Bis zu 70 Prozent geringere Ernte: Hitzewelle trocknet wichtiges Futtermittel aus
Sojabohnen
Bis zu 70 Prozent geringere Ernte: Hitzewelle trocknet wichtiges Futtermittel aus
Sojaschrot ist die wichtigste Eiweißquelle in Viehfutter. Mit den Ernteausfällen steigt die Abhängigkeit von Importen – mitunter aus Ländern, die dafür Regenwälder abholzen
Nicolas Dworak
Die heimischen Felder machen die Zerstörungskraft der heurigen Hitzewellen sichtbar. Von massiven Ernteausfällen ist die Rede. Von überfüllten Schlachthäusern, weil sich Landwirte um ihr Futtermittel für den Winter sorgen. Die Erträge über sämtliche Getreide (außer Mais) liegen um ein Fünftel niedriger als im Vorjahr und 14,4 Prozent unter dem Fünfjahresschnitt. Beim Mais dürfte es noch schlimmer kommen – bis hin zum Totalausfall, warnen Bauern aus Oberösterreich.
Ähnliches gilt für die Sojabohne, die den Energiegehalt des Mais im Viehfutter um wertvolle Proteine ergänzt. Keine andere Nutzpflanze eignet sich dafür auch nur annähernd so gut wie die Leguminose, die zu 40 Prozent aus Eiweiß besteht. Noch seien die meisten Sojaflächen zwar grün, berichtet die Landwirtschaftskammer (LK) dem STANDARD. Doch einige Sorten werfen bereits die Blüten ab, viele sind niedrig im Wuchs. Es ist zu warm und zu trocken. Wie viel der Ernte heuer ausbleibt, sei noch schwierig einzuschätzen. Je nach Standort sei mit einem Minus von 20 bis 70 Prozent zu rechnen.
Für die heimische Lebensmittelversorgung ist das besonders problematisch. Denn im Gegensatz zu den meisten EU-Staaten erzeugt Österreich nennenswerte Mengen des Sojabedarfs selbst. Die Eigenversorgungsquote liegt in der Regel bei rund 40 Prozent, im EU-Schnitt sind es nur etwas mehr als sechs Prozent.
Hochgradig abhängig
Fällt die Ernte aus, wächst die Abhängigkeit von Importen. Paradoxerweise vor allem von dort, wo der Sojaanbau mit der verheerenden Abholzung von Regenwald in Verbindung steht. Ein Viertel des in Österreich verwerteten Sojas stammt aus Brasilien, ein Fünftel aus Argentinien.
Importiert wird vornehmlich das, was im Futtertrog landet – und damit indirekt in Form von Fleisch, Eiern und Milchprodukten auf unseren Tellern. Im Schnitt der 27 EU-Staaten kommen 90 Prozent des Bedarfs aus den beiden südamerikanischen Ländern und den USA.
"Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich die Weltregionen spezialisiert", erklärt Aurélie Tournan von der gemeinnützigen, europaweiten Organisation Donau Soja. Während Europa eher auf Weizen setzte, bauten die USA rasch eine dominante Position im Sojageschäft auf. Einer Analyse der Brüsseler NGO "The Protein Project" zufolge würden ohne den Import bis zu 40 Prozent der Viehzucht Europas zum Erliegen kommen.
Hitze bremst Wachstum
Auch innerhalb Europas und der EU konzentriert sich der Anbau auf nur wenige Agrarländer. Die größten fünf Sojaproduzenten kommen auf jeweils über 80 Prozent der gesamten Erntemengen. Mit seinen rund 83.000 Hektar an Sojaflächen ist Österreich in dieser elitären Runde vertreten. Je nach Erntejahr an dritter oder vierter Stelle der EU-Staaten. Nur Italien und Frankreich verzeichnen regelmäßig noch größere Erträge.
Heuer könnte die Rangliste ordentlich durcheinandergewirbelt werden. Rumänien, Serbien und Kroatien wird die Hitze zum Verhängnis. "Die heurige Situation ist nicht außergewöhnlich", sagt Agrarökonom Franz Sinabell vom Wiener Wifo. "Darauf müssen wir uns einstellen."
Apropos "einstellen": Ab einer gewissen Temperatur stellt die Sojapflanze das Wachstum ein, selbst wenn ausreichend Wasser vorhanden ist. Hier führe der Weg nur über spezifische Züchtungen und Produktionsstandorte weiter im Norden, schätzt Sinabell. Denn: Der Einsatz von Gentechnik ist in der EU verboten. Anders als der Import von genetisch veränderten Sojabohnen in Form von Futtermittel.
