Der "gemäßigtere Bolsonaro": Wie Flávio das Erbe seines Vaters neu verpackt

Sohn des Ex-Präsidenten strebt an die Macht

"Hier fließt Bolsonaro-Blut"

Von Marc Pfitzenmaier


03.10.2026 - 13:23 UhrLesedauer: 5 Min.

Flávio Bolsonaro soll das politische Erbe seines inhaftierten Vaters Jair antreten. In den Umfragen liegt er gleichauf mit Präsident Lula. Doch die Vergangenheit des Vaters ist für ihn auch eine Bürde.

Flávio Bolsonaro steht auf der Bühne und spricht, wie so oft, über seinen Vater. Dieser sei "der größte Führer, den dieses Land je hatte", ruft er vor jubelnden Anhängern und Parteimitgliedern in São Paulo. Gleichzeitig sei er das Opfer der "größten Farce, die dieses Land je erlebt hat".

Gemeint ist die Inhaftierung des Ex-Präsidenten wegen eines Putschversuchs nach seiner Wahlniederlage 2022. Viele Wähler, die dem Personenkult um Jair Messias Bolsonaro verfallen sind, denken so. Devote Anhänger nennen ihn den "ewigen Präsidenten" und lassen diesen Glauben wie selbstverständlich auf den Sohn übergehen. Flávio soll dem linken Präsidenten Lula da Silva im Namen des Vaters die Macht entreißen und dem Bolsonaro-Clan die Rückkehr an die Spitze sichern.

Der 45-Jährige brachte es zwar bis zum Senator von Rio de Janeiro, doch ihm fehlt das Charisma und Redetalent seines Vaters. Für politische Spitzenämter schien er nie vorgesehen, bis sein Vater ihn nach der Verurteilung zu seinem politischen Erben erklärte. Obwohl seine Kampagne von Skandalen und einer Korruptionsermittlung überschattet wird, verhalf die Salbung Flávio zu einem rasanten Aufstieg. In den Umfragen vor der Wahl am 4. Oktober liegt er inzwischen gleichauf mit Lula.

Jair machte sich über das Corona-Virus lustig – sein Sohn ist geimpft

Flávio gilt als moderater als sein Vater, weniger impulsiv und dadurch vor allem anschlussfähiger für die politische Mitte. Das könnte ihm helfen, bei Wählern zu punkten, die seinen Vater zwar mochten, denen die Aggressivität und an Verschwörungstheorien grenzende Aussagen des Patriarchen aber zu weit gingen. Etwa als Hunderttausende Brasilianer an den Folgen von Covid starben, während Bolsonaro die Krankheit als "kleine Grippe" herunterspielte und Impfungen ablehnte. Stattdessen empfahl er die Einnahme von Chloroquin, einem Mittel, vor dessen Nebenwirkungen Ärzte warnten.

Sein Sohn dagegen ist geimpft und lässt keine Gelegenheit aus, das zu erwähnen. Auch er selbst bezeichnet sich als den "gemäßigteren Bolsonaro".

Das mag in Teilen stimmen, doch auch Flávios politisches Programm ist in zentralen Fragen hart. Sehr hart. Bolsonaro Junior will im Kampf gegen kriminelle Gruppen Terrorgesetze anwenden, das Alter für Strafmündigkeit senken und Vergewaltiger chemisch kastrieren lassen. Oberstes Ziel der Kandidatur ist aber, seinen Vater und mehrere Generäle zu begnadigen, die den gewaltsamen Umsturz der Lula-Regierung geplant hatten. "Ich bin vielleicht ruhiger, wirke friedlicher und moderater", rief Flávio unlängst bei einer Wahlkampfveranstaltung Anhängern zu und deutete auf seine Armvene: "Aber hier fließt Bolsonaro-Blut".

Innerhalb der Familie nennen sie Flávio "01" – der erste von vier Söhnen. Kreativer Schöpfer dieser Spitznamen ist wenig überraschend Vater Jair. Der nach ihm benannte Jair Renan ist "04", Sohn Carlos ("02") kandidiert im Bundesstaat Santa Catarina für einen Senatssitz. Der dritte Sohn, Eduardo Bolsonaro, pflegt als Lobbyist in Texas enge Verbindungen zur MAGA-Bewegung. Dass "03" seinen Wohnsitz dort erst mal nicht aufgibt, ist verständlich: Zu Hause erwarten ihn mehrere Jahre Gefängnis wegen Beeinflussung der Justiz. Sie alle folgten der Anweisung des Patriarchen und wurden Berufspolitiker.

Flávio pflegt Kontakte zu Paramilitärs

Flávio zog mit nur 21 Jahren während seines Jura- und Politikstudiums als jüngster Abgeordneter in das Parlament des Bundesstaates Rio de Janeiro ein. Dort blieb er 16 Jahre lang. In dieser Zeit setzte "01" sich vor allem – und ganz im Sinne der Familienideologie – für schärfere Sicherheitsgesetze und höhere Strafen für Kriminelle ein.

