Welche Koalitionen nach der Berlin-Wahl wahrscheinlich sind
Analyse Vierkampf in Umfragen
Welche Koalitionen nach der Berlin-Wahl wahrscheinlich sind
- In Umfragen liegen Linke, CDU, AfD und Grüne eng beieinander an der Spitze
- Bisherige Koalition aus CDU und SPD hat schon seit 2024 keine Mehrheit mehr
- Koalitionen von Linken, SPD und Grünen oder von CDU, Grünen und SPD sind Stand jetzt am wahrscheinlichsten
Der Berliner Wahlkampf hat zurzeit viel von einem Auffahrunfall im dichten Feierabendverkehr: Von Lackkratzer bis Totalschaden ist alles dabei, und viele Beteiligte gehen mindestens mit Schleudertrauma nach Hause – ein paar sogar mit deutlich schlimmeren Blessuren.
Die CDU musste ihren Spitzenkandidaten austauschen, die Linke leistet sich eine hausgemachte Antisemitismus-Debatte, und der Hoffnungsträger der ohnehin schwer gebeutelten SPD hat auf die letzten Meter mit staatsanwaltlichen Ermittlungen in seiner alten Heimat zu kämpfen.
In den Umfragen zeichnet sich derweil ein Vierkampf um die Spitze ab, bei der sich allzu forsche Prognosen eigentlich verbieten: Lag die CDU noch bis Juli im BerlinTrend von Infratest Dimap auf Platz 1, schob sich dann die Linke nach vorn, nur um im September wieder von der CDU überholt zu werden. Nun, gut eine Woche vor der Wahl, steht wieder die Linke vorn.
Offenes Rennen um den Spitzenplatz
Die AfD wiederum konnte im Laufe des Jahres immer weiter zulegen und macht den Grünen Platz 3 streitig - mindestens. Doch weil Platz 1 und Platz 4 gerade einmal fünf Prozentpunkte trennen, ist das Rennen offen.
Allerdings nicht für die SPD, deren Trend auf ein Desaster von historischem Ausmaß hindeutet. Unterdessen hat das BSW noch in keiner Umfrage in diesem Jahr eine Fünf vor dem Prozentzeichen gesehen.
So spannend und unvorhersehbar war eine Berlin-Wahl jedenfalls schon seit Generationen nicht mehr. Dass die derzeitige Zweier-Koalition aus CDU und SPD weitermachen kann, gilt längst als ausgeschlossen: Die nötige Mehrheit dafür ist laut Umfragen schon seit 2024 weg. Was die Frage aufwirft: Welche Konstellationen wären - auf Grundlage des aktuellen BerlinTrends - nach dem 20. September überhaupt möglich?
Eralp und die Neuköllner Rebellen
Gewinnt die Linke die Wahl, bleiben ihr im aktuellen politischen Klima nur Grüne und SPD zur Auswahl. Eine Zusammenarbeit mit der CDU, wie es sie in Thüringen bereits gibt, ist in Berlin undenkbar: Die Christdemokraten haben ihren ganzen Wahlkampf als Verteidigung Berlins gegen die Linkspartei inszeniert, der sie vorwerfen, "von Antisemiten und Extremisten unterwandert" zu sein.
Ein Stigma, das Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp trotz großer Bemühungen nicht loswerden konnte. Auch, weil der Neuköllner Kreisverband immer wieder mit israelfeindlichen Parolen Schlagzeilen macht, etwa beim umstrittenen Auftritt des Rappers Dahabflex. Die Neuköllner Linken-Kandidatin Vanessa Emde rief zuletzt sogar dazu auf, "lieber richtig in die Opposition als falsch in die Regierung" zu gehen. Äußerungen, die auch bei Grünen und SPD einmal mehr Zweifel an der Regierungswilligkeit der Linken wecken.
Trotzdem ist ein rot-grün-rotes Bündnis die präferierte Option von Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf. Er wolle "die CDU in die Opposition schicken", so Graf bei der letzten Parlamentssitzung vor der Wahl. Der studierte Politikmanager rechnet möglicherweise auch schon damit, dass in einer solchen Konstellation die SPD als radikal geschrumpfter Junior-Junior-Partner deutlich kompromissbereiter sein könnte als bei der letzten R2G-Regierung, in der es vor allem zwischen SPD und Grünen jede Menge böses Blut gab.
Beim großen Thema Vergesellschaftung sind sich Linke und Grüne jedenfalls einig, während SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach, der größte Kritiker der Vergesellschaftung, nach der Wahl möglicherweise keine Rolle mehr in seiner Partei spielen könnte.
Werner Grafs Weg ins Rote Rathaus
Sollten die Grünen jedoch auf Platz 2 landen - hinter den Linken, aber vor der CDU - und vielleicht sogar ihren Bestwert (18,9 Prozent von 2021) übertreffen, könnte sich die Sache anders gestalten. Dann nämlich wäre eine Koalition mit CDU und SPD möglich - unter grüner Führung.
Die Aussicht, Berlin zu regieren, könnte selbst für die eher linken Grünen in der Bundeshauptstadt so reizvoll sein, dass sie die zurückliegenden drei Jahre christdemokratischer Verkehrspolitik vielleicht vergeben würden. Wobei genug Themen übrig blieben, über die "Kenia" scheitern könnte – etwa die Bebauung des Tempelhofer Feldes oder die Vollendung der A100.
Deutlich wahrscheinlicher ist die "Kenia-Koalition" allerdings, wenn die CDU die Wahl gewinnt. Für Stefan Evers ist sie ohnehin die einzige Machtoption – und zumindest polit-atmosphärisch könnte sie deutlich stabiler sein, weil alle drei Partner ihre jeweilige Nische besetzen und sich profilieren könnten, von bürgerlich bis progressiv. Nur das Verkehrsressort, mit seinen Radwegen und Autostraßen, sollte man vermutlich der SPD geben – als neutralem Vermittler.
King ohne Land
Bleibt noch der BSW-Faktor: Sollte die Wagenknecht-Partei doch den Sprung ins Abgeordnetenhaus schaffen, würde das die Koalitionsarithmetik nicht grundsätzlich durcheinanderbringen. Verhältnisse wie zuletzt in Sachsen-Anhalt gäbe es jedenfalls nicht. BSW-Spitzenkandidat Alexander King könnte nicht zum "Königsmacher" werden, denn das BSW würde zur Regierungsbildung nicht gebraucht.
Allerdings würde die Partei schon mit fünf Prozent Stimmenanteil die Mehrheiten möglicher Koalitionen schmälern. Sprich: Die jeweiligen Koalitionen könnten sich weniger Abweichler leisten – bei besonders kritischen Abstimmungen ein höheres Risiko. Etwa gleich die allererste: Die Wahl des Regierenden Bürgermeisters oder der Regierenden Bürgermeisterin. Das Drama um Kai Wegners drei Wahlgänge im April 2023 und den anschließenden Verdacht, die AfD habe ihm ins Amt geholfen, dürften wohl nicht vergessen sein.
Wie realistisch diese Rechenspielchen sind, wird man erst am Abend des 20. September wissen. Denn die Umfragen der verschiedenen Institute unterscheiden sich zum Teil erheblich. Zumindest eines kann man mit absoluter Sicherheit sagen: Berlin kann vieles nicht, aber spannende Wahlen kann die Stadt besser als die meisten.
Sendung: rbb24 Inforadio, 11.09.2026, 09:10 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 11.09.2026, Sabine Müller
Mehr bei rbb|24