„Die Leute gehen mir auf den Sack“: Lula macht aus Angst vor Niederlage bei Brasilien-Wahl auf Influencer

Bolsonaro bei Brasilien-Wahl vorn – Lula beugt sich dem Selfie-Druck

Stand: 08.10.2026, 21:57 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Ein Symbol als Statement: Wer in Brasilien mit seiner Hand ein „L“ formt, signalisiert seine Unterstützung für den Präsidentschaftskandidaten Lula.

Ein Symbol als Statement: Wer in Brasilien mit seiner Hand ein „L“ formt, signalisiert seine Unterstützung für den Präsidentschaftskandidaten Lula. © Mauro Pimentel/afp

33 Millionen Nichtwähler im Visier: Kann Lulas späte Social-Media-Offensive sie umstimmen? Bislang besaß er nicht einmal ein Handy.

Brasília  – Kehrtwende eines 80-Jährigen: Bislang verweigerte Brasiliens Staatschef Luiz Inácio Lula da Silva Smartphones konsequent. Doch zweieinhalb Wochen vor der Entscheidung im Präsidentschaftsrennen veröffentlichte er sein erstes Selfie-Video auf TikTok und Instagram. „Ich mag das nicht. Aber heute habe ich beschlossen, es zu tun“, kommentierte er.

Der Druck vor der Stichwahl

Die drohende Niederlage im zweiten Wahlgang am 30. Oktober zwingt Lula zum Handeln. Im ersten Wahlgang lag der rechtsgerichtete Senator Flávio Bolsonaro mit 47,03 Prozent knapp zwei Prozentpunkte und 2,2 Millionen Stimmen vorn. Um diesen Rückstand aufzuholen, muss der linke Präsident Millionen Nichtwähler mobilisieren.

Geständnis in der Digitalkrise

In internen Runden räumt Lula seinen Rückstand im Netz offen ein, wie die Zeitung Correio Braziliense berichtet. Sein später Strategiewechsel hat konkrete Gründe:

  • Digitale Verweigerung: Lula besaß bislang kein eigenes Smartphone und machte aus seiner Abneigung keinen Hehl.
  • Rückstand auf Bolsonaro: Sein Herausforderer erreicht seine Anhänger seit Monaten erfolgreich mit spontanen Clips.
  • Mangelhafte Organisation: Intern übt Lula scharfe Kritik. Er bezeichnete die diesjährige Kampagne als die „am wenigsten organisierte“, an der er seit 1989 teilgenommen habe.
  • Druck aus dem Umfeld: Seine Ehefrau Janja und seine Berater drängten ihn täglich zur Verhaltensänderung. Lula laut Correio Braziliense dazu: „Die Leute gehen mir auf den Sack. 'Mach ein Selfie' – ich mag das eigentlich nicht.“

Junge Truppe statt verkrusteter PR

Parallel sucht Lulas Team die Nähe zu reichweitenstarken Jungpolitikern. Lula holte sich die 21-jährige Abgeordnete Ana Elisa an die Seite, die auf Instagram über zwei Millionen Follower zählt. Sie bestätigt den neuen Fokus der Kampagne: „Wir haben gerade ein Video gemacht, er gibt sich also sehr viel Mühe“, zitierte Correio Braziliense sie. Ab sofort werde der Präsident Inhalte im TikTok-Format produzieren, da dies in den Netzwerken gut funktioniere.

Der Abgeordnete André Janones unterstützt die Kampagne ebenfalls massiv. Innerhalb von drei Tagen baute er einen WhatsApp-Kanal mit 2,1 Millionen Abonnenten auf. Währenddessen weitet das Bolsonaro-Lager seine Allianzen aus und sicherte sich formelle Bündnisse mit den Parteien Republicanos, União und PP.

Weitere Hintergründe zur Brasilien-Wahl

Harte Bandagen vor Brasilien-Wahl: Influencer stellen Kandidaten ihre Reichweite zur Verfügung

Lula gegen Bolsonaro: Schlammschlacht vor Brasiliens Stichwahl

Brasilien-Wahl: YouTube und Facebook verbreiten gefälschte Informationen

Entscheidung auf der Straße und im Netz

Ob diese späte Social-Media-Offensive ausreicht, um 33 Millionen Nichtwähler zu erreichen, ist ungewiss. Parallel wächst der Protest auf den Straßen: In Rio de Janeiro demonstrierten Tausende Studenten gegen einen drohenden Rechtsruck.

Für Lula bleibt die digitale Mobilisierung in diesen Tagen zentral. In seinem Video richtet er einen direkten Appell an die Wähler: „Wenn ich mit 80 Jahren aufstehe und wählen gehe, warum kannst du das nicht auch? Steht auf und geht wählen, damit wir diese Wahl gewinnen.“ (Quellen: AFP, Correio Braziliense, Metrópoles) (frs)