Auf nach Norden
"Die Sojabohne wandert ganz klar nach Norden – das vollzieht sich jetzt rapide", bestätigt Johann Vollmann. Der Biologe der Boku University gilt als Koryphäe auf seinem Gebiet und beobachtet im Zuge zahlreicher Forschungsprojekte die Lage vor Ort.
"Novi Sad zeigt, wie es in Österreich in zehn Jahren aussehen wird", warnt der Sojabohnenforscher. Novi Sad ist die Hauptstadt der serbischen Region Vojvodina, in der gut 90 Prozent des landesweiten Sojaanbaus stattfindet. Der Ertrag pro Hektar hat sich hitzebedingt seit 2021 um mehr als ein Drittel verringert, die Anbaufläche ist in der Folge um fast ein Fünftel geschrumpft.
So kommt es, dass die Sojabohne von Serbien und Italien vermehrt hinauf nach Polen und teilweise sogar Skandinavien wandert. Doch im Norden ist es länger hell, die Sojabohne reagiert stark auf die Sonneneinstrahlung. "Eine südliche Sojabohne aus Italien wird in Polen nicht reif", erklärt Nutzpflanzenzüchter Vollmann.
Begrenztes Potenzial
Es brauche eine genetische Anpassung, "das machen wir in der Züchtung". In Polen habe das gut funktioniert, berichtet er aus einem EU-Projekt. Die Anbaufläche habe sich in der Folge stark ausgedehnt, Potenzial bestehe auf dem riesigen Ackerland ohnehin zuhauf.
An der Abhängigkeit von Brasilien, Argentinien und den USA würde aber selbst ein vollständiges Ausschöpfen des Flächenpotenzials in Europa wenig ändern. Donau-Soja-Chefin Tournan schätzt, dass sich Europa selbst im weitesten Sinne – also inklusive europäischer Nicht-EU-Staaten wie die Ukraine – mittelfristig nicht zu mehr als 50 Prozent selbst versorgen kann.
Das würde allerdings bereits ein verändertes Konsumverhalten einschließen. Das hieße: weniger und dafür hochwertiges Fleisch aus nachhaltiger Tierhaltung. Im Schnitt verzehrt ein EU-Bürger 70 Kilogramm Fleisch pro Jahr. Nach einem kurzfristigen Rückgang ist der Pro-Kopf-Konsum zuletzt wieder gestiegen.
Bedenklicher Fleischkonsum
Doch ausgerechnet beim Konsum ließe sich viel bewegen, erklärt Boku-Forscher Vollmann. 90 Prozent der Sojabohnen werden in Form von Schrot als Proteinquelle an Tiere verfüttert. "Dafür sind zehnmal so viele Sojabohnen nötig, als wenn wir sie direkt essen." Man dürfe ihn nicht falsch verstehen, "man kann niemandem Fleisch verbieten". Aber es gäbe Modellrechnungen, die für einen bewussten Konsum sprechen. Demnach reicht bereits eine Halbierung des Fleischkonsums aus, damit Österreich seinen gesamten Sojabedarf selbst decken kann.
Eingerechnet ist da bereits, dass in der Folge die Nachfrage nach anderen proteinreichen Nahrungsmitteln steigt. So wird etwa Soja oft als hochwertige Eiweißquelle in pflanzliche Lebensmittel gemischt. Oder direkt in Form von Tofu, Tempeh oder Sojajoghurt verspeist. Derzeit entfallen von 61 Kilogramm Soja, der jährlich pro Kopf verbraucht wird, nur dreieinhalb Kilo auf derartige Lebensmittel.
Im weltweiten Maßstab könnte eine solche Reduktion dazu führen, "dass es bis 2050 von einer Deforestation zu einer Reforestation kommt". Wälder würden nicht mehr abgeholzt, sondern Weide- und Anbauflächen renaturiert. Aus einem Klimawandeltreiber würde wieder ein natürlicher Puffer werden, zitiert Vollmann eine Nature-Studie aus dem Jahr 2023. "Die Frage ist immer", wirft er ein, "wie man den Wandel wirtschaftlich machen kann".
Den heimischen Landwirtschaftsbetrieben hat die Regierung längst ein Hilfspaket in Aussicht gestellt. Zur Abfederung einer "außergewöhnlichen Situation". (Nicolas Dworak, 9.8.2026)
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