Billi Bierling über verstorbenen Bergstar Nimsdai: "Er hat es oft zu leicht dargestellt"

Achttausender

Billi Bierling über verstorbenen Bergstar Nimsdai: "Er hat es oft zu leicht dargestellt"

Dass der 43-jährige Nirmal Purja am Broad Peak in Pakistan durch eine Lawine ums Leben kam, löste einen Schock in der Welt des Höhenbergsteigens aus – galt er doch fast als unsterblich, wie Himalaja-Expertin Bierling erzählt

Anna Sawerthal

Ein Mann mit schwarzer Kappe spricht bei einer Pressekonferenz. Im Hintergrund ist ein schneebedeckter Berg zu sehen.
Nirmal Purja stand 57 Mal auf einem Achttausender.

In den vergangenen Jahren geriet das Höhenbergsteigen im Himalaja zunehmend in Verruf: Kommerz, Instagram-Glamour, unnötiges Risiko. Einer, der für diesen Trend stand wie kaum ein anderer, war Nirmal Purja, kurz "Nims" oder "Nimsdai". Wie wenig die höchsten Berge der Welt aber an Gefahr verloren haben, zeigt sein dramatischer Tod vor einer Woche am Broad Peak. Neben dem 43-jährigen Berg-Superstar verstarben neun weitere Personen in einer Lawine: Fünf nepalesische Bergführer, ein pakistanischer, eine US-Amerikanerin, ein Chinese und eine Omanerin.

Die Bergsteigerwelt, allen voran die lokalen Achttausender-Anbieter in Nepal, steht unter Schock. Billi Bierling kennt jene Welt sehr gut: Sie leitet seit 2016 die legendäre "Himalayan Database" in Kathmandu, die seit Jahrzehnten die Besteigungen von Expeditionsgipfeln in Nepal akribisch dokumentiert.

Seit dem Unglück am Broad Peak hat sich die Garmisch-Partenkirchnerin aus den sozialen Medien weitgehend rausgehalten. Nur eine Story hat Bierling gepostet, und zwar um auf einen Spendenaufruf für hinterbliebene Familien der Opfer aufmerksam zu machen. Mit dem STANDARD spricht sie über den schmalen Grat zwischen spannendem Abenteuer und unnötigem Risiko.

STANDARD: Wie geht es Ihnen ein paar Tage nach dem verheerenden Unglück am Broad Peak?

Bierling: Ich bin genauso schockiert wie alle anderen. Dass nun für die Familien etwas gemacht wird, ist wichtig. Nirmal Purja steht natürlich im Mittelpunkt, weil man ihn kannte. Aber zehn Menschen wurden da verschüttet. Das ist eine große Tragik.

STANDARD: Sechs der Verstorbenen waren Guides aus Nepal. Sie gehörten zu den Besten ihrer Generation. Wie wirkt sich ihr Tod auf die Szene aus?

Bierling: Das waren junge, aufstrebende Sherpa. Als ich 2009 am Everest war, war das ganz anders. Die Sherpa waren auch damals sehr stark, aber sie hatten nicht unbedingt das Interesse am Bergsteigen oder etwas zu erreichen. Die alten Sherpa waren Arbeiter im Auftrag von westlichen Expeditionsleitern. Sie haben Kunden betreut, haben ihre Sauerstoffflaschen getragen. Aber ihr Hauptziel war, am Ende der Saison ihren Familien Essen auf den Tisch zu stellen. Das ist heute auch noch so. Aber viele der heutigen Climbing Sherpa, von denen 76 als Bergführer zertifiziert sind, machen das mit Leidenschaft und sind technisch versiert.

Noch vor etwa 20 Jahren war das Expeditionsgeschehen an den Achttausendern zu 75 Prozent in westlicher Hand. Jetzt ist es zu 75 Prozent in nepalesischer Hand. Es gibt heute viel mehr nepalesische Anbieter, darunter sehr gute. Es gibt aber auch immer noch Billiganbieter, denen es an Erfahrung und Kenntnissen fehlt. Sie schicken mitunter unerfahrene Sherpa mit ebenso unerfahrenen Kunden auf den Berg. Das ist eine gefährliche Kombination, die immer wieder zu vermeidbaren Unfällen führt.