Schlagzeilen machten auch seine Kontakte zu paramilitärischen Gruppen und seine große Unterstützung für die Polizei von Rio de Janeiro, die zu den tödlichsten Polizeikräften der Welt gehört. Doch als die Brasilianer nach Jahren hoher Kriminalität, vielen Korruptionsskandalen und Rezession genug hatten vom politischen Establishment, wurde Flávio von der gleichen konservativen Welle getragen wie sein Vater. Jair Bolsonaro wurde 2018 Präsident, sein ältester Sohn zog in den Senat ein. Die Bolsonaros waren in den Korridoren der Macht angekommen.

Experten sind sich einig, dass eine politische Karriere ohne den Vater nicht möglich gewesen wäre, gar nicht zu sprechen von der Aussicht auf das Präsidentenamt. Politologe Oliver Stuenkel von der Getulio-Vargas-Stiftung sagt t-online: "Jair Bolsonaro ist der geborene Politiker – unabhängig davon, wie man ihn findet." Der Ex-Präsident ziehe Teile der Bevölkerung in seinen Bann und habe eine Bewegung geschaffen, die es noch viele Jahre geben wird. "Seinem Sohn fehlt dieses politische Talent und er ist nur dank der Strahlkraft seines Vaters da, wo er ist", so der Experte. Er bezweifelt, dass Flávio neue Wähler zum Bolsonarismo bekehren kann.

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Bolsonaro-Sohn steckt mitten in Banken-Skandal

Wie tief Flávio selbst im politischen Establishment verankert ist, das er zu bekämpfen vorgibt, zeigt ein Skandal, der in Brasilien gerade große Wellen schlägt. Der mittlerweile inhaftierte Banker Daniel Vorcaro soll Kunden um mehrere Milliarden Dollar betrogen haben. Brasiliens Oberster Gerichtshof ermittelt wegen Korruption, Geldwäsche und Steuerhinterziehung.

Flávio soll von dem mutmaßlichen Verbrecher rund zwölf Millionen Dollar erhalten haben, offiziell für einen Kinofilm über Vater Jair, tatsächlich wohl auch zur Finanzierung von Bruder Eduardos Leben und Lobbyarbeit in den USA. Seinem Image als Mann des Volkes schadet das offenbar kaum.

In Umfragen liegt Flávio gleichauf mit Lula, und im Wahlkampf pflegt er weiter den Carioca-Stil, für den Rio berühmt ist – lässig in Jeans und T-Shirt, oft mit pointierten Sprüchen bedruckt: "Der Amazonas gehört uns", um Brasiliens Souveränität über den Regenwald zu betonen, oder "Die Agrarindustrie ist großartig", wenn er um Landwirte wirbt.

In Videos auf Social Media zeigt er sich auch emotional. Wenn die Rede auf das Schicksal seines Vaters oder die aus seiner Sicht politisch motivierte Verfolgung der Familie durch die Justiz kommt, kämpft er sichtbar mit den Tränen oder verliert die Fassung. Auch bei seinem Vater kullerten schon das ein oder andere Mal Tränen in der Öffentlichkeit, allerdings erst, als er sein Amt verlor.

Wie sich Flávio von seinem Vater abhebt

In einem Punkt setzt sich Flávio jedoch ganz bewusst vom Vater ab. Dessen Machogehabe machte ihn besonders bei Wählerinnen unbeliebt. In einem seiner berüchtigten Sätze bezeichnete er eine Abgeordnete als "zu hässlich", um vergewaltigt zu werden. Und dass sein jüngstes Kind als Tochter auf die Welt kam, erklärte er einmal so: "Ich habe fünf Kinder. Vier davon sind Jungs. Beim fünften wurde ich schwach und bekam ein Mädchen."

Flávio setzt auf ein anderes Bild. In seinem ersten offiziellen Wahlwerbespot zeigte er sich umringt von seiner Ehefrau, den beiden Töchtern und seiner Mutter, und betonte, nicht der Vater, sondern sie hätten ihn zu dem gemacht, was er heute sei. Seine Frau Fernanda ergänzte im Video, sie habe ihn regelrecht "umerzogen" und damit den "moderaten" Bolsonaro erst ermöglicht. Der Auftritt trifft einen wunden Punkt im Wahlkampf: Besonders bei weiblichen Wählern hat Lula laut Umfragen deutlichen Vorsprung vor dem Bolsonaro-Sohn. Nicht zuletzt, weil er sich in seiner Amtszeit und auch in der aktuellen Kampagne für soziale Programme und Gleichstellung stark macht.

Flávio umgarnt auch die so wichtige Wählergruppe der Evangelikalen, die eher rechte Kandidaten unterstützt, aber deren Liebe nicht bedingungslos ist. Er beherrscht weder die Bibelrhetorik seines Vaters, noch hat er dessen messianische Wirkung auf die Gläubigen, die fast ein Drittel der brasilianischen Bevölkerung ausmachen. Umso dringender braucht er die Hilfe seiner Stiefmutter Michelle Bolsonaro, die in diesem Wählermilieu deutlich beliebter ist als er selbst. Nach einem öffentlichen Streit mit ihr fielen seine Zustimmungswerte bei Frauen aus dieser Gruppe in den Keller. Der Präsidentschaftskandidat zeigte sich reumütig und entschuldigte sich öffentlich.

Ohne seine Familie wäre Flávio Bolsonaro politisch wohl unsichtbar, doch mit ihr hat er reale Chancen auf das höchste Amt in der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas.