Brand in Flüchtlingsunterkunft in Spandau: Bewohner berichten von dramatischer Nacht
Wenige Stunden nach dem nächtlichen Großeinsatz ist an der Flüchtlingsunterkunft in der Spandauer Straße Freiheit kaum noch etwas von dem Brand zu erkennen. Von außen sind keine Schäden sichtbar. Bewohner gehen ein und aus, wirken gut gelaunt, Kinder spielen, an zahlreichen Zimmern stehen die Fenster offen.
In der Nacht zu Samstag hat die Situation noch anders ausgesehen. Gegen 3.43 Uhr löste die Brandmeldeanlage aus. Im Flur des vierten Obergeschosses brannten Einrichtungsgegenstände und Unrat, Rauch breitete sich über Flure, Treppenräume und Zimmer aus. Mehrere Hundert Bewohner brachten sich nach Angaben der Berliner Feuerwehr selbstständig ins Freie. Vier Menschen wurden durch Rauch verletzt, drei von ihnen kamen ins Krankenhaus. Die Feuerwehr war mit 74 Einsatzkräften und 26 Fahrzeugen vor Ort.
Der betroffene Bereich im vierten Obergeschoss ist vorerst nicht bewohnbar. Rund 50 bis 60 Menschen müssen deshalb anderweitig untergebracht werden. Die Brandursache ist bislang ungeklärt.
Kinder spielen, Familien sitzen beieinander. Alles scheint entspannt trotz Brand in der Nacht.
© Jana Hermann/Berliner Zeitung
„Evakuiert?“ – Roman muss lachen
Juri W. (42) und Roman R. (40) stammen aus der Nähe von Charkiw und leben seit rund vier Monaten in der Unterkunft. Sie erzählen der Berliner Zeitung am Samstagvormittag, dass sie selbst das Gebäude in der Nacht nicht verlassen hätten. Als Roman hört, dass von einer Evakuierung mehrerer Hundert Bewohner berichtet wurde, muss er lachen. „Wir jedenfalls wurden nicht evakuiert,“ sagt er.
Die Sirenen hätten sie zwar gehört, ihnen zunächst aber keine größere Bedeutung beigemessen. „Alarm gebe es hier häufiger,“ so Juri. Vom Rauch seien sie auch nicht aufgewacht. Erst zwei junge Frauen, nach ihrer Schätzung zwischen 16 und 18 Jahre alt, seien in ihr Zimmer gerannt. „Ihre Gesichter waren bereits schwarz vor Rauch,“ so Juri.
Nach Darstellung der beiden Männer brannten eine Matratze und ein Schrank. Sie vermuten, dass jemand die Gegenstände absichtlich angezündet habe. „Wer das gewesen sein könnte, wissen wir natürlich nicht und können es auch nicht einschätzen,“ so Roman. Ob das Feuer tatsächlich vorsätzlich gelegt wurde, ist bislang ungeklärt.
Am Samstagvormittag wirken Juri und Roman jedenfalls gelassen, immer wieder machen sie Witze. Sie gehen sogar davon aus, dass die Stockwerke ab morgen wieder bewohnt werden können, sagen sie.
Müllheizkraftwerk liegt nur wenige Hundert Meter entfernt
Ein weiteres Detail fällt vor Ort auf: In zahlreichen Zimmern stehen die Fenster offen. Nach Angaben von Juri und Roman seien die Bewohner eigentlich angehalten, sie möglichst geschlossen zu halten. Als Grund sei ihnen die Lage in unmittelbarer Nähe zu den Entsorgungsanlagen genannt worden.
Tatsächlich liegt die Unterkunft mitten in einem Industriegebiet. Nur wenige Hundert Meter entfernt betreibt die Berliner Stadtreinigung an der Freiheit 24–25 das Müllheizkraftwerk Ruhleben. Dort werden jährlich mehr als 500.000 Tonnen Abfall verbrannt.
Die Lage des Gebäudes beschäftigte bereits vor Jahren die Gerichte. Die Berliner Zeitung berichtete 2020 über die Pläne für ein Großhostel mit mehr als 1300 Betten an diesem Standort. Mehrere Unternehmen, darunter die BSR, gingen gegen die Baugenehmigung vor. Sie befürchteten Einschränkungen ihres Betriebs durch mögliche Lärm- und Geruchsbeschwerden. Das Verwaltungsgericht wies die Eilanträge zurück. Das geplante Hostel könne sich unter anderem durch nicht zu öffnende Fenster ausreichend gegen Lärm abschirmen.
Im Spandauer Hostel leben überwiegend Geflüchtete aus der Ukraine und aus Rumänien.
© Jana Hermann/Berliner Zeitung
Menschen aus Ukraine und Rumänien
Seit 2022 wird das Gebäude als Unterkunft für Geflüchtete genutzt. Zunächst standen dort 330 Plätze zur Verfügung, später wurde die Einrichtung deutlich erweitert. Heute sind dort rund 800 Plätze vorgesehen; der Betreiber nennt 442 abgeschlossene Apartments. In der Unterkunft leben überwiegend Menschen aus der Ukraine und Rumänien.
Zu ihnen gehören Juri und Roman. Beide wollen in Deutschland bleiben und arbeiten, möglicherweise als Lastwagenfahrer. Über die Umstände ihrer Flucht aus der Ukraine möchten sie nicht sprechen. Sie fürchten nach eigenen Angaben, ansonsten möglicherweise zurückgeschickt zu werden.
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