Eine Gruppe von Menschen hält eine Kerzenlicht-Mahnwache in Kathmandu, Nepal, am 4. August 2026, um Bergsteiger zu ehren, die bei einer Lawine am Broad Peak in Pakistan ums Leben kamen. Vor den Porträts der Verunglückten, darunter der berühmte britisch-nepalesische Bergsteiger Nirmal Purja, wurden Kerzen aufgestellt.
In Kathmandu stellen Menschen Kerzen auf, um der zehn Verstorbenen zu gedenken.

STANDARD: Dieser Emanzipationsprozess, vom Arbeiter zum "Climbing Sherpa", war Nims da so etwas wie die Speerspitze?

Bierling: Nims war ja selbst kein Sherpa, er kam aus Pokhara, aus armen Verhältnissen. Der hat sich unglaublich hochgearbeitet, war in den Special Forces der britischen Armee. Er war auch kein zertifizierter Bergführer. Er war wahnsinnig stark und hat sich seine Erfahrung über seine vielen Expeditionen angeeignet. Nims war eine Persönlichkeit. Er hat die Leute unglaublich motiviert, eine geborene Führungsperson. Er hat die Sherpa in den Vordergrund gerückt, hat viele mitgezogen und ihnen Arbeit gegeben. Er hat so vielen Leuten den Weg zum Everest und anderen Achttausendern gebahnt.

Kennengelernt hat Bierling den Ausnahme-Bergsteiger 2017. Damals kam er gerade von der Gurkha-Everest-Expedition zurück.

Bierling: Da bekomm ich einen Anruf von einem Typen, der meint: "Du, ich war jetzt gerade zweimal am Everest, dann noch auf dem Lhotse und dann war ich noch auf dem Makalu." Ob wir uns in einem Café treffen könnten. Ich habe das damals zum ersten Mal gehört und mir gedacht: Das kann ja gar nicht sein! Als wir uns trafen, war er gerade dabei, das Guinnessbuch der Rekorde zu kontaktieren. Er war charismatisch und sehr freundlich. 2018 gab er bekannt, dass er alle 14 Achttausender in sieben Monaten machen will. Kenton Cool, der den Everest selbst 20 Mal bestiegen hat, meinte damals: "Wenn der es schafft, dann fresse ich meinen Hut." Den musste er dann verspeisen.

STANDARD: Hat Sie sein Streben nach Rekorden, nach Schnelligkeit auch mal irritiert?

Bierling: Irritiert nicht. Aber natürlich haben wir erst mal gesagt: Das in sieben Monaten zu schaffen, vergiss es! Er war sehr getrieben. Er hat zwar viele Menschen motiviert und es sind ihm viele gefolgt, jedoch hat er das Höhenbergsteigen oft zu leicht dargestellt. Im Film "14 Peaks" erzählt er beispielsweise, dass er total verkatert am Kangchendzönga – einer der herausforderndsten Achttausender – war! Nims hatte fast schon übermenschliche Fähigkeiten, eine Wahnsinnskraft. Er war sehr getrieben und kam uns allen unsterblich vor.

Eine Person in Bergsteigerkleidung, inklusive Helm und Sauerstoffmaske, lächelt in die Kamera. Im Hintergrund sind schneebedeckte, majestätische Berge unter dramatischem, goldenem Licht zu sehen.
Billi Bierling stand selbst auf sechs Achttausendern, hier am Lhotse.

STANDARD: Inwiefern muss man damit rechnen, dass Leuten, die so extrem ans Limit gehen, so etwas passiert?

Bierling: Wir müssen viel weiter unten anfangen. Wir Europäer, Amerikaner und Australier haben eine ganz andere Risikobereitschaft als etwa die Nepalesen. Wer nach Kathmandu geht und sieht, wie dort Gerüste gebaut werden, wie Arbeiter ungesichert auf Leitern stehen und auf Baustellen ohne Helm arbeiten, realisiert schnell, wie sehr sich die Sicherheitsvorkehrungen von unseren unterscheiden. Es liegt teilweise an Bildung und am Training, jedoch geht man in Nepal generell mehr Risiko ein. Es ist am Berg schon öfter passiert, dass sich ein westlicher Expeditionsleiter zurückgezogen hat, weil er die Lage als zu gefährlich erachtet hat, und dann eine nepalesische Firma sagt: Das geht schon noch. Bei der Bergsteigerei – gerade in solchen Höhen und in so einem Terrain – gehört außer Kenntnissen und Erfahrung auch unheimlich viel Glück dazu. Und Nims hatte bis dato auch unheimlich viel Glück gehabt.

