"Besserer Job" oder mehr Leistung? So kam Verstappens Polerunde zustande
(Motorsport-Total.com) - Es kann viel passieren auf dem Weg zum Ziel - und die Hätte, Wäre, Wenn und Abers nagen umso hartnäckiger, wenn der Abstand zwischen Poleposition und Platz zwei in Tausendstelsekunden gemessen wird.

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Stehen am Sonntag in der ersten Reihe: Charles Leclerc und Max Verstappen Zoom
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"Ich glaube, es gab heute das Potenzial, auf Pole zu stehen, aber Max hat einfach den besseren Job gemacht", sagt Charles Leclerc, nachdem er im Qualifying zum Großen Preis von Singapur um 0,054 Sekunden an Max Verstappen gescheitert war.
Ferraris Teamkollege Lewis Hamilton, der die ersten beiden Qualifying-Abschnitte angeführt hatte, lag weitere 0,069 Sekunden zurück, nachdem er eine Set-up-Änderung vorgenommen hatte, die seinen SF-26 gefühlt verschlechterte.
Leclerc gab zu, "einige Fehler" gemacht zu haben, was sich auch am unruhigen Verlauf seiner Zeiten durch das Qualifying ablesen ließ. Nur in Q1 fuhr er eine schnellere Runde als Verstappen - und das erst beim zweiten Versuch.
Max absolvierte in dieser Session nur eine einzige schnelle Runde, und die saß. Charles legte nach für einen dritten Versuch, aber der war so unsauber, dass er ihn spät abbrach.
Verstappens Zuwächse durch das Qualifying verliefen linearer. Das deutet auf einen Fahrer hin, der nicht nur an Selbstvertrauen gewann (nachdem es vor dem Sprint-Geschehen nur ein einziges Freies Training gab), sondern auch die Streckenentwicklung richtig einschätzte.
Bei Hamilton lief es umgekehrt: Nachdem er in Q1 und Q2 jeweils der Schnellste war, hatte er das Gefühl, dass noch mehr im Auto stecke, und stellte den Frontflügel etwas steiler.
Lewis griff der Streckenentwicklung etwas zu weit vor, was sein Auto zu sehr auf die Vorderachse verlagerte. Die Folge: Zeitverlust durch Übersteuern in den ersten Kurven und erneut in der Schikane am Ende der Runde.
Dennoch zeigt der Vergleich von Leclercs schnellster Q3-Runde mit der von Verstappen einen klaren Trend: Red Bull verfügte auf jeder Geraden über eine höhere Endgeschwindigkeit. Das könnte zu dem Schluss verleiten, dass Max über mehr Leistung verfügte - schließlich gilt der Verbrennungsmotor von Red Bull/Ford als der stärkste in der F1 - oder mit weniger Abtrieb unterwegs war.
Es ist schwer, das abschließend zu beurteilen - angesichts der bekannten Stärken des Ferrari in langsamen Kurven und seiner Turbo-Konfiguration mit kleinem Kompressor, die einen besseren Antritt aus diesen Ecken begünstigt.
Was die Telemetrie sagt
Was wir aus den Daten ersehen können: Max eröffnete seine Runde mit einem kleinen Topspeed-Vorteil im Bereich von 6 km/h, musste aber für Kurve 1 früher vom Gas gehen und bremsen.
Indem er mehr Speed mit an den Scheitelpunkt nahm, fuhr Leclerc bis Kurve 2 einen Vorsprung von einer Zehntelsekunde heraus, der bis zum Ausgang von Kurve 3 auf zwei Zehntel anwuchs. Die Onboard-Aufnahmen zeigen, dass er das Vertrauen hatte, beim Einlenken deutlich aggressiver zu Werke zu gehen.
Aber trotz ähnlicher Gaspedal-Verläufe war der Red Bull auf der anschließenden Fahrt bis Kurve 5 um bis zu 18 km/h schneller. Dort hatte Leclerc erneut das Selbstvertrauen, sich später in die Kurve zu werfen und länger auf dem Gas zu bleiben. Das bremste den Zeitverlust ein, aber Verstappen hatte erneut einen Geschwindigkeitsvorteil auf der Geraden - wenn auch diesmal kleiner, im Bereich von 4 km/h. Das liegt durchaus im Streubereich von weniger Abtrieb oder Luftwiderstand.

