Rolf Dieter Brinkmanns frühe Briefe

Da will einer von Anfang an hoch hinaus, da will einer direkt mit seinen Vorbildern in Kontakt treten und sich nicht mit den kleinmütigen Geistern seiner ländlichen Herkunft abgeben. Gerade mal sechzehn Jahre alt ist Rolf Dieter Brinkmann, als er Anfang Mai 1956 einen kurzen Brief an eines seiner literarischen Idole, an den in den Fünfzigerjahren zu neuerlichem Ruhm gelangten Gottfried Benn, abschickt. Ohne Umschweife setzen die wenigen Zeilen – der älteste erhaltene Brief Brinkmanns – ein, fallen gewissermaßen mit der Tür ins Haus: „Gottfried Benn! Es ist der 2. Mai. Ihr Geburtstag. Und es ist Abend. Ich sitze hier und vor mir liegt eines Ihrer Gedichte.“

Geschrieben hat Brinkmann diesen Gruß nach Berlin in seinem Geburtsort Vechta im Oldenburger Münsterland, in dieser „grässlichen Stadt, die ich so sehr hasse, mit diesen Menschen, vor denen ich einen Ekel habe“. Er steht am Anfang der auf drei Bände konzipierten Vechtaer Ausgabe, die Brinkmanns Briefe bis zu seinem frühen Unfalltod 1975 versammeln soll. Gut einhundert davon umfassen die Jahre 1956 bis 1959, mal knapp gehaltene Postkarten, mal ausschweifende, zum Monologischen neigende briefliche Auslassungen, denen oft eigene literarische Arbeiten, Gedichte vor allem, beigegeben sind.

Die Erwachsenenwelt kam ihm vor wie Kot und Auswurf

Was Brinkmann seinen Korrespondenzpartnern schreibt, ja zumutet, hat sich erhalten, nicht jedoch – von wenigen Ausnahmen abgesehen – deren Antworten. Das sorgt notgedungen für Leerstellen, denn zu gern hätte man gewusst, wie die Adressaten auf Brinkmanns Suaden, auf die oft redundanten (Selbst-)Bezichtigungen und Einsamkeits- und Verzweiflungsschübe reagierten. Das gilt vor allem für seine wenige Monate ältere Jugendliebe Elisabeth Piefke aus Nordhorn, die mit Zuneigungsbekundungen überschüttet wird. Je unwohler sich Brinkmann in seiner Heimatstadt, wo er vergeblich versucht, das Abitur abzulegen, fühlt, je mehr er unter dem frühen Krebstod seiner Mutter leidet und je weniger er weiß, wie er sich in der „Welt des Erwachsenseins“, die ihm „wie Kot und Auswurf“ vorkommt, zurechtfinden soll, desto heftiger klammert er sich an Elisabeth, nötigt ihr fast im Erpressermodus Liebesschwüre ab und denkt sogar an Heirat.

Rolf Dieter Brinkmann „Briefe“. Band I: 1956 bis 1959
Rolf Dieter Brinkmann „Briefe“. Band I: 1956 bis 1959Wallstein Verlag

Die von ihm wortreich Umschwärmte hält davon wenig und zieht sich zu Brinkmanns Entsetzen allmählich zurück. „Zu schwierig“ und „zerrissen“, erinnerte sich Piefke Jahre später, sei ihr Brinkmann damals erschienen; ein Leben mit ihm habe sie sich nicht vorstellen können. Die Verbindung brach dennoch nie gänzlich ab, auch nicht, als Piefke in Köln Zahnmedizin studierte und einen Kollegen heiratete.

So unverkennbar Brinkmann das mitunter pubertäre Klagen über seine Lebensbedingungen und die Einrichtung der Welt schlechthin durch die Verheißungen, die Elisabeth Piefke für ihn bereitzuhalten scheint, zu kompensieren sucht, so wenig zeichnet sich ein Zustand ab, der ihn von seiner „ewigen Heimatlosigkeit“ befreien könnte. Nachdem er – ein geradezu absurdes Vorhaben – als Steueranwärter im Finanzamt sein Glück versucht hat, scheitern seine halbherzigen Anstrengungen, das Abitur in Cloppenburg und Meppen nachzuholen. Erst als er als Lehrling in eine Essener Buchhandlung eintritt, scheint er an keinem ganz unpassenden Ort angekommen zu sein; in deren Umfeld lernt er später seine Frau Maleen und Ralf-Rainer Rygulla kennen, mit dem er 1969 die vielbeachtete Anthologie „ACID – Neue amerikanische Szene“ herausgeben wird.