57 Mal stand Nirmal Purja auf einem Achttausender. Bierling betont, dass auch sie Glück hatte, dass sie auf sechs Achttausendern stehen durfte. Ihr Expeditionsleiter Russell Brice hatte Jahrzehnte an Erfahrung und Training in Chamonix am Buckel. Könnten andere Sicherheitsstandards im Himalaja das Risiko für Unfälle und Unglücke verringern? Was etwa, wenn man im Himalaja Lawinenwarnstufen einführen würde? Insgesamt könnte man die Höhenbergsteigerei im Himalaja sicherer machen, wenn die Leute mehr Erfahrung hätten, meint sie. Aber wie man das aufs Papier bringt, ist schwierig. Und dann sind da noch die Nachrichten über Höhenträger, die allein gelassen werden. 2023 gab es den Fall um einen pakistanischen Höhenträger am K2. Und erst diesen Mai konnte sich Hillary Dawa Sherpa nach sechs Tagen am Everest allein ins Basislager schleppen.

Bierling: Natürlich lässt man Leute nicht allein. Aber es passiert, auch in den Alpen. Wir müssen nur schauen, was am Großglockner passiert ist. Wir verurteilen immer sehr schnell hier unten auf Meereshöhe. Die Welt da oben ist schon ein bisschen anders. Man ist wahnsinnig mit sich selbst beschäftigt, man ist müde, auch die Sherpa werden müde. Wir denken, die Sherpa seien übermenschlich. Sie sind aber auch nur Menschen.

Eine Gruppe nepalesischer Bergsteiger, darunter ein Mann mit schwarzer Kappe und Sonnenbrille, steht lächelnd vor der Kamera. Einige tragen traditionelle weiße Schals. Im Hintergrund sind weitere Menschen und eine nepalesische Flagge zu sehen.
Nimsdai ließ sich für seine Erfolge feiern, hier etwa 2021, nachdem er als erster Mensch den K2 im Winter bestiegen hatte.

STANDARD: Dieses Narrativ haben Nims und andere Ausstatter doch stark bedient: Dass jeder auf die Berge kann – weil das eben ihr Geschäft ist.

Bierling: Klar, aber das ist ja bei uns auch nicht anders. Manche Leute sagen, dass man den Mount Everest mal für ein Jahr ruhen lassen sollte. Nun, geh mal nach Zermatt und sag, wir schließen jetzt das Matterhorn. Wie viele Leute da kein Einkommen mehr hätten! Ja, Chomolungma, "Muttergöttin der Erde" (der Sherpa-Name des Everest, Anmerkung), ist für die Sherpa ein heiliger Berg. Auch die Jungen verehren diesen Berg sehr, aber natürlich wollen sie ihr Geld verdienen. Hinzu kommt, dass die Sherpa über Jahre im Hintergrund waren. Hinter jeder westlichen Expedition stand und steht immer eine lokale Agentur. Es fing so ungefähr im Jahr 2012 an, dass mehr und mehr nepalesische Trekkingagenturen in den Vordergrund getreten sind. Ich kann gut verstehen, dass die Sherpa nun sagen: Es ist unser Land, es ist unser Berg. Wir wollen uns von euch nichts mehr sagen lassen.

Auch unter den lokalen Anbietern gibt es Konkurrenz. Wenn es hart auf hart kommt, arbeiten die Agenturen zusammen, meint Bierling. Und doch gibt es immer wieder Reibereien. So warf Nimsdai 2025 Konkurrenten etwa vor, Fixseile am Everest durchgeschnitten zu haben. Besonders folgenreich waren umgekehrt Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen ihn. Sein Büro dementierte diese. Sponsoren zogen sich zurück. Es wurde leiser um Nimsdai. Zu den Vorwürfen will sich Bierling nicht äußern, zu wenig kenne sie die genauen Hintergründe.

Bierling: Dieser Nationalheld, der er war, war er eine Zeitlang nicht mehr. Jetzt, nach seinem Tod, wird er wieder zum Nationalhelden werden. Man wird ihm eine Statue errichten, er wird glorifiziert werden. Wenn man so erfolgreich ist und so in die Höhe gehoben wird, dann ist es schwierig, am Boden zu bleiben. So wie wir ihn alle als unsterblich sahen, hat er sich auch selbst gesehen: "Giving up is not in my blood" war sein Spruch. Er wollte nie aufgeben. (Anna Sawerthal, 8.8.2026)

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