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Der Telemetrievergleich Leclerc (rot) & Verstappen (blau) in Singapur Zoom
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Hatte der Red Bull sein elektrisches Pulver früher in der Runde verschossen? Dieser Schluss liegt nahe, da Verstappen vor der Anfahrt auf Kurve 7 viel früher vom Gas ging, was auf mehr "Lift and Coast" hindeutet, als der Ferrari benötigte.
Von dort an kristallisierte sich durch die Kurven 8, 9 und 10 ein Muster heraus: Leclerc war in den Kurven deutlich schneller, aber Verstappen holte sich diese Gewinne auf den Geraden wieder zurück.
Detailbetrachtung der Geschwindigkeitsspuren zeigt, dass Max seine Kurveneingangsgeschwindigkeit leicht opferte, um am Ausgang aggressiver ans Gas gehen zu können. So konnte er das Auto herausbeschleunigen, ohne am Ausgang zu nah an die Mauern zu geraten.
Ein Blick auf die Onboard-Kamera bestätigt das: Er hatte das Auto viel früher gerade ausgerichtet, was ihm erlaubte, sich bereits in der Beschleunigungsphase zu befinden, während der Ferrari noch auf seine minimale Kurvengeschwindigkeit verlangsamte.
Entscheidung in der letzten Schikane
In Kurve 13, dem leichten Linksknick vor der Anderson-Brücke, hatte Verstappen seinen einzigen unsauberen Moment der Runde: Er musste Gegenlenken, als das Heck ausbrach, was ihn weit neben den Scheitelpunkt trug. Aber wie eine Katze, die auf allen vier Pfoten landet, brachte er das Auto erneut früher gerade und war in Richtung Kurve 14 und dem Ende des Sektors schneller.
Auch in Kurve 14 ging Leclerc später vom Gas und nahm mehr Speed mit. Verstappen profitierte anschließend von einer geringfügig besseren Beschleunigung aus der Kurve heraus, aber der Abstand zwischen den beiden pendelte zu diesem Zeitpunkt um eine Zehntelsekunde zugunsten von Leclerc.
Selbst mit dem mittlerweile minimalen Geschwindigkeitsvorteil des Red Bull auf der Gegengeraden lag Leclerc beim Anfahren der Rechts-Links-Schikane der Kurven 16 und 17 immer noch hauchdünn vorne - er ging weniger scharf vom Gas und nahm am ersten Scheitelpunkt etwas mehr Randstein mit.
Doch zwischen den Kurven wollte Leclerc dann etwas zu viel: Er hielt das Gaspedal halb durchgedrückt, während Verstappen fast vollständig vom Gas ging, was im Ferrari ein kurzes Untersteuern auslöste.
Das bescherte Verstappen wieder einen besseren Ausfahrtswinkel und eine freiere Bahn zum Vollgasgeben. Winzige Nuancen, aber sie drehten das Delta der Rundenzeit zu seinen Gunsten - und diesen Vorteil hielt er bis zur Ziellinie.
"Ich glaube, wir hatten das ganze Wochenende über schon ein starkes Auto", sagt Verstappen im Anschluss. "Ich wusste also, dass es ein enges Duell werden würde, und ich denke, das konnte man über das gesamte Qualifying hinweg sehen. Das Auto war das ganze Wochenende über im richtigen Fenster, es ging also eher um Feintuning und das Anpassen winziger Kleinigkeiten."
Was immer deutlicher wird: Red Bull hat den RB21 endlich an einen Punkt gebracht, an dem Verstappen damit arbeiten kann. Einige der Schwächen sind nach wie vor vorhanden, aber Fortschritte an anderen Stellen haben die Auswirkungen abgemildert.
Er hat zwar beispielsweise nicht die Performance des Ferrari in langsamen Kurven oder den theoretischen Bums aus dem Drehzahlkeller, aber seine Stabilität und Traktion am Kurvenausgang machen das wett.
Und mit Max Verstappen hat Red Bull einen meisterhaften Straßenkämpfer in den eigenen Reihen, der absolut in der Lage ist, jeden noch so kleinen Vorteil aufzuspüren und gnadenlos zu nutzen.