1860-Fanansturm, Pyrotechnik, Liga-Neuordnung – BFV-Präsident Kern im exklusiven Interview

BFV-Präsident Kern exklusiv: „1860 ist für uns ein Sechser im Lotto“

Stand: 22.07.2026, 13:45 Uhr

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BFV-Präsident Christoph Kern spricht im exklusiven Interview über die Rolle der Löwen in der Regionalliga Bayern und eine mögliche Liga-Reform.

München – Der TSV 1860 ist wieder im bayerischen Amateurfußball angekommen. An diesem Donnerstag startet die Regionalliga Bayern in ihre neue Saison – und plötzlich steht eine Spielklasse im Rampenlicht, der manch einer zuletzt bundesweit sogar die Existenzberechtigung absprechen wollte. BFV-Präsident Dr. Christoph Kern (43) spricht im großen Interview mit Absolut Sechzig über das „lachende und weinende Auge“, volle Stadien, die Zulassung der Löwen, seine Nulltoleranz bei Pyrotechnik und eine mögliche Neuordnung des deutschen Ligensystems.

Herr Dr. Kern, Hand aufs Herz: Als feststand, dass der TSV 1860 künftig Regionalliga spielt – haben Sie sich gefreut oder innerlich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen?

Teils, teils. So ehrlich muss man sein. Ich sehe das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Das weinende Auge, weil wir mit 1860 einen Traditionsverein im Profibereich verloren haben, der eigentlich mindestens in die 3. Liga gehört – das schmerzt genauso wie der Schweinfurter Abstieg. Das lachende, weil wir jetzt noch deutlicher zeigen können, welche Attraktivität unsere Regionalliga besitzt.

Auf dem Land statt in den großen Stadien: 1860 München spielt in dieser Saison in der Regionalliga.

Auf dem Land statt in den großen Stadien: 1860 München spielt in dieser Saison in der Regionalliga. © IMAGO/Ulrich Wagner

Ist 1860 für die Liga ein Glücksfall?

Natürlich. Die Löwen sind für unsere Regionalliga so etwas wie ein Sechser im Lotto. Sie bringen zusätzlich mediale Aufmerksamkeit, Zuschauer und Emotionen. Das zahlt auf die gesamte Liga ein.

Welche Bedeutung hat ein Traditionsverein wie 1860 für den BFV?

Eine enorme. Alle unsere Clubs begeistern Menschen für den Fußball. Kinder kommen durch Vorbilder oder ihre Familien in die Vereine. Traditionsvereine wie der TSV 1860 verschaffen dem Amateurfußball Aufmerksamkeit – und davon profitieren letztlich alle.

Viele Regionalligisten sprechen ebenfalls von einem Sechser im Lotto. Statt 500 Zuschauern könnten gegen 1860 plötzlich 5000 oder mehr kommen. Überwiegt Freude oder Stress?

Beides. Die Vereine freuen sich riesig auf dieses Spiel. Gleichzeitig bringt es organisatorische Herausforderungen mit sich – Sicherheit, Parkplätze, Fanströme oder die Abstimmung mit der Polizei. Aber nach unserer Managertagung überwiegt ganz klar die Vorfreude auf Fußballfeste – so, wie wir sie in der Saison 2017/18 schon einmal hatten.

Deshalb gab es vor Saisonbeginn auch einen Sicherheitsworkshop?

Ja. Das Thema Zuschauerverhalten hätten wir ohnehin behandelt. Durch die Rückkehr der Löwen rückte es aber noch stärker in den Mittelpunkt. Uns war wichtig, die Vereine frühzeitig zu vernetzen.

Besonders groß ist die Sorge vor Pyrotechnik. Welche Botschaft haben Sie den Vereinen mitgegeben?

Eine glasklare: Beim BFV gilt die Nulltoleranz-Politik. Ich bin nicht bereit, für einzelne Idioten den Kopf hinzuhalten, die andere gefährden.

Was bedeutet das konkret?

Wenn ein Spiel wegen Pyrotechnik oder anderem Zuschauerfehlverhalten länger als fünf Minuten unterbrochen werden muss, sieht unsere Spielordnung zwingend einen Punktabzug vor. Wir haben bereits gezeigt, dass wir solche Sanktionen auch verhängen.

