationsfreiheit haben". So könnten die Wählerinnen und Wähler alle Parteien kennenlernen und anschließend entscheiden, wen sie wählen.

"Das System ist ungerecht gegenüber kleinen Parteien", sagt auch Niki Drakos, die für Die Urbane – Eine HipHop Partei ins Abgeordnetenhaus einziehen möchte. Durch die Zusammenfassung in den Umfragen unter "Andere" würden die kleinen Parteien unsichtbar gemacht. Ihre Partei habe zudem weniger Mitglieder und Mittel als die großen Parteien. "Wir sind komplett ehrenamtlich unterwegs", so Drakos. Das bedeute, dass man neben dem Job noch die Zeit und Energie für den Wahlkampf aufbringen müsse.

Politikwissenschaftler sieht besondere Herausforderungen bei Berlin-Wahl

Die diesjährige Berlin-Wahl stellt die kleinen Parteien vor eine besondere Herausforderung, sagt Politikwissenschaftler Carsten Koschmieder. Das Rennen in Berlin sei völlig offen. "Dann fokussiert sich die Berichterstattung, aber auch das Interesse der Wählerinnen auf dieses Rennen an der Spitze", so Koschmieder. Zuletzt wechselten sich Linke und CDU auf dem ersten Platz ab, insgesamt liegen die großen Parteien nur wenige Prozentpunkte auseinander. Wieder einen eigenen Balken hat im letzten BerlinTrend das BSW – die Partei liegt mit vier Prozent knapp unter der Fünf-Prozent-Hürde.

Für die kleinen Parteien ist aber nicht nur diese Schwelle wichtig, betont Koschmieder. Erhalten sie mindestens ein Prozent der Stimmen, werden sie an der staatlichen Parteienfinanzierung beteiligt. Das kann die Parteien wiederum stärken für kommende Wahlkämpfe. "Es ist natürlich auch eine Form von Anerkennung für die Leute, die da Arbeit machen", sagt Koschmieder. So könne es sich durchaus lohnen, eine kleine Partei zu unterstützen, wenn einem deren Themen wichtig seien.

Viele Menschen würden denken, sie verschenken ihre Stimme, wenn sie eine kleine Partei ohne Chance auf Einzug ins Abgeordnetenhaus wählen. Das sei aber eine unberechtigte Sorge. "Kleine Parteien sind ein inhaltliches Korrektiv", sagt Koschmieder. Wenn etwa die Tierschutzpartei Zulauf erhalte, sei das ein Hinweis an die Grünen, dass sie ein bestimmtes Thema vielleicht vernachlässigt haben. In einer Demokratie, so Koschmieder, haben auch kleine Parteien, die nicht ins Parlament kommen, wichtige Funktionen.

Mit Material von Laurence Thio.

Sendung: rbb24 Abendschau, 04.09.2026, 19:30 Uhr

Video: rbb24 Abendschau, 04.09.2026, Laurence Thio

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