Brettspielmarkt boomt: Cozy-Trend trifft Rekordmesse in Essen
Artengarten ist zum Auftakt der weltgrößten Brettspielmesse in Essen am Mittwoch mit dem Deutschen Spielepreis ausgezeichnet worden. Es ist das Ergebnis einer Publikumsabstimmung und trifft perfekt den Trend der vergangenen Jahre auf dem globalen Brettspielmarkt. Das Spiel des westfälischen Autors Mathias Wigge gilt als Spiel der leisen Zufriedenheit. Es wird liebevoll an einem Zoo mit vielen bunten Arten gebaut.
Ähnlich bunt präsentiert sich die Branche zur Leitmesse. 997 Verlage sind gekommen, um bis Sonntag auf einer Rekordfläche mehr als 1800 neue Spiele der Fachwelt und den Spielern vorzustellen. Bis auf den Sonntag sind alle Messetage schon ausverkauft. 230.000 Besucher werden erwartet. Argentinien, Indonesien, Kuwait, Slowakei und Island sind im Vergleich zum Vorjahr neu dabei, 53 Länder sind es insgesamt.
Nach Deutschland sind die USA mit gut 100 Ausstellern das am stärksten vertretene Land vor Frankreich, China und Polen. Es ist auch ein Statement aus dem Trump-Land, betont die Branche doch stets ihre zusammenführende Rolle, Völkerverständigung und Vielfalt.
Mischwald und Cozy Stickerville typische Erfolgstitel
Auf der stets vollen und lauten Messe werden an Tausenden Tischen neue Spiele erklärt und gespielt – und in der Tat finden dort Jung und Alt verschiedenster Nationen und Sprachen unkompliziert zusammen. Der Trend der kooperativen Spiele setzt sich fort. Hinzu kommt, dass mehr Spiele in Teams gespielt werden. Beliebt sind Themen wie Natur und eben „cozy“, also behaglich, heimelig, wohlig.
Cozy Stickerville, nominiert für das Spiel des Jahres, trägt dies schon im Namen. Gemeinsam wird ein Dorf aufgebaut, möglichst so, dass alle dort gerne leben. Der deutsche Erfolgsautor mit dem Künstlernamen Kosch hat mit Mischwald das Leben im deutschen Wald sehr erfolgreich zum Thema gemacht. Beim Deutschen Spielepreis schaffte er es mit seiner Dartmoor-Variante unter die ersten zehn und widmet sich in seinem neusten Titel der amerikanischen Natur in den Smoky Mountains.
Mit dem Deutschen Kinderspielepreis wurde Toriki ausgezeichnet, ein Spiel des polnischen Autors Wojciech Grajkowski, bei dem die Spieler auf einer unbekannten Insel gestrandet sind, sie erkunden, neue Tierarten entdecken und sie in einem Lexikon benennen dürfen. Die Jury des Spiels des Jahres nahm das Spiel auf seine Empfehlungsliste für den Hauptpreis, nicht als Kinderspiel.
Pokémon treibt das Geschäft mit Sammelkarten
Das wohlige Spielgefühl, das die Käufer von Spielen immer stärker suchen, je unruhiger die Weltlage wird, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass in der Branche hart um jeden Euro Umsatz gerungen wird. Im Anschluss an die von rund 400 internationalen Fachleuten besuchte Eröffnungs-Pressekonferenz wurden in der Essener Grugahalle auf zwei Etagen mehr als 1000 Neuheiten auf den vielen Spieletischen dargeboten, elf Prozent mehr als im Vorjahr.
Nur die wenigsten Titel verkaufen sich mehr als ein oder zwei Jahre. Im dritten Jahr extrem erfolgreich zeigt sich Hitster, das Musik-Ratespiel des niederländischen Jumbo-Verlages. Von einem weiteren Wachstum von 20 Prozent sprach Carol Rapp, Geschäftsführerin der Spiel Essen.
Der zweite Wachstumstreiber der Branche sind Sammelkarten, zuletzt insbesondere Pokémon, aber auch Fußballkarten unter der Lizenz der UEFA. Nach Daten des Dienstleisters Circana wuchs der Spielwarenmarkt in Deutschland bis Ende September um etwa drei Prozent, der Teilbereich Spiele & Puzzle um acht Prozent.
Brettspielmarkt auf der Sonnenseite
Hermann Hutter, Vorsitzender von Spieleverlage e.V., hat die Stimmung von etwa 50 in Deutschland aktiven Verlagen in einem Board Game Index (BGI) zusammengefasst. Demnach hat sich die Lage zum Vorjahr weiter verbessert. 86 Prozent rechnen mit einem stabilen oder besseren Weihnachtsgeschäft, kein Unternehmen mit einem Rückgang. „Der Brettspielmarkt steht auf der Sonnenseite“, sagt Hutter, der auch Vizepräsident des Handelsverbands Deutschland (HDE) ist. „Der Buchhandel liegt bei minus 2,6 Prozent, Möbel bei minus fünf Prozent.“
Spricht man mit den Verlagen, profitieren sie von dem in der Corona Zeit in Gang gesetzten Trend, wieder mehr Brettspiele auf den heimischen Tisch zu bringen. Auch Spielecafés und spezialisierte Einzelhändler entwickeln sich gut. Von steigenden Kosten für Energie und Personal und einem insgesamt eingetrübten Konsumklima angesichts hoher Inflation und steigender Arbeitslosigkeit kann sich die Branche aber nicht frei machen. Die sinkende Geburtenrate in wichtigen Absatzländern führt zu Stagnation im Kinderspiel-Bereich. Viel wichtiger ist aber schon seit vielen Jahren der Bereich der Erwachsenenspiele.
Mit rund einer Milliarde Euro Umsatz in Deutschland ist die Branche für die Wertschöpfung im Lande von keiner besonders hohen Bedeutung. Sie verweist regelmäßig auf die ideelle Bedeutung, Millionen Menschen zusammenzubringen. Zudem werden immer öfter Brücken zu verwandten Branchen gebaut. Verlage wie Pegasus Spiele waren auch in Köln auf der Gamescom präsent mit ihrem App-unterstützen Spiel Boss Fighters, nominiert zum Kennerspiel des Jahres und Platz zwei beim Deutschen Spielepreis. Auch auf der Buchmesse sind die Brettspielverlage präsenter.
Und in Essen werden in den nächsten Tage viele Spieletische stehen, vom Rathaus bis in die Hotels. Nirgendwo sonst auf der Welt tauschen sich auf so geballtem Raum so viele Grafiker, Redakteure, Autoren und Verlagsmanager aus aller Welt über neue Spielideen aus, immer auf der Suche nach dem nächsten Erfolgstitel wie Hitster, Catan oder Exit.