Warum gehen Sie strenger vor als der DFB?

Weil die Voraussetzungen völlig andere sind. In Arenen wie in Dortmund oder München stehen jede Menge Feuerwehr, Sanitäter und Polizei bereit. In Buchbach oder Vilzing sieht das ganz anders aus. Auf unseren Plätzen geht es in der Regel deutlich enger zu. Deshalb tragen wir eine andere Verantwortung für alle Besucherinnen und Besucher.

Punktabzüge können Meisterschaften oder Abstiege entscheiden.

Das will niemand. Aber wenn Warnungen und Geldstrafen nichts ändern, müssen irgendwann sportliche Konsequenzen folgen.

Hat Sie der Absturz des TSV 1860 eigentlich überrascht?

Nein. Ich bin jetzt im fünften Jahr Präsident des BFV – und in dieser Zeit war die Situation bei 1860 eigentlich immer wieder Thema. Irgendwann war aus meiner Sicht mit einem Crash zu rechnen. Wie genau er aussehen würde, konnte natürlich niemand wissen.

War der BFV in den vergangenen Wochen mehr Krisenmanager als Fußballverband?

Nein. Wir haben unterstützt und waren Ansprechpartner, wenn Fragen aufkamen. Genau dafür ist ein Verband da – für kleine Vereine genauso wie für einen Klub wie den TSV 1860.

Mussten Sie die Löwen zwischendurch auch einmal ermahnen?

Nein. Präsident Gernot Mang hat den Verband jederzeit offen informiert. Ich habe praktisch nichts aus der Zeitung erfahren, was ich nicht vorher schon wusste. Die Kommunikation war vertrauensvoll.

War für Sie immer klar, dass 1860 zumindest in der Regionalliga spielen würde?

Diese Frage stellte sich für mich ehrlich gesagt kaum. Ich hatte auch die Bayernliga im Blick, weil die zweite Mannschaft aufstiegsberechtigt gewesen wäre. Allerdings kannte ich die gesellschaftsrechtliche Konstruktion damals noch nicht.

Christoph Kern ist seit über vier Jahren Präsident des Bayerischen Fußballverbands.

Christoph Kern ist seit über vier Jahren Präsident des Bayerischen Fußballverbands. © Marcus Schlaf

Viele Fans verstehen sie bis heute nicht. Welche Rolle spielen e.V., KGaA und Spielbetriebs-GmbH für den BFV?

Eine entscheidende. Unser Vertragspartner ist immer der eingetragene Verein. Wir lassen ausschließlich e.V.s zu. Das sind unsere Mitglieder.

Welche Rolle spielt dann die neue Spielbetriebs-GmbH?

Sie regelt das Innenverhältnis. Der e.V. kann den Spielbetrieb auf eine Gesellschaft übertragen. Entscheidend ist aber: Vertragspartner des BFV bleibt immer der e.V. Das schafft für uns die nötige Sicherheit.

Hätte sich die bisherige KGaA direkt um die Zulassung zur Regionalliga bewerben können?

Nein. Wenn die KGaA den Antrag gestellt hätte, hätten wir sie nicht zugelassen. Unsere Satzung sieht das nicht vor.

War der Neustart über den e.V. damit letztlich Voraussetzung für die Regionalliga?

Im Ergebnis ja. Wäre der Spielbetrieb vollständig bei der KGaA geblieben, hätten wir einer Zulassung nicht zustimmen können.

Momentan bestückt 1860 Bayern- und Regionalliga aus einem gemeinsamen Kader. Funktioniert das dauerhaft überhaupt?

Nein, jedenfalls nicht, wenn dieselben Spieler dauerhaft in beiden Ligen eingesetzt werden sollen. Dafür gibt es klare Regularien. Am Anfang ist das noch einfacher, weil die Regionalliga noch nicht begonnen hat. Im Saisonverlauf greifen aber die Festspielregelungen und Sperren. Dann muss der Verein genau darauf achten, welche Spieler wann in welcher Mannschaft eingesetzt werden.

Kann der TSV 1860 der Regionalliga auch dauerhaft helfen – obwohl die Löwen möglichst schnell wieder aufsteigen wollen?