Rühmkorf bescheinigte ihm ästhetischen Provinzialismus

Buchhandlungen sind für den Schüler Brinkmann Refugien für intellektuelle Herausforderungen und Entdeckungen. Obwohl sein Budget keine großen Sprünge erlaubt, deckt er sich mit zeitgenössischer Literatur ein, um sein Bewusstsein für das eigene Schreiben zu schärfen. Er liest moderne Klassiker wie Rimbaud, Mallarmé, Alain-Fournier, T. S. Eliot, Benn oder Musil, analysiert die zeitgenössische Lyrik – von Paul Celan, Ingeborg Bachmann, Alexander Xaver Gwerder und Heinz Piontek –, setzt sich mit Schriften von Eduard Spranger, Sartre und Freud auseinander und notiert aus dem Geist eines „Pessimistischen Nihilismus“, was Literatur zu leisten vermag.

Das Lesen soll über das „müde Dahinsiechen“ des Alltags hinweghelfen und zum Motor der eigenen Arbeit werden. Wiewohl er sich mitunter kokett als „kleiner Dichterling“ oder „Dorftrottel“ bezeichnet, macht er aus seinen publizistischen Ambitionen keinen Hehl. Er stellt Gedichtbände zusammen, schreibt an Erzählungen – unverhohlen mit dem Ziel, seine Texte zu veröffentlichen. Er wendet sich selbstbewusst – sich hier und da ein, zwei Jahre älter machend – an einflussreiche Herausgeber und Lektoren wie Hans Bender und Wolfgang Weyrauch; auch der Verleger Peter Suhrkamp erhält Post und lässt seinen Mitarbeiter Walter Boehlich freundlich darauf antworten, der freilich „wirklich poetische Aussagekraft“ vermisst und eine Abhängigkeit von Vorbildern moniert. Noch strenger formuliert 1959 Peter Rühmkorf, damals Lektor im Rowohlt Verlag, in einem internen Gutachten: „Gezähmter Mallarmé, verschnittener Trakl, ondulierter Goll. Die üblichen, harmlos-gefälligen Vorstellungsketten, die man in der ästhetischen Provinz als modern empfindet.“

Brinkmann lässt sich davon nicht abschrecken. Überraschend ist dabei vor allem seine Korrespondenz mit dem knapp sechzigjährigen Bremer Manfred Hausmann, mit dessen Romanen und Gedichten Brinkmann wohl wenig anzufangen wusste. Doch ausgerechnet Hausmann regt den ungestümen Provokateur zum Nachdenken an, weil er den „Dünkel“ in Brinkmanns wütendem Aufbegehren erkennt.

Der unpraktisch veranlagte, aber genaue Beobachter

Die literarischen Gatekeeper konnten Ende der Fünfzigerjahre mit dem jungen Vechtaer Stürmer und Dränger nichts anfangen, was diesen – eine typische Reaktion des Selbstschutzes – dazu veranlasste, das „falsche Geflimmer“ des Literaturbetriebs zu geißeln, dem er gar nicht angehören wolle. Hier bereits bahnen sich die permanenten späteren Provokationen des enfant terrible Brinkmann an, dessen Wutausbrüche legendär wurden und Marcel Reich-Ranicki dazu verleiteten, ihn als „ungewöhnlich ordinären und abstoßenden Menschen“ zu bezeichnen.

Bei allem, was Brinkmann in seinen frühen Briefen an Liebessäuseleien, (Selbst-)Hasstiraden und literarischen Erörterungen auffährt, zeigt sich nicht zuletzt sein Beobachtungstalent, sein geschärftes Interesse für Alltagsbegebenheiten, das sich im postum erschienenen Band „Rom, Blicke“ herausragend niederschlug. So schildert er in seinen Jugendbriefen en détail die Torturen, die er auf einem Zahnarztstuhl erleidet, oder kommt nicht umhin, Elisabeth Piefke sein Ungeschick bei Kaufhausbesuchen mitzuteilen: „… wo ich nur einen Binder (–,85 DM) und ein paar Unterhosen – lach nicht respektlos – erstand (am besten, Du gehst nächstes Mal mit – beim Unterhosenkauf!), denn wie du weißt, bin ich so in diesen Dingen völlig Dingen unpraktisch veranlagt!“

All diese Höhenkämme und Niederungen lassen sich in dem vorzüglich edierten Briefband nachlesen, der ein scharfes Licht auf Brinkmanns lange im Dunkeln gebliebenen Vechtaer Jahre wirft. Markus Fauser und Annkathrin Sonder sind deren Spuren akribisch nachgegangen und haben bislang kaum Bekanntes zu den Biographien von Brinkmanns Jugendgefährten, darunter seinem wichtigen Briefpartner Andreas Neumann, zusammengetragen. Die angemessenen Kommentierungen und präzisen Angaben zur materiellen Beschaffenheit der Textträger lassen keine Wünsche offen, und vielleicht trägt die Edition sogar dazu bei, das leichtfertige Gerede vom „Kultautor“ Brinkmann und die – so Markus Fauser – endlos tradierten „Mythen und Gerüchte“ über seine Lebensgeschichte ein wenig einzudämmen.

Rolf Dieter Brinkmann: „Briefe I“. 1956 bis 1959. Hrsg. und kommentiert von Markus Fauser und Annkathrin Sonder. Wallstein Verlag, Göttingen 2026. 562 S., Abb., geb., 34,– €.