Blick zurück: Bomben, Frost und eine Göttin: Das Schicksal des Trierer Kraftwerks
Blick zurück Bomben, Frost und eine Göttin: Das Schicksal des Trierer Kraftwerks
Trier · Die Fassade sieht aus wie eine Kirche, war aber eine Fabrik. Wer genau hinschaut, erkennt darin die Geschichte der Trierer Energiewende von vor mehr als 120 Jahren. Stein für Stein.
21.07.2026 , 06:13 Uhr
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Blick in die Energiegeschichte Triers
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Foto: Stephan Andries/Sammlung Stephan Andries
Jeden Morgen. Jeden Morgen, wenn Stephan Andries sein Bürofenster öffnete und nach rechts schaute, war sie da. Die Göttin. Aus rotem Klinker geformt, hoch oben an der Fassade des alten Kraftwerks, reckte sie ein Bündel stählerner Blitze gen Himmel. Andries arbeitete von 2000 bis 2019 für RWE in Trier, zuständig für Bau und Instandhaltung von Umspannanlagen. Sein Büro lag so nah an der alten Maschinenhalle, dass er die Fassade täglich vor Augen hatte.
Links Gaslampe, rechts Blitz: Was die Trierer Kraftwerksfassade erzählt
„Wenn ich dort vorbeiging, schaute ich immer hoch zur Göttin auf der rechten Seite“, sagt Andries. Irgendwann wollte er wissen, was hinter dieser Fassade steckt. Was er herausfand, hat er gemeinsam mit Bruno M. Struif im Neuen Trierischen Jahrbuch 2025 aufgeschrieben. Struif ist Vorsitzender der Geschichtswerkstatt Westerwald. Und das ist kein Zufall. Denn der erste Direktor des Trierer Elektrizitätswerks, Hermann Henney, stammte aus dem Westerwald.
Das Gebäude wurde 1902 auf freier Fläche am Ende der Werner-Siemens-Straße errichtet. Die Schaufassade zur Moselseite ist im neogotischen Stil gehalten: hohe Bogenfenster, aufwendig verziert, roter Backstein. Eine Fabrikhalle, die aussieht wie eine Kirche.
Und die Fassade erzählt eine Geschichte. Auf der linken Seite halten Göttinnen Öllämpchen und Gaslaternen. Auf der rechten Seite hat die Göttin der Elektrizität das Wort, das Blitzbündel in der Hand. Links die alte Welt, rechts die neue. In Stein gemeißelt, für alle sichtbar, schreiben die beiden Autoren.
Die Idee für das E-Werk ist älter als das Gebäude. Bereits 1886 gibt es in Trier erste Überlegungen für ein städtisches Elektrizitätswerk. Doch es dauert 15 Jahre, bis daraus etwas wird. Erst 1901 drängte der Stadtverordnete und Unternehmer Ernst Laeis in einer Denkschrift auf ein Ende der Debatte: Man müsse „ohne Bedenken an die Errichtung einer eigenen städtischen Licht- und Kraftzentrale schreiten." Bau und Betrieb sollten in städtischer Eigenregie erfolgen. Ein Jahr später stand das Kraftwerk.
Verantwortlich für Aufbau und Betrieb war Hermann Henney. Als Direktor der städtischen Elektrizitätswerke und Verkehrsbetriebe leitete er zwischen 1902 und 1924 die wichtigsten Infrastrukturprojekte der Stadtmodernisierung. In Biewer ist noch heute eine Straße nach ihm benannt.
Im Inneren lief das Kraftwerk, das den Strom erzeugte. Direkt nebenan, in der Wagenhalle, wurden die Straßenbahnen gewartet, die dieser Strom antrieb. Produktion und Nutzung, Seite an Seite.
Was Bomben stehen ließen und was sie nahmen
Was dieser Ort für Andries bedeutet, geht über den beruflichen Blick hinaus. Sein Vater kam 1946 nach Trier und machte seine Lehre in der alten Schlosserwerkstatt des Kraftwerks. Der Betrieb lief damals noch nicht. Er erlebte das Gebäude im Wiederaufbau, bevor die Anlage überhaupt wieder funktionierte.
Ab 1943 hatten alliierte Bombenangriffe den gesamten Hallenkomplex schwer getroffen. Die stolzen Stufengiebel der Fassade stürzten ein. Die Originalfenster wurden durch schmucklose Scheiben ersetzt. Das neogotische Verwaltungsgebäude wurde vollständig zerstört. Die Wagenhalle brannte aus, verlor ihre Gleise, diente noch als Busdepot und wurde später abgerissen.
Nur die Schaufassade mit ihren Göttinnen überstand die Detonationen. Warum sie standhielt, konnten die Autoren nicht mehr klären. Das Kraftwerk selbst wurde nach dem Krieg notdürftig instandgesetzt. Doch der lange Ausfall hatte weniger mit den Bomben zu tun als mit dem Winter danach: Geplatzte Rohre in den Kesseln durch Frostschäden haben den Betrieb zurückgeworfen. Erst nach 1947 lief die Anlage wieder.
Andries’ Vater hat all das noch gesehen. Die Trümmer, den Wiederaufbau, den Pragmatismus der Nachkriegsjahre. Die Geschichte des Kraftwerks ist nicht zuletzt dank des Aufsatzes seines Sohnes dokumentiert. Die Zukunft des Gebäudes nicht.