Wenn die Euphorie bleibt, wird 1860 dieser Liga guttun. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Traditionsverein mit diesem Potenzial dauerhaft in der Regionalliga bleiben möchte. Irgendwann muss der Blick wieder nach oben gehen. In meinen Augen braucht es eine nachhaltige Konsolidierung.

Was unterschätzen viele Fußballfans an der Regionalliga Bayern?

Die spielerische Qualität. Ich habe die Aufstiegsspiele der Würzburger Kickers gegen Lok Leipzig gesehen. Würzburg – wohl gemerkt, als unser Vizemeister – war in beiden Partien klar überlegen. Das zeigt, welches Niveau unsere Regionalliga hat.

Kann diese Saison für alle eine Win-win-win-Situation werden? 1860 rehabilitiert sich, die Vereine profitieren – und der BFV ebenfalls?

Natürlich profitieren wir alle von einer attraktiven Liga mit gut besuchten Spielen. Vor allem wünsche ich mir aber, dass danach auch die Stimmen verstummen, die unserer Regionalliga Bayern ihre Existenzberechtigung absprechen. Diese Saison wird einmal mehr zeigen, welches Potenzial in ihr steckt.

Rechnen Sie mit einem neuen Zuschauerrekord?

Davon bin ich überzeugt. Die Löwen werden viele Menschen in die Stadien bringen. Natürlich hängt das auch vom sportlichen Verlauf der Saison ab. Der Topschnitt lag bei 1439 Zuschauern.

Die Regionalliga gilt als Nadelöhr zwischen Amateur- und Profifußball. Ist das System mit fünf Regionalligen überhaupt noch zeitgemäß?

Ich halte es sogar für zeitgemäßer denn je. Deutschland ist ein großes Fußballland mit über acht Millionen Mitgliedern. Eine vierte Liga braucht aus meiner Sicht fünf Staffeln. Alles andere würde das Nadelöhr nur noch enger machen.

Viele fordern dagegen nur vier Regionalligen.

Ich glaube, wir diskutieren über das falsche Problem. Natürlich muss die Aufstiegsfrage gelöst werden. Aber wir dürfen nicht vergessen, warum wir dieses System überhaupt haben. Wir brauchen mehr Spielmöglichkeiten für junge Spieler. Das ist die eigentliche Herausforderung. Wenn wir nur an der Zahl der Regionalligen herumdoktern, lösen wir dieses Problem nicht.

Hat das auch Folgen für die Nationalmannschaft?

Davon bin ich überzeugt. Die Vereine stehen unter enormem Erfolgsdruck und setzen deshalb oft auf erfahrene Profis. Wir müssen wieder mehr Einsatzmöglichkeiten für junge deutsche Spieler schaffen.

Wie könnte das gelingen?

Wir sollten zuerst überlegen, wie wir mehr Spielpraxis für Talente schaffen. Erst danach sollten wir über das Ligensystem entscheiden. Im Moment zäumen wir das Pferd von hinten auf.

Sie können sich also auch eine Reform der 3. Liga vorstellen?

Man muss alle Modelle offen diskutieren. Ob eine 22er-Liga oder irgendwann sogar eine zweigleisige 3. Liga – entscheidend ist, dass wir den Nachwuchs nicht aus den Augen verlieren.

Wann rechnen Sie mit einer Entscheidung?

Wir haben die Diskussion bewusst entschleunigt. Jetzt müssen wir gemeinsam mit dem DFB überlegen, wie sich der deutsche Fußball insgesamt weiterentwickeln soll. Danach können wir über die Struktur der Regionalligen entscheiden.

Was kann der deutsche Fußball derzeit von Spanien lernen?

Kampfgeist, Wille und Emotion. Die Spanier spielen mit einer unglaublichen Leidenschaft. Genau das gehört zum Fußball dazu.

Welchen Rat würden Sie Präsident Gernot Mang für die kommenden Monate geben?

Gelassen bleiben.

Das klingt einfach.

Ist es vielleicht auch. Professionell weiterarbeiten, Ruhe bewahren und sich nicht von jeder Diskussion treiben lassen. Alles Weitere entscheidet sich auf dem Platz. Mein Eindruck ist: Mang dreht an den richtigen Stellschrauben. Und – Achtung nicht ernst gemeint – mittlerweile dürfte ihn ja auch Herbert Hainer kennen (lacht).